Abnehmspritzen lassen die Kilos purzeln – doch manchen Männern droht Haarausfall
Eine Genanalyse deutet darauf hin, dass GLP-1-Medikamente bei erblich vorbelasteten Männern das Haarausfallrisiko erhöhen könnten.
Abnehmspritzen wie Ozempic und Wegovy wirken auf den GLP-1-Signalweg. Eine neue Genanalyse deutet darauf hin, dass dieser bei erblich vorbelasteten Männern auch mit Haarausfall zusammenhängen könnte. © Pexels
Abnehmspritzen helfen vielen Menschen ihr Gewicht deutlich zu reduzieren – doch bei manchen Männern könnte dabei noch etwas anderes verloren gehen: Haare. Als Erklärung für den Zusammenhang zwischen Abnehmspritze und Haarausfall galt bislang vor allem der schnelle Gewichtsverlust. Nun liefert eine genetische Analyse Hinweise auf einen zweiten möglichen Mechanismus: Eine stärkere Aktivität des GLP-1-Rezeptors könnte bei erblich vorbelasteten Männern das Risiko für typischen Haarausfall erhöhen. Der Effekt lag in der Analyse bei rund sieben Prozent.
Hinter der Untersuchung steht ein Team der NYU Langone Health und der NYU Grossman School of Medicine. Im Blick hatten die Forscher die androgenetische Alopezie – die häufigste Form erblich bedingten Haarausfalls bei Männern. Typisch sind zurückweichende Haarlinien und lichter werdendes Haar an Stirn und Oberkopf. Veröffentlicht wurde die Studie im Journal of Investigative Dermatology.
Warum Abnehmspritze und Haarausfall zusammenhängen könnten
GLP-1-Medikamente ahmen die Wirkung des körpereigenen Hormons GLP-1 nach. Wirkstoffe dieser Klasse kommen gegen Typ-2-Diabetes und Adipositas zum Einsatz. Sie wirken dabei auf mehrere Arten:
- Sie beeinflussen den Blutzucker.
- Sie bremsen den Appetit.
- Sie können dadurch zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen.
Zu den bekanntesten Präparaten gehören Ozempic und Wegovy mit dem Wirkstoff Semaglutid sowie Zepbound mit Tirzepatid.
Haarausfall nach einer starken Gewichtsabnahme ist allerdings kein völlig neues Phänomen. Der Körper kann auf eine rasche Gewichtsveränderung mit einem sogenannten Telogen-Effluvium reagieren. Dabei wechseln ungewöhnlich viele Haare gleichzeitig in die Ruhephase und fallen einige Wochen oder Monate später aus. Häufig wächst das Haar wieder nach, sobald sich Gewicht und Stoffwechsel stabilisiert haben.
Gene liefern nun einen zusätzlichen Hinweis
Die Forscher untersuchten deshalb, ob neben diesem vorübergehenden Haarausfall auch die GLP-1-Signalwirkung selbst eine Rolle spielen könnte. Dafür nutzten sie große genetische Datensätze. Im Mittelpunkt stand das Gen GLP1R. Es enthält den Bauplan für den GLP-1-Rezeptor, an den auch entsprechende Medikamente im Körper binden.
Menschen unterscheiden sich genetisch darin, wie aktiv dieses Gen ist. Die Forscher nutzten Varianten, die natürlicherweise mit einer höheren GLP1R-Expression verbunden sind. Diese genetischen Unterschiede dienten als Annäherung an eine stärkere Aktivität des GLP-1-Signalwegs. Anschließend verglichen sie diese Daten mit genetischen Merkmalen, die mit androgenetischer Alopezie bei Männern verbunden sind.
Risiko steigt in der Genanalyse um sieben Prozent
Dabei ergab sich ein um etwa sieben Prozent höheres Risiko für erblich bedingten männlichen Haarausfall bei genetisch erhöhter GLP1R-Aktivität. Die Forscher prüften anschließend mehrere mögliche Erklärungen für diesen Zusammenhang. Dazu gehörten Bluthochdruck, Insulinresistenz und niedrigere Testosteronwerte. Das erhöhte Risiko blieb nach diesen Berechnungen bestehen.
„Unsere Untersuchung liefert den ersten genetischen Zusammenhang zwischen der Nutzung des GLP-1-Signalwegs und einem erhöhten Risiko für männlichen erblich bedingten Haarausfall“, sagt Studienleiterin Lynn Petukhova. Die Verbindung sei bereits vermutet worden, bislang aber nicht auf diese Weise wissenschaftlich belegt worden.
Medikamente wurden nicht direkt getestet
Für die Einordnung ist allerdings entscheidend: Die Forscher beobachteten nicht direkt Tausende Männer, die Ozempic, Wegovy oder Zepbound einnahmen. Stattdessen arbeiteten sie mit genetischen Varianten, die eine dauerhaft höhere Aktivität des GLP-1-Rezeptors widerspiegeln. Die sieben Prozent lassen sich deshalb nicht einfach als individuelles Nebenwirkungsrisiko einer Abnehmspritze verstehen.
Auch absolute Zahlen dazu, wie viele Männer durch ein GLP-1-Medikament zusätzlich eine androgenetische Alopezie entwickeln würden, liefert die Arbeit nicht. Die Genanalyse unterstützt vielmehr die Annahme, dass GLP-1-Signalwege biologisch mit erblich bedingtem Haarausfall verbunden sein könnten. Welche Vorgänge dabei direkt im Haarfollikel ablaufen, ist noch ungeklärt.
Forscher prüfen direkte Wirkung am Haarfollikel
Als mögliche Erklärungen diskutiert das Team sowohl direkte Effekte am Haarfollikel als auch indirekte Stoffwechsel- und Hormonwege. Dazu gehören Veränderungen beim Insulinstoffwechsel, beim insulinähnlichen Wachstumsfaktor IGF-1, beim Blutdruck oder beim Testosteron. Welche dieser Mechanismen tatsächlich für den Zusammenhang verantwortlich sind, müssen weitere Untersuchungen klären.
Petukhova hält langfristig auch eine individuellere Behandlung für denkbar. „Wenn künftige Experimente erfolgreich sind, könnten manche Männer und möglicherweise auch Frauen vor einer Behandlung mit GLP-1-Medikamenten auf ihr Haarausfallrisiko untersucht werden“, sagt sie. Denkbar seien außerdem Kombinationen mit Mitteln gegen Haarausfall wie Minoxidil.
Frauen lassen sich bislang nicht mitbewerten
Für Frauen liefert die Analyse noch keine vergleichbare Aussage. Die genetischen Grundlagen und Datensätze zur androgenetischen Alopezie sind bei Männern deutlich besser untersucht. Petukhova und ihr Team wollen deshalb prüfen, ob sich ein ähnlicher Zusammenhang auch bei Frauen nachweisen lässt.
Für die genetischen Berechnungen griffen die Forscher unter anderem auf die eQTLGen-Datenbank mit 31.684 überwiegend weißen Männern und Frauen zurück. Zusätzlich nutzten sie eine Datenbank der Complex Traits Genetics Group mit 205.327 überwiegend weißen Teilnehmern. Diese Zusammensetzung begrenzt zugleich, wie weit sich die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen.
Kurz zusammengefasst:
- Eine genetische Analyse deutet darauf hin, dass eine stärkere Aktivität des GLP-1-Rezeptors bei erblich vorbelasteten Männern das Risiko für androgenetischen Haarausfall erhöhen könnte.
- Der Effekt lag bei rund sieben Prozent und blieb auch nach Berücksichtigung von Bluthochdruck, Insulinresistenz und niedrigem Testosteron bestehen.
- Die Studie untersuchte nicht direkt Männer unter Ozempic, Wegovy oder Zepbound – deshalb lässt sich aus den Daten kein individuelles Nebenwirkungsrisiko für diese Medikamente ableiten.
Übrigens: GLP-1-Abnehmspritzen werden nicht nur mit Haarausfall in Verbindung gebracht – eine weitere Studie fand bei Menschen mit Typ-2-Diabetes auch ein seltenes, leicht erhöhtes Risiko für plötzlichen Sehverlust. Wie groß das Risiko tatsächlich ist und wer besonders betroffen war, mehr dazu in unserem Artikel.
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