Woher kommt die Erschöpfung bei Long Covid? Forscher finden neue Spur im Blut

Long-Covid-Fatigue belastet viele Menschen. Eine Studie verbindet Selenwerte und Autoantikörper nun mit der anhaltenden Erschöpfung.

Nicht der Selenwert allein fiel in der Studie auf: Erst zusammen mit Autoantikörpern gegen das Transportprotein SELENOP war anhaltende Erschöpfung nach Corona etwa doppelt so häufig. © Unsplash

Nicht der Selenwert allein fiel in der Studie auf: Erst zusammen mit Autoantikörpern gegen das Transportprotein SELENOP war anhaltende Erschöpfung nach Corona etwa doppelt so häufig. © Unsplash

Fast zwei Jahre nach einer Corona-Infektion fühlte sich fast jeder vierte Teilnehmer einer Essener Untersuchung noch immer anhaltend erschöpft. Nicht müde nach einem langen Tag, sondern so kraftlos, dass Alltag, Beruf und Belastbarkeit spürbar leiden können. Für Long-Covid-Fatigue gibt es bislang keine einfache Erklärung, keinen einzelnen Blutwert und keine sichere Standardtherapie. Eine neue Arbeit aus Essen und Berlin liefert nun eine Spur, die den Blick auf eine kleine Gruppe Betroffener lenkt.

Die Studie erschien im Fachjournal Redox Biology. Forscher der Universität Duisburg-Essen, der Universitätsmedizin Essen und der Charité Berlin untersuchten 750 Erwachsene, deren SARS-CoV-2-Infektion per PCR bestätigt worden war. Im Schnitt lagen 21,9 Monate zwischen Infektion und Untersuchung. 173 Teilnehmer berichteten weiterhin über Fatigue. Das entspricht 23,1 Prozent. Im Blut suchte das Team nach Selen, nach dem Transportprotein Selenoprotein P, kurz SELENOP, und nach Autoantikörpern gegen dieses Protein.

Warum Selenmangel allein Long-Covid-Fatigue nicht erklärt

Selen ist ein Spurenelement, das der Körper nur in kleinen Mengen braucht. Trotzdem erfüllt es wichtige Aufgaben. Es steckt in Eiweißen, die Zellen vor oxidativem Stress schützen und an der Aktivierung von Schilddrüsenhormonen beteiligt sind. SELENOP bringt Selen über das Blut in verschiedene Gewebe. Dazu gehören auch hormonbildende Organe und das Gehirn. Wenn dieser Transport gestört ist, könnte Selen zwar im Blut messbar sein, in bestimmten Geweben aber schlechter ankommen.

Die neue Untersuchung spricht nicht für eine einfache Gleichung nach dem Muster: wenig Selen gleich Long-Covid-Fatigue. Niedrige Selenwerte allein hingen nicht überzeugend mit anhaltender Erschöpfung zusammen. Auch niedrige SELENOP-Werte oder Autoantikörper für sich genommen ergaben kein klares Muster. Auffällig wurde erst die Kombination aus niedrigem Selenstatus und Autoantikörpern gegen SELENOP.

Die Autoren fassen den Befund so zusammen: Niedrige Selen- oder SELENOP-Werte seien zusammen mit SELENOP-spezifischen Autoantikörpern „mit einer etwa doppelt so hohen Häufigkeit anhaltender Fatigue verbunden“.

Eine kleine Gruppe zeigt auffällige Blutwerte

Niedrige Serum-Selenwerte fanden die Wissenschaftler bei 478 der 750 Teilnehmer, also bei 63,7 Prozent. Niedrige SELENOP-Werte kamen bei 672 Personen vor, das waren 89,6 Prozent. Erhöhte Autoantikörper gegen SELENOP traten dagegen nur bei 29 Personen auf. Das entspricht 3,9 Prozent. Die auffällige Kombination war noch seltener:

  • 14 Teilnehmer hatten niedriges Selen und erhöhte SELENOP-Autoantikörper.
  • 24 Teilnehmer hatten niedriges SELENOP und erhöhte SELENOP-Autoantikörper.

Trotz der kleinen Gruppen fiel der statistische Unterschied auf. Bei niedrigem Selen plus Autoantikörpern lag die Häufigkeit von Fatigue 2,16-fach höher als in der Vergleichsgruppe. Bei niedrigem SELENOP plus Autoantikörpern lag sie 2,15-fach höher. Die Fallzahlen waren klein, deshalb bleiben die Werte unsicher. Aus dem Befund lässt sich noch keine Behandlungsempfehlung ableiten.

Warum das Immunsystem bei Long-Covid-Fatigue mitwirken könnte

Die Forscher verweisen auf eine mögliche Verbindung zwischen Entzündung, Selenstoffwechsel und fehlgeleiteter Immunreaktion. Nach Infektionen können entzündliche Botenstoffe länger aktiv bleiben. Solche Signale können die Bildung bestimmter Selenoproteine verringern. Bei einzelnen Menschen könnten zusätzlich Autoantikörper gegen SELENOP entstehen. Dann trifft ein ohnehin niedriger Selenstatus auf eine Immunreaktion, die den Transport des Spurenelements weiter behindern könnte.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Zusammenspiel von Selenstoffwechsel und Immunreaktion bei einem Teil der Long-Covid-Fälle eine Rolle spielen könnte“, sagt Prof. Börge Schmidt vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und der Universitätsmedizin Essen.

Prof. Mirko Trilling vom Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen ordnet den Befund ebenfalls biologisch ein: Er verbessere „unser Verständnis der biologischen Mechanismen hinter anhaltender Erschöpfung im Kontext von Infektionsereignissen“.

Warum aus der Studie noch keine Behandlung folgt

Für die Studie spricht die klare Ausgangsbasis: Alle Teilnehmer hatten eine PCR-bestätigte Infektion aus der frühen Pandemie, zwischen Februar und November 2020. Die Untersuchung beruhte auf einer bevölkerungsbasierten Stichprobe aus Essen. Die Laboranalysen liefen verblindet. In den statistischen Modellen berücksichtigten die Forscher unter anderem Alter, Geschlecht, Bildungsjahre, Zeit seit der Infektion und eine Impfung mit viralem Vektorimpfstoff.

Die Arbeit hat dennoch begrenzte Aussagekraft: Sie ist eine Beobachtungsstudie mit einem Querschnittsdesign. Blutwerte und Beschwerden wurden zu einem späteren Zeitpunkt erhoben. Dadurch bleibt offen, ob der gestörte Selenstoffwechsel zur Fatigue beiträgt oder ob Krankheit und Entzündung die Werte verändert haben. Außerdem beruhte die Angabe von Fatigue auf Selbstauskünften. Eine unabhängige klinische Diagnose lag nicht zugrunde. Die Gruppe mit Autoantikörpern war klein, und die Rücklaufquote der PostCove-Studie lag bei 19,4 Prozent.

Aus den Ergebnissen folgt daher keine Empfehlung für Selenpräparate gegen Long-Covid-Fatigue. Auch ein fertiger Bluttest für Arztpraxen ergibt sich daraus nicht. Die Arbeit grenzt vielmehr eine mögliche Untergruppe ein: Menschen, bei denen niedrige Selen- oder SELENOP-Werte zusammen mit Autoantikörpern gegen SELENOP auftreten. Die Autoren betonen selbst, der Befund betreffe „nur einen kleinen Teil der betroffenen Personen“ und sei nicht die einzige oder häufigste Stoffwechsel-, Immun- oder Hormonstörung bei anhaltender Fatigue nach Corona.

Kurz zusammengefasst:

  • Long-Covid-Fatigue bedeutet anhaltende Erschöpfung nach einer Corona-Infektion. In der Essener Studie berichteten 23,1 Prozent der 750 Teilnehmer noch nach knapp 22 Monaten darüber.
  • Auffällig war nicht ein niedriger Selenwert allein, sondern die Kombination aus niedrigen Selen- oder SELENOP-Werten und Autoantikörpern gegen das Selen-Transportprotein SELENOP.
  • Die Studie liefert keine Ursache und keine Therapieempfehlung, aber einen Hinweis auf eine kleine Untergruppe, bei der Selenstoffwechsel und Immunreaktion zusammenhängen könnten.

Übrigens: Eine andere Analyse zu Long Covid zeigt, dass Erschöpfung nach Corona tief im Immunsystem verankert sein kann – selbst nach milden Verläufen. Veränderte Immunzellen und anhaltende Entzündungssignale im Blut könnten erklären, warum Betroffene monatelang nicht zu Kräften kommen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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