Eärendil-1: Weltraumspiegel soll nachts Sonnenlicht auf die Erde bringen
Ein US-Startup darf den 18 Meter großen Weltraumspiegel Eärendil-1 testen, der Sonnenlicht gezielt auf die Erde lenken soll.
Eärendil-1 soll mit einem 18 Meter großen Reflektor Sonnenlicht aus dem Erdorbit gezielt auf ausgewählte Gebiete lenken – zunächst als technischer Test. © Reflect Orbital
Ein 18 Meter großer Spiegel soll sich im niedrigen Erdorbit entfalten und Sonnenlicht gezielt auf die Erde lenken. Das US-Startup Reflect Orbital darf dafür seinen ersten Demonstrationssatelliten Eärendil-1 starten und betreiben. Die US-Kommunikationsbehörde FCC hat die entsprechende Genehmigung erteilt.
Der Weltraumspiegel soll zunächst beweisen, dass sich eine extrem dünne, stark reflektierende Folie im All zuverlässig entfalten und präzise steuern lässt. Reflect Orbital will Sonnenlicht auf ausgewählte Gebiete am Boden lenken. Langfristig soll die Technik Solaranlagen auch nach Sonnenuntergang länger mit Licht versorgen.
Weltraumspiegel soll Sonnenlicht präzise zur Erde lenken
„Unsere erste Mission wird ein entscheidender Moment auf unserem Weg sein“, teilt Reflect Orbital mit. Das Unternehmen will mit Eärendil-1 seine Technik und die entwickelten Schutzmaßnahmen unter realen Bedingungen testen. Die gewonnenen Daten sollen in spätere Planungen einfließen.
Die Idee erinnert an ein früheres Experiment aus Russland. 1993 entfaltete die Raumfahrtmission Znamya 2 einen rund 20 Meter großen Spiegel im All. Ein Lichtfleck zog damals über Teile Europas. Reflect Orbital verfolgt jedoch ein anderes Ziel: Das Unternehmen will reflektiertes Sonnenlicht kontrolliert und gezielt an bestimmte Orte schicken.
Der erste Test soll die Steuerung im All prüfen
Eärendil-1 soll nach Angaben des Unternehmens Licht auf begrenzte Zielgebiete lenken. Dabei ist von Bereichen mit einem Durchmesser von etwa fünf bis sechs Kilometern die Rede. Solche Beleuchtung könnte später kommerziell, in der Landwirtschaft oder bei Notfalleinsätzen genutzt werden.
Der wichtigste Anwendungsfall bleibt jedoch die Energieversorgung. Reflect Orbital will vorhandene Solaranlagen länger nutzbar machen. Sonnenlicht aus dem Orbit könnte Solarparks nach Sonnenuntergang zusätzlich beleuchten. Das Unternehmen spricht dabei von „Sonnenlicht auf Abruf“. Windkraft, Speicher, Kernenergie oder Geothermie soll die Technik nach eigenen Angaben nicht ersetzen.
Reflect Orbital plant eine riesige Satellitenflotte
Die langfristigen Pläne reichen weit über einen einzelnen Test hinaus. Space.com berichtete über eine mögliche Konstellation von bis zu 50.000 Spiegel-Satelliten bis 2035. Eine solche Flotte könnte Sonnenlicht regelmäßig an verschiedene Orte auf der Erde lenken.
Genehmigt ist bislang jedoch nur der Demonstrationssatellit Eärendil-1. Die FCC erteilte eine begrenzte Zulassung für den Test der neuen Technik. Damit darf Reflect Orbital zunächst prüfen, wie sich der große Reflektor im niedrigen Erdorbit verhält und wie genau sich das Licht steuern lässt.
Astronomen warnen eindringlich vor künstlichem Licht
Gegen das Projekt regt sich deutlicher Widerstand. Laut einem Bericht von Interesting Engineering gingen mehr als 1.800 öffentliche Stellungnahmen bei der FCC ein. Astronomen und andere Kritiker befürchten zusätzliche Lichtverschmutzung und Störungen bei Beobachtungen des Nachthimmels.
Auch mögliche Auswirkungen auf Tiere und Ökosysteme werden diskutiert. Künstliches Licht in der Nacht kann natürliche Aktivitäts- und Ruhephasen beeinflussen. Besonders heikel wäre deshalb nicht ein einzelner kurzer Test, sondern eine große Flotte aus Tausenden oder Zehntausenden Satelliten.
Reflect Orbital betont dagegen, den Einsatz räumlich und zeitlich begrenzen zu wollen. Der Lichtstrahl soll nur auf vorgesehene Zielgebiete gerichtet werden. Zudem plant das Unternehmen nach eigenen Angaben Möglichkeiten zum schnellen Abschalten und will sensible Regionen wie Observatorien und geschützte Lebensräume meiden.
Das Unternehmen verspricht strenge Grenzen für den Einsatz
„Der Nachthimmel ist wichtig. Dunkelheit ist wichtig. Astronomie ist wichtig“, schreibt Reflect Orbital. Auch Wildtiere, Ökosysteme, die menschliche Gesundheit und kulturelle Interessen müssten berücksichtigt werden. Der Himmel dürfe nicht so behandelt werden, als gehöre er einem einzelnen Unternehmen, einem Land oder einer Generation.
Das Unternehmen will nach eigenen Angaben erst beweisen, dass reflektiertes Sonnenlicht präzise kontrolliert werden kann. Dazu gehören begrenzte Helligkeit und Dauer, öffentliche Daten sowie unabhängige Prüfungen. Reflect Orbital erklärt zudem, den Kurs ändern zu wollen, falls die gemessenen Auswirkungen gegen einen größeren Einsatz sprechen.
Eärendil-1 entscheidet über die nächsten Schritte
Für Eärendil-1 geht es deshalb zunächst um einen einzelnen, begrenzten Versuch. Der Weltraumspiegel soll zeigen, ob sich eine große reflektierende Membran unter realen Bedingungen im All entfalten, stabil halten und genau ausrichten lässt.
Erst danach wird sich entscheiden, ob Reflect Orbital seine Pläne weiterverfolgen kann. Gelingt der Versuch, könnte aus einem einzelnen Spiegel ein neues Geschäft mit Sonnenlicht aus dem All entstehen. Scheitert die präzise Steuerung oder fallen die Folgen für Umwelt und Nachthimmel zu groß aus, dürfte der Weg zu einer großen Satellitenflotte deutlich schwieriger werden.
Kurz zusammengefasst:
- Der 18 Meter große Weltraumspiegel Eärendil-1 soll testen, ob sich Sonnenlicht aus dem Erdorbit präzise auf ausgewählte Gebiete lenken lässt.
- Reflect Orbital will damit langfristig unter anderem Solaranlagen nach Sonnenuntergang länger mit Licht versorgen; genehmigt ist bislang nur der einzelne Demonstrationssatellit.
- Astronomen und andere Kritiker warnen vor Lichtverschmutzung und möglichen Folgen großer Satellitenflotten, während das Unternehmen räumliche und zeitliche Begrenzungen verspricht.
Übrigens: Schon heute ziehen Tausende Satelliten als helle Spuren durch Teleskopaufnahmen – geplante Mega-Flotten könnten den Nachthimmel noch deutlich stärker aufhellen. Warum Astronomen vor den Folgen für ihre Beobachtungen warnen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Reflect Orbital
