Hitzewelle in Europa: Dieselbe Wetterlage vor 50 Jahren wäre 3,5 Grad kühler gewesen
Klimawandel und Hitzewelle treffen aufeinander: Heiße Luft aus Nordafrika bringt Europa Tageshitze, warme Nächte und Hitzestress.
Hohe Temperaturen belasten Menschen besonders dort, wo Gebäude, Straßen und Plätze Wärme speichern. Die WWA-Analyse ordnet die aktuelle Hitzewelle als Folge eines deutlich wärmeren Klimas ein. © Unsplash
Der Juni fühlt sich in Teilen Europas an, als sei der Hochsommer zu früh ausgebrochen. In Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Südengland steigen die Temperaturen teils 5 bis 12 Grad über das, was für diese Jahreszeit üblich wäre. Straßen, Schienen und Wohnungen heizen sich auf, nachts bleibt die Wärme in den Städten hängen.
Warum diese Hitzewelle so extrem ausfällt, erklärt eine neue Analyse der Forschungsinitiative World Weather Attribution (WWA). Ein Hochdruckgebiet lenkt heiße Luft aus Nordafrika nach Europa. Dazu kommen klarer Himmel und starke Sonne. Die Wetterlage selbst ist nicht völlig neu. Neu ist das Temperaturniveau, auf das sie trifft.
Klimawandel macht die Hitzewelle deutlich heißer
Vor 50 Jahren hätte dieselbe Lage deutlich weniger Hitze gebracht. Laut Analyse wäre eine vergleichbare Juni-Hitzewelle im Klima von 1976 tagsüber rund 3,5 Grad kühler gewesen. Nachts hätte der Unterschied etwa 2,4 Grad betragen. Das ist für den Körper entscheidend, weil warme Nächte Schlaf und Erholung rauben.
Auch der Vergleich mit 2003 fällt deutlich aus. Damals erlebte Europa einen verheerenden Hitzesommer mit zehntausenden Toten. Trotzdem wäre die aktuelle Juni-Hitze im Klima von 2003 tagsüber noch rund 2 Grad kühler gewesen. Die Nächte hätten im Schnitt etwa 1,3 Grad weniger gebracht.
Der Juni heizt sich besonders schnell auf
Das Team untersuchte die drei heißesten Tage und Nächte im besonders betroffenen Teil Westeuropas. Außerdem werteten sie Daten aus 19 Hauptstädten aus. Ihr Befund: In der untersuchten Region ist die Hitzewelle die schwerste seit Beginn der Aufzeichnungen.
Besonders auffällig ist der Zeitpunkt. Der Juni war in Westeuropa historisch nicht der heißeste Monat. Trotzdem fallen derzeit vielerorts Juni- und sogar Jahresrekorde. Laut Analyse erwärmt sich der Juni in großen Teilen Westeuropas schneller als jeder andere Monat. Die heißesten Tageswerte steigen dabei ungefähr dreimal so schnell wie die globale Durchschnittstemperatur. Die heißesten Nächte erwärmen sich etwa doppelt so schnell.
Die WWA-Analyse verweist auf die Folgen früherer Sommer. 2022 starben in Europa mehr als 60.000 Menschen infolge extremer Hitze. Im etwas kühleren Sommer 2023 wurden immer noch mehr als 47.000 hitzebedingte Todesfälle registriert. Schon eine Hitzewelle Ende Juni des vergangenen Jahres soll in nur zwölf europäischen Städten rund 2.300 Menschen das Leben gekostet haben.

Hitzestress trifft viele Städte gleichzeitig
Feuchte Luft, starke Sonneneinstrahlung und wenig Wind erhöhen die Belastung für den Körper. Die Wissenschaftler berechneten deshalb den Hitzestress mit dem Wet Bulb Globe Temperature Index. Dieser Wert kombiniert Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonnenstrahlung und Luftbewegung.
Während der aktuellen Hitzewelle wurden in rund 45 Prozent der untersuchten europäischen Städte neue Rekordwerte erreicht oder erwartet. Die Analyse umfasst 854 Städte und urbane Regionen mit mehr als 50.000 Einwohnern. In Deutschland, den Niederlanden und Polen lagen mehr als 90 Prozent der untersuchten Städte über ihren bisherigen Spitzenwerten.
Warum Städte besonders stark leiden
Städte speichern Hitze länger als das Umland. Beton, Asphalt und dunkle Dächer nehmen tagsüber Wärme auf und geben sie nachts wieder ab. Enge Straßenschluchten bremsen die Luftbewegung. Wo Bäume, Parks und Wasser fehlen, fehlt auch natürliche Kühlung.
Viele Gebäude in Mittel- und Nordeuropa wurden außerdem für kalte Winter gebaut. Sie halten Wärme im Haus. Bei langen Hitzephasen wird genau das zum Problem. Wohnungen, Schulen, Pflegeheime, Kliniken und öffentliche Verkehrsmittel können sich dann stark aufheizen. Klimaanlagen sind in Europa weniger verbreitet als in anderen Weltregionen. Wer keinen Schatten, kein kühles Zimmer und keine finanzielle Möglichkeit zur Anpassung hat, trägt ein höheres Risiko.
Wetterlage ist bekannt, Hitze ist neu
Die aktuelle Hitzewelle entstand unter einem stabilen Hochdrucksystem. Solche Lagen können warme Luft aus südlichen Regionen nach Europa ziehen. Meteorologisch ist das nicht ungewöhnlich. Der Unterschied liegt in der Ausgangslage: Die Atmosphäre ist heute wärmer.
Die Forscher verglichen ähnliche Wetterlagen aus früheren Jahrzehnten mit heutigen Bedingungen. Bei vergleichbarem Strömungsmuster liegen die Höchsttemperaturen heute in vielen Regionen um etwa 1 bis 4 Grad höher. Auch die nächtlichen Tiefstwerte fallen inzwischen höher aus. Die Wetterlage muss also nicht neu sein, um gefährlichere Folgen zu haben.
Die Wahrscheinlichkeit hat sich stark verschoben
Im Klima von 1976 wäre eine Juni-Hitze dieser Größenordnung laut Analyse praktisch unmöglich gewesen. Selbst im Klima von 2003 wäre die Tageshitze dieser Art etwa zehnmal seltener gewesen als heute. Bei den warmen Nächten fällt der Unterschied noch größer aus. Solche Nachttemperaturen wären 2003 mehr als hundertmal seltener gewesen.
„Dieses Ereignis wäre im Juni ohne den Klimawandel nicht möglich gewesen“, sagte Theodore Keeping vom Imperial College London. Er gehört zum Team der WWA-Analyse. Die Aussage bezieht sich auf die untersuchte Region und die dort gemessenen oder erwarteten Drei-Tage-Werte.
Infrastruktur gerät unter Druck
Extreme Hitze bleibt nicht im Wetterbericht. Sie greift in den Alltag ein. In Frankreich kam es laut WWA-Zusammenstellung zu Schulschließungen, abgesagten Veranstaltungen und Störungen im Bahnverkehr. Gleise dehnen sich bei großer Hitze aus, Oberleitungen reagieren empfindlich. In anderen Ländern meldeten Krankenhäuser mehr Notfälle, Stromausfälle oder Probleme durch steigende Nachfrage nach Kühlung.
Auch die Energieversorgung kann leiden. In Frankreich hängen Teile der Stromproduktion von Kraftwerken ab, die Flusswasser zur Kühlung nutzen. Werden Rhône oder Garonne zu warm, kann die Leistung sinken. Das belastet ein Stromnetz, das an heißen Tagen ohnehin stärker beansprucht wird.
Anpassung wird zur Überlebensfrage
Europa hat seit der tödlichen Hitzewelle von 2003 viel gelernt. Warnsysteme, Hitzeaktionspläne und Gesundheitskampagnen können Todesfälle verhindern. Doch die aktuelle Lage bringt viele Systeme an ihre Grenzen. Schulen, Krankenhäuser, Bahnstrecken, Wohnungen und Stromnetze wurden nicht für dauerhafte Extremhitze geplant.
Nötig werden kühlere Gebäude, mehr Schatten, bessere Stadtplanung und gezielte Hilfe für gefährdete Gruppen. Dazu gehören ältere Menschen, chronisch Kranke, Obdachlose, Menschen in schlecht isolierten Wohnungen, Arbeiter im Freien und Menschen ohne Zugang zu Kühlung.
Klimawandel und Hitzewelle verändern Europas Sommer
Die WWA-Forscher verbinden die aktuelle Hitzewelle klar mit der menschengemachten Erwärmung. Bei rund 1,4 Grad globaler Erwärmung erreicht extreme Hitze bereits ein Niveau, mit dem viele Gesellschaften schwer zurechtkommen. Die Analyse verweist auf fossile Brennstoffe als Haupttreiber dieser Entwicklung.
Die aktuelle Hitzewelle in Europa zeigt, wie schnell sich Sommerhitze verändert hat. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus einer bekannten Wetterlage eine deutlich heißere Gefahr. Friederike Otto vom Imperial College London formulierte es laut Guardian ungewöhnlich direkt: „Ja, das ist Klimawandel, ja, wir sind dafür verantwortlich, ja, wir haben die Lösungen, und nein, wir setzen sie nicht schnell genug um.“
Kurz zusammengefasst:
- Die aktuelle Hitzewelle in Europa entsteht durch eine bekannte Wetterlage: Ein Hochdruckgebiet bringt heiße Luft aus südlichen Regionen nach Europa.
- Laut WWA-Analyse fällt diese Wetterlage heute deutlich heißer aus, weil der Klimawandel das Grundniveau der Temperaturen erhöht hat.
- Eine vergleichbare Juni-Hitzewelle wäre im Klima von 1976 tagsüber rund 3,5 Grad kühler gewesen; besonders belastend sind zudem warme Nächte und Hitzestress in Städten.
Übrigens: Während Europa unter extremer Hitze leidet, zeigen Brände in Grönland, wie weit die Erwärmung inzwischen nach Norden greift. Dort brennt nicht dichter Wald, sondern trockene Tundra mit altem Kohlenstoff im Boden – mehr dazu in unserem Artikel.
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