Kann Dankbarkeit glücklicher machen? Megastudie liefert eine Antwort

Eine Megastudie mit 10.696 Menschen zeigt: Dankbarkeit hebt die Stimmung und kann die Lebenszufriedenheit leicht steigern.

Eine handgeschriebene Dankesbotschaft an einen anderen Menschen erzielte in der Megastudie den stärksten Effekt – stärker als die beliebte Liste mit Dingen, für die man dankbar ist.

Eine handgeschriebene Dankesbotschaft an einen anderen Menschen erzielte in der Megastudie den stärksten Effekt – stärker als die beliebte Liste mit Dingen, für die man dankbar ist. © Pexels

Eigentlich ist Dankbarkeit etwas Merkwürdiges. Schon wenige Minuten, in denen Menschen bewusst darüber nachdenken oder aufschreiben, wofür sie dankbar sind, können verändern, wie sie sich unmittelbar danach fühlen. Dankbarkeit kann sogar die Lebenszufriedenheit erhöhen – besonders stark ist der Effekt allerdings auf die unmittelbare Stimmung, vor allem wenn der Dank eine andere Person erreicht.

Wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt, hat ein internationales Team mit 10.696 Menschen aus 34 Ländern untersucht. Laut der Forschungsstiftung FAPESP verglichen die Wissenschaftler sechs verschiedene Dankbarkeitsübungen mit drei Kontrollaufgaben. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse im Fachjournal PNAS. Direkt nach der jeweiligen Übung bewerteten die Teilnehmer unter anderem ihre Stimmung, ihren Optimismus und ihre Lebenszufriedenheit. Auch Neid und das Gefühl, anderen etwas zurückgeben zu wollen, flossen in die Auswertung ein.

Dankbarkeit steigert die Lebenszufriedenheit

Die deutlichste Veränderung zeigte sich bei der Stimmung. Nach den Dankbarkeitsübungen berichteten die Teilnehmer spürbar mehr positive Gefühle als die Kontrollgruppen. Der Effekt war klein bis mittel (d = 0,37). Negative Gefühle gingen ebenfalls zurück (d = −0,22), der Optimismus nahm leicht zu (d = 0,24).

Bei der Lebenszufriedenheit fiel der Unterschied deutlich geringer aus. Hier war der Effekt sehr klein (d = 0,12). Dankbarkeit machte die Teilnehmer also nicht plötzlich viel glücklicher, sondern erhöhte ihre Zufriedenheit nur leicht. Am stärksten veränderte sich, wie positiv sie sich unmittelbar nach der Übung fühlten.

Ob daraus langfristig mehr Glück oder eine dauerhaft höhere Lebenszufriedenheit entsteht, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Gemessen wurde direkt nach einer einzelnen kurzen Übung. Die Untersuchung sagt daher nichts darüber aus, ob der Effekt Tage, Wochen oder Monate anhält.

Eine Dankesnachricht wirkt stärker als eine Liste

Entscheidend war offenbar auch, was die Teilnehmer mit ihrer Dankbarkeit machten. Die sechs Übungen unterschieden sich deutlich:

  • Dankbarkeitsliste: fünf Dinge oder Umstände aufschreiben, für die man dankbar ist
  • Dankesbrief: einer Person schreiben, den Brief aber nicht abschicken
  • Dankesnachricht: einer Person schreiben und die Nachricht tatsächlich versenden
  • Naikan-Reflexion: überlegen, was man erhalten, selbst gegeben und für andere getan hat
  • Gedankenexperiment: sich vorstellen, wie das Leben ohne etwas Wertvolles aussehen würde
  • Spiritueller Dank: einen Brief an Gott, eine höhere Macht oder ein spirituelles Wesen schreiben

Ausgerechnet die verbreitete Dankbarkeitsliste erzielte im Gesamtdurchschnitt den geringsten Effekt. Am besten schnitt die Übung ab, bei der der Dank tatsächlich eine andere Person erreichte.

„Der größte Effekt zeigte sich, wenn soziale Kontakte explizit einbezogen wurden. Das Thema soziale Kontakte ist zentral“, sagt der Psychologe Paulo Sérgio Boggio von der Mackenzie Presbyterian University laut FAPESP.

Der Vergleich zwischen verschickter und nicht verschickter Nachricht ist dabei besonders interessant. In beiden Fällen formulierten die Teilnehmer ihren Dank schriftlich. Nur bei einer Variante erreichte er tatsächlich den Menschen, an den er gerichtet war – und genau diese Übung schnitt im Gesamtdurchschnitt am besten ab.

Das Land beeinflusst die Wirkung stärker als die Übung

Noch größer als die Unterschiede zwischen den einzelnen Übungen waren die Unterschiede zwischen den Ländern. Dankbarkeit wirkte also nicht überall gleich.

In Mexiko veränderten die Dankbarkeitsübungen Stimmung, Lebenszufriedenheit und die übrigen gemessenen Gefühle im Durchschnitt besonders stark. In Norwegen bewirkten sie dagegen kaum messbare Veränderungen. Brasilien lag im Vergleich der 34 Länder ungefähr im Mittelfeld.

Auch gesellschaftliche Unterschiede könnten die Wirkung beeinflussen. In Ländern mit eher strengen sozialen Regeln stieg die Lebenszufriedenheit nach den Übungen weniger stark. Ähnlich war es dort, wo Hierarchien stärker ausgeprägt sind und Autoritäten einen höheren Stellenwert haben. Mehr Optimismus zeigte sich dagegen in Gesellschaften, in denen Genuss, Freizeit und persönliche Entfaltung wichtiger sind.

Warum Dankbarkeit nicht überall gleich wirkt

Warum die Übungen in manchen Ländern stärker wirkten als in anderen, lässt sich daraus noch nicht eindeutig ableiten. Die Wissenschaftler suchten zunächst nur nach möglichen Zusammenhängen. Hinzu kommt: Die Teilnehmer wurden je nach Land unterschiedlich ausgewählt und die Gruppen waren nicht überall gleich zusammengesetzt.

Am zuverlässigsten wirkte Dankbarkeit auf die Stimmung. In fast allen untersuchten Ländern fühlten sich die Teilnehmer nach den Übungen positiver. Deshalb gehen die Wissenschaftler davon aus, dass dieser Effekt auch in anderen Ländern auftreten dürfte.

Bei Lebenszufriedenheit und Optimismus bleibt der Effekt unsicher

Für die übrigen Ergebnisse lässt sich das nicht mit derselben Sicherheit sagen. Bei Lebenszufriedenheit, Optimismus, negativen Gefühlen, Neid und sozialer Verpflichtung waren die Unterschiede zwischen den Ländern so groß, dass sich kein allgemein positiver Effekt für jedes weitere Land vorhersagen lässt.

„Dankbarkeit ist eine Emotion mit einer sehr starken sozialen Komponente“, sagt Boggio. Sie erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen anderen helfen. Dabei müsse die Hilfe nicht einmal an jene Person zurückgehen, von der zuvor etwas Gutes gekommen sei.

Diese soziale Seite könnte erklären, warum die verschickte Dankesnachricht besser abschnitt als die bloße Liste. Bewiesen ist dieser Mechanismus mit dem Versuch allerdings nicht. Die Wissenschaftler verglichen verschiedene Übungen, isolierten den sozialen Kontakt aber nicht als eigenständigen Faktor.

Was Dankbarkeit leisten kann – und was nicht

Auch die Reichweite der Ergebnisse bleibt begrenzt. Die Teilnehmer absolvierten nur eine kurze Übung, anschließend wurden ihre Gefühle und Einschätzungen erfasst. Aussagen über Depressionen oder andere psychische Erkrankungen lassen sich daraus ebenso wenig ableiten wie über eine langfristig höhere Lebenszufriedenheit.

Kurz zusammengefasst:

  • Dankbarkeit hebt vor allem kurzfristig die Stimmung; die Lebenszufriedenheit verbessert sich nur leicht.
  • Am besten schnitt eine verschickte Dankesnachricht ab, die beliebte Dankbarkeitsliste am schwächsten.
  • Die Effekte unterschieden sich stark zwischen den Ländern; eine langfristige Wirkung wurde nicht untersucht.

Übrigens: Dankbarkeit spielt nicht nur bei kurzen Übungen für Stimmung und Lebenszufriedenheit eine Rolle, sondern steckt auch in einer 10-Minuten-Morgenroutine aus Licht, Bewegung und Atmung, die Stress senken soll. Wie diese Routine aufgebaut ist und warum ihr Erfinder sie mit gesundem Altern verbindet, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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