Wellness-Falle: Gesund leben macht Stress – besonders bei jungen Menschen

Viele junge Menschen tappen in die Wellness-Falle: Laut Studie kann selbst der Wunsch nach Gesundheit Stress und Erschöpfung verstärken.

Fitness-Tracker und Laufschuhe stehen für den Wunsch, gesünder zu leben – der für viele inzwischen selbst zum Stressfaktor wird.

Fitness-Tracker und Laufschuhe stehen für den Wunsch, gesünder zu leben – der für viele inzwischen selbst zum Stressfaktor wird. © Unsplash

Ausreichend schlafen, Sport treiben, auf die Ernährung achten und etwas für die mentale Gesundheit tun – das Streben nach einem gesunden Lebensstil entwickelt sich für viele Menschen zunehmend zu einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin langen To-Do-Liste. Besonders junge Erwachsene erleben Wellness oft als Stress. Sie sollen leistungsfähig sein, gesund leben, gut aussehen und dabei möglichst gelassen wirken.

Eine neue Studie des schweizerischen Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) zeigt, wie sehr der Wunsch nach Wohlbefinden für viele zur Belastung geworden ist. Vor allem bei den 16- bis 24-Jährigen häufen sich Anzeichen von Stress und Erschöpfung. Mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe erlebt häufig Zeitdruck. Nur zwölf Prozent geben an, selten gestresst zu sein.

Stress mit Wellness: Junge Menschen unter Druck

Der Wunsch nach einem guten Leben begleitet heute fast jeden Lebensbereich. Fitness-Apps zählen Schritte, Uhren überwachen den Schlaf und soziale Netzwerke liefern täglich neue Tipps für Ernährung, Gesundheit und Schönheit.

Viele investieren deshalb Zeit in ihre Selbstfürsorge. Trotzdem wächst das Gefühl, nie genug zu tun. „Die Feelgood Revolution, mit Wellness-Angeboten in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Schönheit, ist die Antwort auf die permanente Überlastung in der Hochdruckgesellschaft“, sagt Forscherin Christine Schäfer vom GDI.

Besonders bei jungen Erwachsenen fällt auf, wie eng Leistungsansprüche und Wohlbefinden inzwischen miteinander verknüpft sind. Wer gesund leben möchte, sieht sich oft mit einer Flut von Empfehlungen, Regeln und Erwartungen konfrontiert.

Genug geschlafen und dennoch müde

Unter der Woche schlafen 86 Prozent der Befragten mindestens acht Stunden pro Nacht. Am Wochenende steigt dieser Anteil sogar auf 91 Prozent. Trotzdem fühlt sich mehr als die Hälfte häufig müde.

Offenbar hängt Erschöpfung nicht allein von der Schlafdauer ab. Wer ständig versucht, Beruf, Familie, Gesundheit und persönliche Ziele unter einen Hut zu bringen, verbraucht auch mental viel Energie.

Das GDI spricht in diesem Zusammenhang von einem „Wellness-Paradox“. Darunter verstehen die Forscher einen Kreislauf, in dem die Suche nach mehr Wohlbefinden selbst zusätzlichen Druck erzeugt. „Wellness ist zu einer Art Reparaturwerkstatt für das erschöpfte und angeschlagene Subjekt geworden“, sagt Schäfer.

Der Wunsch nach Gesundheit kostet viele Zeit und Geld

Viele Menschen möchten länger gesund bleiben. Das zeigt sich auch bei der Frage nach dem persönlichen Wunschalter. Im Durchschnitt wünschen sich die Befragten ein Alter von 90 Jahren bei guter Gesundheit. Das liegt mehrere Jahre über der heutigen Lebenserwartung.

Um dieses Ziel zu erreichen, würden viele auch Geld investieren. Im Schnitt halten die Befragten rund 180 Euro pro Monat für eine wirksame Methode zur Lebensverlängerung für angemessen.

Der Markt reagiert auf diese Nachfrage mit einer immer größeren Auswahl an Produkten und Dienstleistungen. Ernährung, Gesundheit und Schönheit wachsen dabei zunehmend zusammen.

Zu den auffälligsten Ergebnissen gehören:

  • 84 Prozent nehmen mindestens ein Nahrungsergänzungsmittel ein.
  • 59 Prozent greifen zu Vitamin D.
  • 64 Prozent nutzen Mineralstoffe.
  • Neun Prozent verwenden bereits GLP-1-Medikamente zur Gewichtsreduktion.

Leistungsdruck trifft Frauen oft besonders stark

Frauen berichten deutlich häufiger von gesellschaftlichem Druck rund um Aussehen, Fitness und Ernährung. Viele investieren mehr Zeit in Pflegeroutinen und bewerten ihr eigenes Erscheinungsbild kritischer als Männer.

Doch auch Männer geraten zunehmend unter Schönheitsdruck. Ein Beispiel liefert der Trend „Brotox“. Dahinter steckt die Nutzung von Botox durch Männer. Mit acht Prozent liegt der Anteil inzwischen sogar über dem der Frauen mit sechs Prozent.

Auch die Offenheit gegenüber Schönheitsoperationen fällt auf. Wären Eingriffe kostenlos und ohne Risiken möglich, könnten sich 30 Prozent der Befragten eine Operation vorstellen.

Bei den bevorzugten Eingriffen zeigen sich Unterschiede:

  • Frauen nennen vor allem Brust und Gesicht.
  • Männer interessieren sich häufiger für Gesicht, Haare, Nase und Bauch.

Viele misstrauen den Versprechen der Wellness-Branche

Der Boom rund um Gesundheit und Selbstoptimierung bedeutet nicht automatisch Vertrauen. Viele Menschen begegnen den Angeboten mit Skepsis.

74 Prozent halten zahlreiche Trends aus den Bereichen Beauty und Anti-Aging für reine Geldmacherei. Mehr als die Hälfte misstraut den meisten Gesundheitsversprechen. Fast vier von zehn Befragten fällt es schwer, seriöse Informationen von übertriebenen Behauptungen zu unterscheiden.

Vor allem jüngere Menschen suchen häufig Rat in sozialen Medien. Knapp jeder Vierte unter 25 Jahren informiert sich dort regelmäßig über Gesundheitsthemen. Dadurch wächst die Zahl der Informationen, aber nicht unbedingt die Orientierung.

Die wirtschaftliche Bedeutung des Marktes bleibt dennoch enorm. Nach Angaben des GDI erreichte die weltweite Wellness-Ökonomie im Jahr 2024 ein Volumen von 6,8 Billionen US-Dollar (rund 5,8 Billionen Euro). Bis 2029 könnte der Markt auf 9,8 Billionen US-Dollar wachsen (rund 8,4 Billionen Euro).

„Die Wellness-Ökonomie ist ein Billionen-Markt, der größer ist als IT, Sport oder Tourismus“, sagt Schäfer. Einen Grund sieht sie darin: „Anders als etwa beim Essen, verspüren wir bei Wellbeing keine Sättigung und sind entsprechend für neue Produkte empfänglich.“

Kurz zusammengefasst:

  • Viele junge Menschen stehen unter hohem Leistungsdruck. Der Wunsch, gesund, fit und attraktiv zu sein, kann zusätzlichen Stress verursachen und das Gefühl verstärken, nie genug zu tun.
  • Ausreichend Schlaf allein schützt nicht vor Erschöpfung. Obwohl die meisten Befragten mindestens acht Stunden schlafen, fühlt sich mehr als die Hälfte häufig müde.
  • Gesundheit und Wohlbefinden sind zu einem riesigen Markt geworden. Gleichzeitig misstrauen viele Menschen den Versprechen der Wellness-Branche und haben Schwierigkeiten, seriöse Informationen von Marketing zu unterscheiden.

Übrigens: Der Druck, ständig leisten zu müssen, beginnt oft schon in der Schule. Neue Daten zeigen, dass inzwischen jeder vierte Schüler in Deutschland psychisch stark belastet ist. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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