Forscher untersuchen Wirkung von Abnehmspritzen auf Demenz und Sucht
Erste Studien geben Hinweise, dass die Abnehmspritze mit einem geringeren Risiko für Demenz einhergeht und Suchtreaktionen eindämmen kann.
Die Wirkstoffe vieler Abnehmspritzen könnten auch im Gehirn ansetzen und dort Gedächtnis, Impulskontrolle und Suchtdruck beeinflussen. © Unsplash
Abnehmspritzen verändern die Behandlung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Viele Patienten verlieren deutlich Gewicht, der Blutzucker sinkt und das Hungergefühl nimmt oft rasch ab. Inzwischen interessieren sich Forscher auch für mögliche Wirkungen jenseits von Stoffwechsel und Gewicht – etwa für die Frage, wie GLP-1-Medikamente das Gehirn beeinflussen.
Erste Hinweise kommen aus Tierstudien, großen Diabetes-Untersuchungen und klinischen Arbeiten. Sie betreffen unter anderem Demenz, geistigen Abbau und Suchterkrankungen. Für neue Therapieempfehlungen reichen die Daten noch nicht. Doch sie fallen so auffällig aus, dass Universitäten und Kliniken weltweit genauer hinschauen – darunter auch die Universität von Kalifornien in San Francisco (UCSF).
Hilft die Abnehmspritze gegen Demenz?
GLP-1-Medikamente stammen ursprünglich aus der Diabetesmedizin. Sie ahmen ein Darmhormon nach, das die Insulinausschüttung unterstützt und den Blutzucker reguliert. 2005 wurde mit Exenatid in den USA erstmals ein solcher GLP-1-Rezeptoragonist gegen Typ-2-Diabetes zugelassen. Inzwischen werden die Wirkstoffe deutlich breiter eingesetzt.
Die Internistin und Adipositas-Expertin Diana Thiara leitet das UCSF Weight Management Program. In einem Kommentar für JAMA Neurology verweist sie auf Hinweise aus Tierstudien: GLP-1 könnte die synaptische Plastizität verbessern. Gemeint ist die Fähigkeit des Gehirns, Verbindungen neu zu bilden und Informationen anders zu verarbeiten oder zu speichern.
Auch weitere mögliche Effekte rücken in den Blick. GLP-1 könnte Entzündungen im Körper verringern, Blutgefäße schützen, freie Radikale eindämmen und Nervenzellen vor Schäden bewahren. Diese Prozesse spielen auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine Rolle.
Dulaglutid senkt Risiko für geistigen Abbau
Besonders interessant wirken Untersuchungen mit Menschen mit Typ-2-Diabetes. Eine große Studie mit rund 9.000 Teilnehmern beobachtete Menschen mit Diabetes und erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko. Teilnehmer, die den GLP-1-Wirkstoff Dulaglutid einnahmen, entwickelten seltener geistige Einschränkungen. Das Risiko für kognitiven Abbau lag um 14 Prozent niedriger als unter Placebogabe.
Jeffrey Fessel, emeritierter Professor für Medizin an der UCSF, wertete mehrere Humanstudien zu GLP-1 und geistigem Abbau aus. Eine Analyse aus Dänemark fiel besonders deutlich aus. Dort sank das Demenzrisiko bei Menschen mit Typ-2-Diabetes unter GLP-1-Medikamenten um 53 Prozent.
In der Studie waren die meisten Teilnehmer jedoch noch vergleichsweise jung, zudem traten insgesamt nur wenige Demenzfälle auf. Eine weitere landesweite Untersuchung mit älteren Patienten fand ebenfalls einen Vorteil für GLP-1-Medikamente, dieser fiel mit 11 Prozent jedoch deutlich kleiner aus.
Auch weitere kleinere Untersuchungen lieferten gemischte Ergebnisse. Insgesamt deuten die Arbeiten laut Fessel aber darauf hin, dass GLP-1-Medikamente die Gefäßgesundheit unterstützen könnten, was besonders bei vaskulärer Demenz wichtig ist.
Gehirnschutz durch Gefäßschutz
Vaskuläre Demenz entsteht häufig durch Schäden an Blutgefäßen im Gehirn. GLP-1-Medikamente könnten hier indirekt wirken. Die Wirkstoffe helfen dabei
- den Blutzucker zu stabilisieren
- Gewicht zu reduzieren
- hohen Blutdruck zu senken
- das Schlaganfallrisiko zu verringern
Diese Punkte beeinflussen auch die Gesundheit der Gefäße im Gehirn. Deshalb vermuten einige Forscher, dass ein möglicher Schutz eher über Herz, Kreislauf und Stoffwechsel entsteht.
In Bezug auf Alzheimer bleibt die Einschätzung zur positiven Wirkung von GLP-1 deutlich vorsichtiger. Die UCSF verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2025. Dort verlangsamten GLP-1-Medikamente die Erkrankung bei bereits betroffenen Alzheimer-Patienten nicht. Thiara hält weitere Entwicklungen trotzdem für möglich. Neue Generationen von GLP-1-Wirkstoffen könnten laut der Medizinerin stärkere neuroprotektive Eigenschaften besitzen. Sie betont aber klar, dass große klinische Studien noch fehlen.
Einfluss der Abnehmspritze auf Suchtdruck
Der mögliche Einfluss von GLP-1-Medikamenten auf das Gehirn könnte auch bei Suchterkrankungen eine Rolle spielen. Forscher untersuchen derzeit, ob die Wirkstoffe das Verlangen nach Alkohol, Opioiden oder anderen Drogen abschwächen können.
Der Neurowissenschaftler Khaled Moussawi von der UCSF beschäftigt sich mit den Mechanismen dahinter. Sucht entsteht nicht allein durch die Droge selbst. Oft lösen bereits bestimmte Orte, Situationen oder Erinnerungen ein starkes Verlangen aus. Solche Reize aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn.
Untersuchungen deuten darauf hin, dass GLP-1-Wirkstoffe diese Reaktionen abschwächen könnten. Dabei spielt möglicherweise der präfrontale Kortex eine Rolle – ein Hirnbereich, der Impulse kontrolliert und Entscheidungen unterstützt. Dadurch könnte das Gehirn weniger stark auf typische Suchtauslöser reagieren.
Neuer Wirkstoff soll Rückfälle bremsen
Besonders aufmerksam beobachten Forscher derzeit den Wirkstoff Brenipatide. Moussawi leitet dazu zwei klinische Studien: eine zu Alkoholabhängigkeit, eine weitere zu GLP-1 als Zusatztherapie bei Opioidabhängigkeit.
Die Dimension ist groß: Laut UCSF leben in den USA rund 28 Millionen Menschen mit einer Alkoholgebrauchsstörung. Weitere 2,7 Millionen Menschen kämpfen mit Opioidsucht.
Sollte Brenipatide erfolgreich sein, wäre es laut UCSF das erste Medikament, das gezielt Hirnmechanismen beeinflusst, die häufig Rückfälle auslösen. Noch bleiben viele Fragen offen. Doch GLP-1-Medikamente gelten inzwischen nicht mehr nur als Mittel gegen Übergewicht und Diabetes.
Kurz zusammengefasst:
- GLP-1-Medikamente wurden ursprünglich gegen Typ-2-Diabetes entwickelt. Sie könnten nach ersten Studien aber auch Prozesse im Gehirn positiv beeinflussen, die mit Entzündungen, Gefäßschäden und geistigem Abbau zusammenhängen.
- Erste Untersuchungen bringen die Abnehmspritze inzwischen auch mit einem möglichen geringeren Risiko für Demenz in Verbindung, besonders bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Risiken.
- Forscher prüfen außerdem, ob GLP-1-Wirkstoffe bei Suchterkrankungen helfen können, weil sie Hirnregionen verändern, die Verlangen, Impulskontrolle und damit Rückfälle steuern.
Übrigens: Während Forscher untersuchen, wie Abnehmspritzen sich auf das Gehirn auswirken, hat eine neue Studie Hinweise auf Demenz in der Handschrift älterer Menschen gefunden. Besonders bei Diktaten gerieten Tempo, Bewegungsfluss und Schreibrhythmus messbar aus dem Takt. Mehr dazu in unserem Artikel.
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