Forscher beobachten überraschenden Nutri-Score-Effekt beim Einkauf

Der Nutri-Score wirkt am stärksten, wenn er farbig und gut sichtbar platziert ist. Rote E-Bewertungen schrecken jedoch weniger ab als erwartet.

Der Nutri-Score wirkt am stärksten, wenn er farbig und gut sichtbar platziert ist. Rote E-Bewertungen schrecken jedoch weniger ab als erwartet.

Der Nutri-Score soll Verbrauchern helfen, die Nährwertqualität von Lebensmitteln im Supermarkt schneller einzuschätzen. © Unsplash

Im Supermarkt entscheiden oft wenige Sekunden darüber, welches Produkt im Wagen landet. Der Nutri-Score soll dabei helfen, Fertiggerichte, Suppen oder Konserven schneller einzuschätzen. Eine neue Untersuchung der Universität Göttingen zeigt nun: Nicht nur die Bewertung von A bis E zählt. Entscheidend ist auch, wie auffällig das Label gestaltet ist.

Der Nutri-Score in Ampelfarben zog die Blicke der Teilnehmer deutlich stärker an als eine graue Variante. Besonders gut funktionierte die Kennzeichnung, wenn sie nicht nur auf der Verpackung stand, sondern zusätzlich auf dem Preisschild.

Farben fallen deutlich stärker auf

Für die Untersuchung analysierte ein Forschungsteam gemeinsam mit der Hochschule Osnabrück, dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik und der Universität Gießen das Auswahlverhalten von 199 Erwachsenen. Die Teilnehmer trugen Eye-Tracking-Brillen, die jede Blickbewegung erfassten.

Vor ihnen stand ein Regal mit zwölf typischen Fertigprodukten. Dazu gehörten Mikrowellenmahlzeiten, Dosenravioli und Instant-Suppen. Die Teilnehmer sollten ein Produkt auswählen. Die einen sahen einen farbigen Nutri-Score auf Verpackung und Preisschild. Andere bekamen eine graue Version zu sehen. Eine weitere Gruppe sah nur den üblichen farbigen Nutri-Score auf der Verpackung. Eine Kontrollgruppe erhielt gar keine Kennzeichnung.

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Farbige Kennzeichnungen zogen die Blicke häufiger und länger auf sich als graue Varianten. Besonders stark wirkte die bunte Kombination auf Verpackung und Preisschild.

Eine Eye-Tracking-Brille erfasste, wie stark der Nutri-Score die Blicke im Supermarkt lenkte.
Marco Buehl Photography Eine Eye-Tracking-Brille zeichnete auf, wohin die Teilnehmer blickten. So erfassten die Forscher, wie stark der Nutri-Score die Aufmerksamkeit im Supermarkt lenkte. © Marco Buehl Photography

Bunte Kennzeichnung erleichtert den Vergleich

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Nutri-Score-Label in Ampelfarben auch auf Preisschildern deutlich besser wahrgenommen wird als in Graustufen“, sagt Erstautorin Isabelle Weiß von der Universität Göttingen. „Die höhere Sichtbarkeit der Labels kann dabei den Produktvergleich erleichtern und dadurch gesundheitsbewusstere Entscheidungen unterstützen“. Je mehr Hersteller den Nutri-Score nutzten, desto einfacher werde dieser Vergleich.

Besonders häufig schauten die Teilnehmer auf Produkte mit dunkelgrünem A oder gelbem C. Diese Bewertungen standen häufig mit der späteren Produktauswahl in Zusammenhang. Wer ein A häufiger betrachtete, griff auch öfter zu einem entsprechend bewerteten Produkt.

Rotes E wirkt kaum abschreckend

Das rote E steht im farbigen Nutri-Score für eine weniger günstige Nährstoffzusammensetzung. Eigentlich soll es als Warnsignal dienen. In der Untersuchung blieb diese erhoffte warnende Wirkung jedoch weitgehend aus. Lebensmittel mit roter E-Bewertung erhielten zwar mehr Aufmerksamkeit, wenn die Kennzeichnung farbig dargestellt wurde. Trotzdem landeten sie weiterhin häufig im Einkaufskorb. Die rote Bewertung beeinflusste die Produktauswahl sogar deutlich schwächer als grüne oder gelbe Einstufungen.

Der Nutri-Score zeigt mit fünf Farben, wie günstig die Nährstoffzusammensetzung eines Lebensmittels ist.
© Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat Der Nutri-Score bewertet Lebensmittel mit fünf Farben und Buchstaben. Die Skala reicht von dunkelgrünem A für eine günstigere bis zu rotem E für eine weniger günstige Nährstoffzusammensetzung. © Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat

Preis und Gewohnheit bleiben entscheidend bei der Wahl

Der Nutri-Score entscheidet demnach nicht allein über den Einkauf. Viele greifen weiterhin zu Produkten, die sie kennen oder bevorzugen. Vor allem diese Faktoren beeinflussen die Wahl:

  • Preis des Produkts
  • persönliche Gewohnheiten
  • Geschmackserwartungen
  • bekannte Marken
  • individuelle Ernährungsweise

Warum Preisschilder künftig wichtiger werden könnten

Viele Teilnehmer des Versuchs richteten ihre Aufmerksamkeit ohnehin regelmäßig auf die Preisangaben. Tauchte dort zusätzlich ein Nutri-Score auf, stieg dessen Wahrnehmung deutlich.

Studienleiterin Dr. Clara Mehlhose sieht darin einen wichtigen Vorteil. „Der Nutri-Score soll eine einfache Orientierung im Supermarkt bieten. Entscheidend ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Informationen auf einen Blick erkennen und verstehen können. Ein mehrfarbiges Label kann dabei hilfreich sein.“

Die Ergebnisse sprechen dafür, farbige Nutri-Score-Kennzeichnungen künftig häufiger auch auf Preisschildern einzusetzen. Dort, wo Kunden ohnehin hinschauen, werden Informationen zur Nährwertqualität schneller wahrgenommen und einfacher verglichen.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein farbiger Nutri-Score fällt im Supermarkt deutlich stärker auf als eine graue Kennzeichnung und erleichtert den schnellen Vergleich von Produkten.
  • Grüne und gelbe Bewertungen beeinflussten die Produktauswahl häufiger, während rote E-Bewertungen zwar wahrgenommen wurden, viele Käufer aber nicht abschreckten.
  • Der Nutri-Score hilft bei der Orientierung, entscheidet jedoch nicht allein über den Einkauf. Preis, Geschmack, Gewohnheiten und Marken spielen weiterhin eine wichtige Rolle bei der Auswahl.

Übrigens: Gesunde Nahrungsmittel wie Linsen, Bohnen, Kichererbsen und Tofu nützen der Herzgesundheit. Eine Analyse der Daten von über 300.000 Menschen bringt den regelmäßigen Verzehr dieser Lebensmittel mit einem deutlich geringeren Risiko für Bluthochdruck in Verbindung. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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