Arzt erklärt, warum wir alle ständig müde sind – und was wirklich dagegen hilft
Viele fühlen sich immer müde – oft steckt kein Schlafmangel dahinter, sondern ein Alltag, der den Körper dauerhaft unter Spannung hält.
Das Handy vor dem Schlafengehen kann den Körper länger wach halten und die Erholung in der Nacht spürbar verschlechtern. © Unsplash
Wer morgens gerädert aufsteht, ist damit längst nicht allein. Viele fühlen sich schon beim ersten Kaffee schlapp, obwohl die Nacht eigentlich lang genug war. Das drückt die Konzentration, bremst im Job und zehrt auf Dauer auch an der Gesundheit. Dahinter steckt oft keine klare Erkrankung, sondern ein Alltag, der dem Körper kaum noch echte Erholung lässt.
Dr. Eidn Mahmoudzadeh, Arzt und Mitbegründer des Sleep Project, erklärt laut Manchester Evening News, warum sich so viele Menschen im Alltag immer müde fühlen – und wie sehr heutige Gewohnheiten uns Schlaf und Energie rauben.
Unser Alltag stresst den Körper
In vielen Arztpraxen gehört Müdigkeit zu den häufigsten Gründen für einen Termin. Etwa jede zehnte Konsultation dreht sich um dieses Thema. Häufig bleibt die medizinische Untersuchung ohne auffälligen Befund.
„Bei der großen Mehrheit der Menschen, die zu uns kommen und sich müde fühlen, finden wir eigentlich nichts“, sagt Mahmoudzadeh. „Es liegt einfach daran, dass Menschen heute sehr beschäftigte, komplexe Leben führen.“
Der entscheidende Punkt liegt im Tagesablauf. Viele Tage verlaufen ohne echte Pausen. Arbeit, private Verpflichtungen und digitale Reize greifen ineinander. Der Körper bleibt dabei oft dauerhaft in einem Zustand erhöhter Anspannung.
Immer müde: Warum der Körper nicht mehr abschaltet
Ein großes Problem ist die ständige Erreichbarkeit. Smartphones begleiten durch den gesamten Tag. Selbst kurze Leerlaufmomente füllen viele mit Nachrichten, Videos oder E-Mails.
„Wir tragen unsere Handys ständig bei uns und checken E-Mails kurz vor dem Schlafengehen oder scrollen durch soziale Medien“, erklärt der Arzt. „Diese Kultur des Immer-Erreichbar-Seins hält uns dauerhaft unter Spannung.“
Der Körper reagiert darauf mit einem aktivierten Stresssystem. Eigentlich sollte sich dieses System am Abend beruhigen. Bleibt es aktiv, verschlechtert sich die Schlafqualität spürbar. Die Folge: Der Schlaf fühlt sich weniger erholsam an, selbst wenn die Dauer lang genug sein müsste.
Schlechter Schlaf trotz ausreichender Stunden
Viele konzentrieren sich auf die reine Schlafdauer. Dabei ist entscheidend, wie tief und ruhig der Schlaf verläuft. Wer bis kurz vor dem Einschlafen aktiv bleibt, erschwert dem Körper den Übergang in echte Erholung.
Wenn man von morgens bis abends durchgehend unter Strom stehe, bekomme man keinen guten Schlaf, so Mahmoudzadeh.
Eine einfache Veränderung kann helfen: eine feste Phase am Abend ohne Bildschirm und ohne Reize. Etwa eine Stunde ruhiger Ausklang mit gedimmtem Licht oder entspannenden Tätigkeiten unterstützt den natürlichen Schlafrhythmus.
Bewegung steigert Energie spürbar
Müdigkeit führt oft dazu, dass Bewegung vermieden wird. Dabei zeigt sich im Alltag ein gegenteiliger Effekt. Regelmäßige Aktivität verbessert die Energie.
„Bewegung ist sehr effektiv, um Stress zu reduzieren, den Schlaf zu verbessern und die Energie zu steigern“, so der Mediziner.
Dabei kommt es weniger auf Intensität an als auf Regelmäßigkeit. Schon kleine Einheiten zeigen Wirkung:
- etwa 15 Minuten Spaziergang am Tag
- rund 20 Minuten Gartenarbeit
- vier bis fünf aktive Einheiten pro Woche
Diese Form der Bewegung stabilisiert den Tagesrhythmus und sorgt für mehr Ausgleich.
Koffein verstärkt das Problem oft unbemerkt
Viele bekämpfen Müdigkeit erst einmal mit Kaffee. Das hilft oft schnell, kann das Problem später aber verschärfen. Koffein blockiert im Gehirn den Botenstoff Adenosin. Dieser Stoff sammelt sich im Laufe des Tages an und erhöht den natürlichen Schlafdruck.
Lässt die Koffeinwirkung nach, kann die Erschöpfung umso deutlicher zurückkommen. Der Arzt beschreibt das so: Am Nachmittag komme es dann oft zum Einbruch, weil das Gehirn registriere, dass das Adenosin weiterhin vorhanden sei.
Hinzu kommt, dass Koffein lange im Körper bleibt. Seine Halbwertszeit beträgt mehrere Stunden. Selbst die letzte Tasse am frühen Nachmittag kann den Schlaf am Abend noch beeinträchtigen. Wer bis mittags mehrere Kaffees trinkt, hat nachts oft noch genug Koffein im Körper, um vor allem den Tiefschlaf zu verschlechtern.
Ernährung beeinflusst Energie über den Tag
Neben Schlaf und Bewegung spielt auch die Ernährung eine Rolle. Besonders schnelle Kohlenhydrate wirken sich direkt auf das Energielevel aus.
Zuckerreiche Lebensmittel lassen den Blutzucker rasch ansteigen. Kurz darauf fällt er wieder ab. Diese Schwankungen führen zu Müdigkeit und Leistungseinbrüchen.
Stabiler bleibt das Energielevel mit einer ausgewogenen Mischung aus:
- komplexen Kohlenhydraten
- Eiweiß
- gesunden Fetten
Diese Kombination sorgt für eine gleichmäßigere Energieversorgung über den Tag.
Wann Müdigkeit ein Warnsignal sein kann
In vielen Fällen hängt Erschöpfung mit dem Alltag zusammen. Es gibt jedoch Situationen, in denen eine genauere Abklärung sinnvoll ist.
Auffällig ist vor allem eine deutliche Veränderung. Wer sich innerhalb weniger Monate deutlich erschöpfter fühlt als zuvor, sollte die Ursache prüfen lassen.
„Wenn sich das Gefühl der Müdigkeit in den letzten drei bis sechs Monaten deutlich verändert hat, kann etwas Medizinisches dahinterstecken“, sagt Mahmoudzadeh.
Weitere Warnzeichen sind ungewolltes Einschlafen am Tag oder ungewöhnliche körperliche Veränderungen. In solchen Fällen kommen verschiedene Ursachen infrage, etwa Blutarmut, Schilddrüsenprobleme oder Stoffwechselstörungen.
Kurz zusammengefasst:
- Dass viele sich immer müde fühlen, hat oft nicht nur mit zu wenig Schlaf zu tun, sondern mit einem Alltag, der den Körper bis abends unter Spannung hält – etwa durch ständige Erreichbarkeit, Bildschirmzeit, Bewegungsmangel und zu viel Koffein.
- Erholsamer Schlaf hängt nicht nur von der Dauer ab, sondern auch von der Qualität: Eine ruhige Stunde ohne Bildschirm vor dem Zubettgehen, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung können die Energie im Alltag spürbar verbessern.
- Müdigkeit sollte ärztlich abgeklärt werden, wenn sie sich in den letzten drei bis sechs Monaten deutlich verändert hat oder Warnzeichen wie ungewolltes Einschlafen am Tag, Gewichtsverlust oder andere auffällige körperliche Veränderungen dazukommen.
Übrigens: Nicht nur zu wenig Schlaf kann dem Körper schaden – auch ständig wechselnde Bettzeiten können das Herz belasten und das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse erhöhen. Eine finnische Langzeitstudie deutet darauf hin, dass vor allem das dauernde Hin und Her bei der Schlafenszeit problematisch ist – mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Unsplash
