Trump lässt Hunderte Tiefsee-Sensoren abschalten – viel wertvolles Wissen ist dabei, verloren zu gehen
Die US-Regierung baut mehr als 900 Tiefsee-Sensoren ab. Forscher warnen vor Lücken bei Klima-, Strömungs- und Meeresdaten.
Techniker warten einen Messsensor an einer Forschungsboje. Solche Systeme liefern wichtige Daten über den Zustand der Ozeane und langfristige Veränderungen im Klima. © Wikimedia
Mehr als 900 Messgeräte liegen auf dem Meeresboden oder hängen an kilometerlangen Verankerungen im Atlantik und Pazifik. Sie registrieren Strömungen, Temperaturen, Sauerstoffgehalte und chemische Veränderungen. Nun soll ein großer Teil dieser Ozeanüberwachung verschwinden. Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump lässt ein Forschungsnetz abbauen, das Wissenschaftler seit Jahren als eines der wichtigsten Beobachtungssysteme der Welt nutzen.
Die Entscheidung betrifft Anlagen vor den Küsten von Oregon, Washington, Alaska und North Carolina sowie eine Messstation zwischen Grönland und Island. Bereits im Juni sollen Spezialschiffe mit dem Rückbau beginnen. Die New York Times berichtete zuerst über die Pläne.
Wie die Ozeanüberwachung jahrelang Daten lieferte
Das Netzwerk namens Ocean Observatories Initiative ging 2016 in Betrieb. Ursprünglich sollte es 25 Jahre lang arbeiten. Die Anlagen kosteten rund 368 Millionen US-Dollar. Für Betrieb und Wartung fielen jährlich etwa 48 Millionen US-Dollar an.
Jede Station besteht aus mehreren Verankerungen, die bis in Tiefen von rund 2800 Metern reichen. An ihnen hängen Sensoren, die laufend Daten sammeln. Roboterfahrzeuge und Unterwasser-Gleiter ergänzen die Messungen und senden Informationen an Forschungseinrichtungen weiter. Die Technik hält enormem Wasserdruck, Salzwasser und Bewuchs durch Meeresorganismen stand.
Tiefsee-Sensoren beobachten eine entscheidende Atlantikströmung
Besonders wichtig gilt eine Station in der Irmingersee zwischen Grönland und Island. Dort verfolgen Forscher Veränderungen der Atlantischen Umwälzströmung, kurz AMOC. Dieses gewaltige Strömungssystem transportiert Wärme rund um den Globus und beeinflusst Wetter und Klima weit über den Atlantik hinaus.
Einige Forscher befürchten seit Jahren, dass sich die AMOC durch die globale Erwärmung abschwächen könnte. Größere Veränderungen hätten weitreichende Folgen für Niederschläge, Temperaturen und Wettermuster. Die Messgeräte in der Irmingersee gehören deshalb zu einer internationalen Forschungskooperation, die diese Entwicklung kontinuierlich verfolgt.
Warum Forscher den Rückbau scharf kritisieren
Die National Science Foundation begründet den Schritt mit einer Neuausrichtung ihrer Forschungsinfrastruktur. Man wolle flexibler auf neue wissenschaftliche Prioritäten und Technologien reagieren.
Bei vielen Wissenschaftlern stößt diese Erklärung auf heftigen Widerstand. Craig McLean, früher kommissarischer Chefwissenschaftler der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA, sieht darin ein grundsätzliches Problem. „Das spiegelt den weiteren Mangel an Verständnis wider, den die derzeitige Regierung für wissenschaftlichen Wert und wissenschaftliche Qualität hat“, sagte er laut der Times. „Mit dem Abbau eines solchen Systems drängen wir die Vereinigten Staaten erneut auf den Rücksitz der weltweiten wissenschaftlichen Führung.“
Klimaforscher verlieren wertvolle Langzeitdaten
Hilary Palevsky vom Boston College arbeitet seit rund zehn Jahren mit Daten aus der Irmingersee. Sie untersucht, wie die Ozeane Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnehmen. Nach ihrer Einschätzung entsteht nun ein Verlust, der sich kaum ersetzen lässt.
„Eine der wirklichen Tragödien besteht darin, dass die effektive Datenerfassung an diesem Standort eine enorme technische Herausforderung war“, sagte Palevsky. „Dabei geht möglicherweise viel Fachwissen verloren.“
Langfristige Messreihen gelten in der Klimaforschung als besonders wertvoll. Viele Veränderungen im Meer verlaufen langsam. Oft werden Trends erst sichtbar, wenn Daten über viele Jahre oder Jahrzehnte vorliegen.
Sensoren halfen bei Fischerei, Wetter und Küstenschutz
Die Anlagen lieferten nicht nur Informationen für Klimaforscher. Vor North Carolina sammelten Sensoren Daten über Küstenströmungen, die Wetter und Fischbestände an der amerikanischen Ostküste beeinflussen. Vor Oregon und Washington erfassten die Systeme Temperatur, Sauerstoffgehalt und Versauerung des Meerwassers. Diese Informationen helfen dabei, Umweltveränderungen früh zu erkennen.
Auch für die Fischerei besitzen solche Daten einen hohen Wert. Veränderungen bei Temperatur oder Sauerstoff können ganze Ökosysteme beeinflussen. Zudem liefern die Messungen Hinweise auf marine Hitzewellen und andere Entwicklungen, die wirtschaftliche Folgen haben können.
Der Abbau könnte mehr als ein Jahr dauern
Nach aktuellen Planungen wird der Rückbau etwa 15 Monate beanspruchen. Nur einige seismische Instrumente an einem aktiven Unterwasservulkan vor Oregon sollen vorerst weiterlaufen. Ihr Betrieb ist noch bis 2028 vorgesehen.
Bereits in den vergangenen Jahren hatte die Trump-Regierung versucht, das Programm massiv zu kürzen. Sowohl 2025 als auch 2026 schlug sie vor, die Finanzierung um 80 Prozent zu reduzieren. Der Kongress stellte die Mittel jedoch wieder bereit. Nun endet das Projekt dennoch.
Für viele Meeresforscher bedeutet das einen Einschnitt, der weit über einzelne Sensoren hinausgeht. Mit jedem abgebauten Messgerät verschwindet ein Stück Beobachtungskapazität aus Regionen, die für das Verständnis von Klima, Ozeanen und Wetter zu den wichtigsten Orten der Erde zählen.
Kurz zusammengefasst:
- Die Trump-Regierung lässt ein großes Netz aus mehr als 900 Tiefsee-Sensoren abbauen, das wichtige Daten zu Ozeanen, Klima und Meeresströmungen liefert.
- Besonders kritisch ist der Verlust von Messdaten aus der Irmingersee, weil Forscher dort Veränderungen der Atlantischen Umwälzströmung beobachten.
- Ohne diese Ozeanüberwachung entstehen Lücken in Langzeitdaten, die für Klimaforschung, Fischerei, Wetteranalysen und Küstenschutz wichtig sind.
Übrigens: Während Trump wichtige Sensoren im Atlantik abbauen lässt, warnen Klimaforscher schon länger vor möglichen Veränderungen der AMOC – doch für Deutschland wäre eine Abschwächung nicht so einfach zu deuten. Warum das Land dadurch nicht automatisch kälter würde und welche Risiken trotzdem steigen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © NOAA Fisheries/Jeff Milisen via Wikimedia unter Public Domain
