Dünger aus Urin: Was in der Toilette landet, lässt Kohlrabi wachsen

Eine Studie mit Kohlrabi zeigt: Dünger aus Urin erzielt ähnliche Erträge wie Mineraldünger. Antibiotika waren im Gemüse nicht nachweisbar.

Gewächshausversuch am IGZ: Forschende testeten bei Kohlrabi, ob Dünger aus aufbereitetem Urin und Toilettenkompost Mineraldünger ersetzen kann. © IGZ/S. Karlowsky

Gewächshausversuch am IGZ: Forscher testeten bei Kohlrabi, ob Dünger aus aufbereitetem Urin und Toilettenkompost Mineraldünger ersetzen kann. © IGZ/S. Karlowsky

Dünger aus menschlichem Urin ist kein allzu appetitlicher Gedanke. Für die Landwirtschaft könnte er dennoch interessant werden. Denn Mineraldünger braucht viel Energie, hängt oft von Importen ab und wird in Krisenzeiten schnell teuer.

Ein Gewächshausversuch mit Kohlrabi zeigt nun, dass aufbereiteter Urin und Kompost aus Trockentoiletten eine ernsthafte Alternative sein könnten. Die Pflanzen brachten ähnlich hohe Erträge wie mit klassischem Mineraldünger. Zudem nahmen sie mehr Stickstoff auf, während im Boden weniger leicht auswaschbarer mineralischer Stickstoff zurückblieb.

Die Untersuchung stammt von Caroline Ganglo und Stefan Karlowsky vom Leibniz-Institut für Gartenbauwissenschaften (IGZ) in Großbeeren. Sie erschien im Fachjournal Frontiers in Environmental Science. Die Wissenschaftler nitrifizierten Urindünger mit Kompost aus Trockentoiletten.

Anschließend prüften sie, wie Kohlrabi darauf wächst, wie viel Stickstoff die Pflanzen aufnehmen und was am Ende im Boden bleibt. Kohlrabi eignet sich dafür gut, weil die Pflanze schnell wächst und viele Nährstoffe braucht.

Dünger aus Urin bringt Kohlrabi auf ähnliche Erträge

Im Gewächshaus schnitt der Recyclingdünger erstaunlich gut ab. Die marktfähigen Erträge lagen auf einem ähnlichen Niveau wie bei einem synthetischen Mehrnährstoff-Mineraldünger. Auch die Biomasse der Pflanzen war vergleichbar. Für die Praxis ist das ein wichtiger Befund, denn beim Gemüseanbau zählt am Ende nicht die Idee hinter dem Dünger, sondern die Ernte.

Die Mischung bestand aus zwei sehr unterschiedlichen Quellen. Der aufbereitete Urin lieferte vor allem Stickstoff. Der Kompost aus Trockentoiletten brachte organische Substanz und weitere Nährstoffe ein. Zusammen ersetzten sie im Versuch die Wirkung des Mineraldüngers.

„Unsere neue Studie reiht sich in die wachsende Zahl von Belegen ein, dass aus menschlichen Exkrementen gewonnene Recyclingdünger für den Anbau einer Vielzahl von Kulturpflanzen geeignet sind, ohne dass dabei Erträge beeinträchtigt werden“, erklärt Karlowsky.

Pflanzen nehmen Stickstoff aus Recyclingdünger gut auf

Auffällig war die Stickstoffaufnahme. Die Kohlrabi-Pflanzen nahmen bei der Düngung mit den Recyclingprodukten 13 Prozent mehr Stickstoff auf als bei der Variante mit Mineraldünger. Stickstoff ist für das Pflanzenwachstum unverzichtbar, kann aber zum Problem werden, wenn er ungenutzt im Boden bleibt und später ausgewaschen wird.

Auch der Boden sah nach der Ernte anders aus. Beim Recyclingdünger fand das Team fünfmal weniger mineralischen Stickstoff im Boden als bei der Mineraldüngung. Dafür lag der organische Stickstoffgehalt 25 Prozent höher. Das spricht dafür, dass der humusreiche Kompost Nährstoffe stärker im Boden bindet. Für die Landwirtschaft wäre das aus zwei Gründen interessant:

  • Weniger frei verfügbarer Stickstoff kann das Risiko von Auswaschung senken.
  • Mehr organisch gebundener Stickstoff kann die Nährstoffspeicherung im Boden verbessern.

Karlowsky beschreibt den Nutzen der Kombination so: „Die von uns verwendete Kombination – bestehend aus stickstoffreichem, nitrifiziertem Urindünger und dem an organischem Kohlenstoff reichhaltigen KIT – lieferte die für das Pflanzenwachstum notwendigen Nährstoffe.“ Außerdem habe sie den kurzfristigen Stickstofffluss im Boden beeinflusst, „was potenziell der Bodengesundheit und der Nährstoffspeicherung zugutekommen könnte“.

Grafische Zusammenfassung der Studie. © Ganglo & Stefan Karlowsky, erstellt mit ChatGPT.
© Ganglo & Stefan Karlowsky, erstellt mit ChatGPT Grafische Zusammenfassung der Studie. © Ganglo & Stefan Karlowsky, erstellt mit ChatGPT.

Warum Dünger aus Urin wirtschaftlich wichtig wird

Die Herstellung von Mineraldünger braucht viel Energie, Rohstoffe und eine funktionierende Lieferkette. Für Landwirte können steigende Energiepreise, geopolitische Krisen und schwankende Düngerpreise schnell zum Kostenrisiko werden. Wenn Nährstoffe aus Abwasser und Toiletten wieder nutzbar werden, entsteht ein anderer Kreislauf: Was bisher als Abfall behandelt wird, könnte zurück in die Landwirtschaft gehen.

Urin enthält viel Stickstoff. Fäkalien liefern unter anderem Phosphor und organische Bestandteile. Beides sind Stoffe, die Pflanzen und Böden brauchen. Phosphor gilt als endliche Ressource, während zu viele Nährstoffe im Abwasser Flüsse, Seen und Meere belasten können. Recyclingdünger könnte also zwei Probleme auf einmal entschärfen: weniger Abfall im Abwassersystem und weniger Abhängigkeit von neu hergestelltem Mineraldünger.

Antibiotikum taucht im Kohlrabi nicht auf

Bei menschlichen Ausscheidungen als Dünger geht es aber sofort um Sicherheit. Niemand möchte Arzneimittelreste oder andere Schadstoffe im Gemüse. Deshalb prüfte das IGZ-Team auch Doxycyclin, ein relativ stabiles Antibiotikum. Es kam im Kompost aus Trockentoiletten vor.

In den essbaren Teilen des Kohlrabis fanden die Forscher keine nachweisbaren Mengen dieses Antibiotikums. Das ist ein gutes Signal, aber noch kein Freifahrtschein für den breiten Einsatz. Recyclingdünger braucht klare Regeln, regelmäßige Kontrollen und Daten aus längeren Versuchen. Wichtig bleiben vor allem diese Punkte:

  • Rückstände von Arzneimitteln und anderen Spurenstoffen
  • mögliche Krankheitserreger
  • Salzgehalt des Bodens bei wiederholter Anwendung
  • Nitratverluste und Phosphorverhalten über längere Zeit

Weitere Forschung ist daher unumgänglich. Langzeitstudien sollen klären, wie sich wiederholte Gaben von Urindünger und Toilettenkompost auf Böden, Pflanzen und Rückstände auswirken. Der Kohlrabi-Test liefert dafür eine erste belastbare Grundlage. Er zeigt, dass Recyclingdünger nicht nur eine ökologische Idee ist, sondern im Versuch eine echte Düngewirkung erreichte.

Kurz zusammengefasst:

  • In einem Gewächshausversuch mit Kohlrabi erzielte Dünger aus aufbereitetem Urin und Toilettenkompost ähnlich gute Erträge wie klassischer Mineraldünger.
  • Die Pflanzen nahmen 13 Prozent mehr Stickstoff auf, während nach der Ernte weniger leicht auswaschbarer mineralischer Stickstoff im Boden zurückblieb.
  • Ein untersuchtes Antibiotikum war im essbaren Kohlrabi nicht nachweisbar. Für den breiten Einsatz braucht es aber weitere Langzeitdaten zu Böden, Rückständen und Sicherheit.

Übrigens: Schon vor dem Kohlrabi-Versuch suchten Experten nach Wegen, Urin als sicheren Recyclingdünger nutzbar zu machen – sogar mit Technik aus der Raumfahrt. In einem Praxistest sollten Hobbygärtner zeigen, wie gut Pflanzen mit keimfreiem Dünger aus synthetischem Urin wachsen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © IGZ/S. Karlowsky

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