Forscher holen Sowjet-Plan zurück: Kann ein Damm in der Beringstraße Europas Wärmepumpe AMOC retten?
Forscher prüfen einen Damm in der Beringstraße. Laut Modell könnte er die AMOC stabilisieren – oder das Risiko erhöhen.
Die Beringstraße trennt Alaska und Russland nur auf rund 80 Kilometern. Laut der Studie könnte ein Damm dort die AMOC beeinflussen. © Wikimedia
Wenn Klimaforscher über die Zukunft Europas sprechen, fällt oft ein Begriff: AMOC. Gemeint ist ein gewaltiges Strömungssystem im Atlantik, das warmes Wasser nach Norden transportiert und damit auch das Klima in Europa beeinflusst. Seit Jahren wächst die Sorge, dass sich diese Atlantikströmung durch die Erderwärmung abschwächen könnte. Manche Studien halten sogar einen Kollaps in diesem Jahrhundert für möglich.
Nun holt ein Forscher der Utrecht University in seiner Studie eine alte Sowjet-Idee zurück: Ein riesiger Damm in der Beringstraße könnte Europas schwächelnde „Wärmepumpe“ im Atlantik stabilisieren. Unter bestimmten Bedingungen könnte eine Sperre zwischen Alaska und Russland die Strömung robuster machen. In anderen Fällen würde sie das Risiko sogar erhöhen.
Damm in der Beringstraße: Warum 80 Kilometer Meer für Europas Klima wichtig werden
Die Beringstraße verbindet den Pazifik mit dem Arktischen Ozean. Zwischen Russland und Alaska liegen dort nur etwa 80 Kilometer Wasser. Durch diese Passage fließt vergleichsweise süßes Wasser aus dem Pazifik Richtung Arktis.
Für die AMOC spielt Salz eine wichtige Rolle. Im Nordatlantik kühlt warmes, salzhaltiges Wasser ab, wird schwerer und sinkt in die Tiefe. Dadurch bleibt die riesige Umwälzbewegung in Gang. Gelangt allerdings zu viel Süßwasser in diese Region, verändert sich die Dichte des Meerwassers. Das Absinken fällt schwerer, die Strömung kann schwächer werden.
Die neue Studie prüfte deshalb einen drastischen Eingriff: Was würde passieren, wenn die Verbindung zwischen Pazifik und Arktis geschlossen wird?
Ein alter sowjetischer Plan erlebt ein Comeback
Bereits in den 1960er-Jahren schlug der sowjetische Ingenieur Pjotr Borissow vor, die Beringstraße mit einem Damm abzuriegeln. Damals hoffte er auf eine wärmere Arktis und mehr landwirtschaftliche Flächen in Russland.
Jelle Soons vom Institut für Meeres- und Atmosphärenforschung Utrecht griff diesen Gedanken nun erneut auf. Der Forscher wollte wissen, ob ein solcher Eingriff die AMOC unter heutigen Klimabedingungen stabilisieren könnte.
„Der wissenschaftliche Artikel über Borissows Pläne erschien damals in einer russischen Fachzeitschrift“, sagt Soons. „Aber er zitierte keine einzige Quelle, um seine Schlussfolgerungen zu stützen.“
Trotzdem blieb die Grundidee interessant. Frühere Untersuchungen hatten bereits Hinweise geliefert, dass die AMOC in früheren Warmzeiten der Erdgeschichte stärker war, als die Beringstraße geschlossen war. Während des Pliozäns vor mehreren Millionen Jahren verband eine Landbrücke noch Asien und Nordamerika.

Die Modelle liefern kein eindeutiges Ergebnis
In einigen Szenarien stabilisierte eine geschlossene Beringstraße die AMOC tatsächlich. Der Nordatlantik blieb salziger. Dadurch konnte das Wasser leichter absinken, die Strömung hielt länger stand – obwohl die CO₂-Konzentration in den Simulationen stark stieg.
In anderen Szenarien passierte das Gegenteil. War die AMOC bereits geschwächt, verschärfte die Sperre die Lage. Eis, Süßwasser und Strömungen verteilten sich anders. Die AMOC verlor weiter an Kraft.
Der Unterschied liegt im Zustand der Strömung. Solange die AMOC noch kräftig genug ist, kann eine geschlossene Beringstraße den Nordatlantik salziger halten. Das Wasser bleibt dichter und sinkt leichter ab. Ist die Strömung bereits stark geschwächt, kippt der Effekt: Dann kann die Sperre Veränderungen bei Eis, Süßwasser und Strömungen auslösen, die den Kollaps eher beschleunigen.
„Wir haben gezeigt, dass es Szenarien gibt, in denen ein solcher Damm funktionieren könnte“, sagt Soons. „Aber wir wissen noch nicht, wie realistisch diese Szenarien sind.“
Der geplante Damm wäre gigantisch
Die vorgeschlagene Konstruktion würde aus drei Abschnitten bestehen:
- etwa 38 Kilometer zwischen Russland und Big Diomede
- rund 4 Kilometer zwischen den beiden Diomede-Inseln
- weitere 38 Kilometer bis Alaska
Insgesamt käme der Damm damit auf ungefähr 80 Kilometer Länge. Die Beringstraße ist dort im Schnitt etwa 50 Meter tief.
Die Autoren halten den Bau technisch nicht grundsätzlich für unmöglich. Sie verweisen auf bestehende Großprojekte wie den Saemangeum-Seedeich in Südkorea. Trotzdem wäre ein Bau in der Arktis extrem schwierig. „Der Standort ist eine große Herausforderung. Es führen keine Straßen dorthin“, sagt Soons.
Tiere und Ökosysteme könnten stark betroffen sein
Die Beringstraße gilt als wichtige Wanderroute für Meeressäuger. Wale, Robben und Walrosse bewegen sich dort zwischen Pazifik und Arktis. Änderungen bei Strömungen, Salzgehalt oder Eisbildung würden viele Lebensräume verändern.
Auch die Fischerei könnte betroffen sein. Hinzu kommen geopolitische Fragen. Der Damm läge zwischen Russland und den USA, also zwischen zwei Staaten mit angespanntem Verhältnis.
Darüber hinaus bleibt offen, wer über einen solchen Eingriff entscheiden dürfte. Geoengineering-Projekte dieser Größenordnung lösen seit Jahren Diskussionen aus, weil ihre Folgen kaum vollständig vorhersehbar sind.
Die Studie nennt auch ein Zeitfenster
Besonders interessant war für die Forscher der Zeitpunkt eines möglichen Eingriffs. In einigen Simulationen half die Sperre nur dann, wenn die AMOC noch relativ kräftig war.
Kam der Eingriff zu spät, beschleunigte sich der Zusammenbruch der Strömung sogar. Die Modelle zeigten also kein einfaches „mehr hilft mehr“.
Teilweise blieb ein Zeitfenster von mehr als 150 Jahren, bevor sich die Wirkung umkehrte. Die Autoren betonen allerdings, dass diese Werte stark vom verwendeten Modell abhängen. Die Studie sei daher als erster Modelltest zu verstehen – nicht als Vorschlag, morgen einen Damm zu bauen.
Warum Geoengineering viele Forscher skeptisch macht
Der Vorschlag gehört zum sogenannten Geoengineering. Gemeint sind technische Eingriffe in das Klimasystem, die die Folgen der Erderwärmung begrenzen sollen. Andere Ideen reichen von künstlichen Wolken bis zu Partikeln in der Atmosphäre, die Sonnenlicht reflektieren.
Viele Wissenschaftler betrachten solche Konzepte mit Skepsis. Sie befürchten, dass technische Lösungen vom eigentlichen Problem ablenken könnten: dem Ausstoß von Treibhausgasen.
Auch Soons sieht den Damm nicht als Ersatz für Klimaschutz. „Geoengineering ist ein bisschen wie eine Magenoperation zur Gewichtsreduktion“, sagt er. „Besser wäre es abzunehmen. Aber wenn das nicht gelingt, könnte man über einen Eingriff nachdenken.“
Kurz zusammengefasst:
- Die AMOC ist ein großes Strömungssystem im Atlantik, das warmes Wasser nach Norden bringt und Europas Klima beeinflusst.
- Forscher der Utrecht University prüfen, ob ein rund 80 Kilometer langer Damm in der Beringstraße die AMOC stabilisieren könnte.
- Die Modelle liefern keine einfache Lösung: Der Eingriff könnte helfen, wenn die Strömung noch stark genug ist – bei einer bereits geschwächten AMOC könnte er den Kollaps sogar beschleunigen.
Übrigens: Im Nordmeer nimmt eine wichtige Strömung zu. Das klingt gut, könnte aber ein Warnsignal sein – weil es mit der schwächer werdenden AMOC zusammenhängt. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © NASA/GSFC/JPL/MISR-Team via Wikimedia unter Public Domain
