Klimawandel und Kriege: Forscher finden brisanten El-Niño-Effekt
Neue Studie zeigt: Während El Niño steigt das Risiko bewaffneter Konflikte besonders in von Dürre betroffenen Regionen.
Wenn wegen El Niño der Regen ausbleibt, geraten viele Regionen unter Druck. Laut Studie steigt dort auch das Risiko bewaffneter Konflikte. © Wikimedia
Wenn Regen über Monate ausbleibt, verlieren Menschen oft mehr als ihre Ernte. Brunnen trocknen aus, Vieh stirbt, Lebensmittel werden teurer, Familien verlassen ihre Dörfer. In Ländern, in denen Armut, Gewalt oder schwache Behörden den Alltag ohnehin erschweren, kann Trockenheit bestehende Spannungen verschärfen.
Forscher der Rice University haben nun untersucht, wie große Klimamuster mit bewaffneten Konflikten zusammenhängen. Ihre Studie erschien im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).
Das Team um Tyler E. Bagwell, Sylvia G. Dee, Frederi Viens und Justin S. Mankin wertete Konfliktdaten aus mehr als 70 Jahren aus. Besonders auffällig: Während El Niño steigt das Risiko bewaffneter Konflikte vor allem dort, wo der Regen ausbleibt. Damit wächst die Sorge, dass Dürren und andere Klimaextreme bestehende Konflikte verschärfen könnten.
El Niño erhöht Risiko vor allem dort, wo es trocken wird
El Niño ist ein Wetterphänomen im tropischen Pazifik. Dort erwärmt sich das Meer ungewöhnlich stark. Das verändert Luftströmungen und das Wetter in vielen Teilen der Welt. Manche Regionen bekommen dann mehr Regen, andere deutlich weniger.
Für Konflikte ist laut Studie vor allem die Trockenheit wichtig. In Regionen, die während El Niño trockener werden, fanden die Forscher deutlichere Hinweise auf ein höheres Risiko bewaffneter Gewalt. In Regionen, die während El Niño eher nasser werden, war der Zusammenhang schwächer.
Dürre trifft viele Regionen unmittelbar. Ernten fallen kleiner aus, Wasser und Weideland werden knapper, Einkommen sinken. Wo ohnehin politische Spannungen oder bewaffnete Gruppen existieren, kann zusätzlicher Druck Konflikte verschärfen.
Forscher werteten Konflikte seit 1950 aus
Das Team untersuchte 575 Ausbrüche bewaffneter Konflikte zwischen 1950 und 2023. Gemeint sind neue Kämpfe innerhalb eines Landes, bei denen mindestens 25 Menschen durch Kampfhandlungen starben.
Anders als viele frühere Arbeiten blickten die Forscher nicht nur auf ganze Staaten, sie ordneten die Konflikte möglichst genau bestimmten Regionen zu. So konnten sie prüfen, ob dort Klimamuster wie El Niño tatsächlich mit Trockenheit, Regen oder anderen Wetterabweichungen zusammenfielen.
Untersucht wurden zwei große Wetterphänomene:
- El Niño: verändert das Wetter weltweit, etwa durch Dürren oder starke Regenfälle.
- Indian Ocean Dipole: ein ähnliches Muster im Indischen Ozean, das besonders Ostafrika und Südostasien betrifft.
Solche Muster wirken wie ein Fernauslöser im Klimasystem. Das Meer erwärmt sich an einer Stelle, doch die Folgen können weit entfernt spürbar werden.
Beim Klimawandel geht es oft um Hitze, Starkregen und Überschwemmungen. Für bewaffnete Konflikte weist die neue Studie jedoch vor allem auf Trockenheit hin.
In Regionen, die während El Niño austrockneten, war der Zusammenhang mit Konflikten fast doppelt so stark wie in Gebieten mit mehr Regen. Überschwemmungen bleiben gefährlich, doch in dieser Auswertung lieferte Dürre das deutlichere Warnsignal.
El Niño macht Kriege wahrscheinlicher als La Niña
Ein starker El Niño erhöhte in einem Modell der Studie die Wahrscheinlichkeit für einen neuen bewaffneten Konflikt gegenüber einer starken La Niña um 46 Prozent. La Niña ist grob gesagt das Gegenstück zu El Niño: Der tropische Pazifik ist dann ungewöhnlich kühl.
Die Modellrechnung zeigt, wie groß der Effekt ausfällt: In einem starken La-Niña-Jahr lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für einen neuen bewaffneten Konflikt bei 3,6 Prozent. In einem starken El-Niño-Jahr stieg sie auf 4,9 Prozent.
Der Unterschied wirkt klein, entspricht aber einem relativen Anstieg um 46 Prozent. Für Länder mit schwachen Institutionen, knappen Ressourcen und bestehenden Spannungen kann ein solcher zusätzlicher Druck politisch relevant werden.
Auch der Indian Ocean Dipole erhöht das Konfliktrisiko
Neben El Niño untersuchten die Forscher ein zweites Klimamuster: den Indian Ocean Dipole. Dahinter stecken Temperaturunterschiede im Indischen Ozean. Sie beeinflussen unter anderem Regenzeiten in Ostafrika und Südostasien.
In stark betroffenen Regionen fanden die Forscher ebenfalls ein höheres Konfliktrisiko. Die Studie nennt unter anderem Äthiopien, Somalia, die Komoren und Indonesien.
Besonders deutlich war der Zusammenhang bei einem starken negativen Ereignis dieses Klimamusters. Einfacher gesagt: Wenn sich die Meereswärme im Indischen Ozean ungünstig verteilt, können manche Regionen plötzlich sehr trocken oder sehr nass werden. Solche schnellen Wechsel belasten Bauern, Viehhalter und Behörden.
Wer Saatgut, Ernte oder Wasserreserven planen muss, braucht verlässliche Jahreszeiten. Wenn Wetterlagen plötzlich kippen, bleibt weniger Zeit zum Reagieren. Dann können Verluste schneller entstehen und sich soziale Spannungen verschärfen.
Klima allein löst keine Kriege aus
Die Forscher führen bewaffnete Konflikte nicht auf einzelne Wetterereignisse zurück. „Wir können nicht definitiv sagen, dass Klima Konflikte verursacht“, sagt Statistikprofessor Viens. „Aber wir können sagen, dass manche Klimamuster die Wahrscheinlichkeit von Konflikten verändern.“
Neben Klimaeinflüssen spielen politische Instabilität, Armut, bewaffnete Gruppen und soziale Spannungen eine große Rolle.
Dazu gehören etwa:
- schwache Regierungen
- Armut und fehlende Arbeitsmöglichkeiten
- alte politische oder ethnische Spannungen
- bewaffnete Gruppen
- Streit um Land, Wasser oder Macht
Klimabedingungen kommen in solchen Situationen als zusätzlicher Druck hinzu. Es kann bestehende Probleme verschärfen, aber es ersetzt nicht die politischen Ursachen von Gewalt.
Warum der Befund durch den Klimawandel wichtiger wird
Die Studie untersucht natürliche Klimamuster wie El Niño. Trotzdem ist der Bezug zur Erderwärmung wichtig. Der menschengemachte Klimawandel verändert Niederschläge, Hitzeperioden und Dürren. Auch die Wege, auf denen Klimamuster das Wetter in entfernten Regionen beeinflussen, können sich verändern.
Das kann bedeuten: Regionen, die bisher weniger betroffen waren, geraten künftig stärker unter Druck. Oder bekannte Risikogebiete erleben Extremwetter häufiger und heftiger.
Kurz zusammengefasst:
- Eine PNAS-Studie der Rice University zeigt: Während El Niño steigt das Risiko bewaffneter Konflikte vor allem in Regionen, die dadurch trockener werden.
- Dürre wirkt in den Daten deutlich stärker als mehr Regen, weil sie Ernten, Wasser, Weideland und Einkommen unter Druck setzt.
- Das Klima allein löst keine Kriege aus, kann aber in Ländern mit Armut, schwachen Regierungen und bestehenden Spannungen zusätzlichen Druck erzeugen.
Übrigens: El Niño könnte schon ab Sommer 2026 zurückkehren – und damit Dürren, Starkregen und neue Hitzerekorde wahrscheinlicher machen. Wie die NOAA die Lage einschätzt und warum auch Europa die Folgen spüren kann, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Hydrosami via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
