Windräder müssen schöne Landschaften nicht zerstören – Forscher finden bessere Lösung
Der Bau von Windrädern muss schöne Landschaften nicht zerstören – und Windstrom bleibt in Europa trotzdem bezahlbar.
Viele Windparks in Europa lassen sich so planen, dass schöne Landschaften geschützt bleiben und die Stromkosten trotzdem kaum steigen. © Pexels
Die Rolle von Windkraft spielt für die Energiewende eine entscheidende Rolle, das ist mittlerweile unstrittig. Dennoch sorgt das Aufstellen von Windrädern gesellschaftlich immer noch für große Diskussionen. Vor allem in Regionen mit viel Natur, schönem Ausblick und Erholungsfaktor werden die riesigen Propeller als Störfaktor empfunden. Doch muss für günstigen und nachhaltigen Strom wirklich die schönste Landschaft verschandelt werden?
Eine neue Untersuchung der ETH Zürich und des Paul Scherrer Instituts (PSI) liefert darauf eine Antwort. Viele besondere Landschaften Europas lassen sich schützen, ohne dass der Ausbau der Windenergie leiden muss. Entscheidend ist weniger die grundsätzliche Frage nach neuen Anlagen – sondern vor allem ihr genauer Standort.
Naturbelassen gilt als schön
Für ihre Analyse werteten die Forschenden den Ausbau von Windkraft in 29 europäischen Ländern aus. Dazu gehörten die meisten EU-Staaten sowie Großbritannien, Norwegen, die Schweiz und Liechtenstein. Russell McKenna, Professor für Energiesystemanalyse an der ETH Zürich und Gruppenleiter am PSI, und sein Team untersuchten, wo Windenergie und Landschaftsschutz besonders stark aufeinanderprallen. Ruihong Chen, Doktorand in Professor McKennas Gruppe erklärt: „Unser Ziel war es, den Konflikt zwischen Energieausbau und gesellschaftlicher Akzeptanz besser zu verstehen.“
Dafür nutzte das Team eine KI, die mit mehr als 200.000 Landschaftsbildern aus Großbritannien gefüttert war. Menschen hatten diese Bilder zuvor auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet. So lernte das System, welche Merkmale viele Menschen als schön empfinden. Wichtig waren dabei vor allem:
- natürlich geformte Landschaften, zum Beispiel durch Felsen oder Gletscher, wenig bebaute Flächen
- Landschaften in der Nähe zu Gewässern
- wenig sichtbare Infrastruktur
- Gelände mit besonderer Form, etwa Berge oder Küsten
„Schönheit ist selbstverständlich ein sehr subjektiver Begriff“, so Chen. Trotzdem wird in den Ergebnissen sichtbar, dass landwirtschaftlich stark genutzte Flächen und Siedlungsgebiete in der Bewertung deutlich schlechter abschnitten.
Landschaftsschutz und Windkraftausbau ist kein Widerspruch
Je nach Berechnung gelten in der Analyse 17 bis 24 Prozent Europas als besonders landschaftlich reizvoll. Fast 40 Prozent dieser Flächen wären aber grundsätzlich für Windenergie geeignet. Wenn besonders schöne Gebiete dennoch konsequent geschont würden, sänke das technische Potenzial für neue Windräder jedoch deutlich – um fast die Hälfte.
Die Kosten für den erzeugten Strom würden europaweit dennoch kaum ansteigen. Dies zeigen Berechnungsmodelle der Wissenschaftler: Im niedrigen Schutzszenario, also wenn die Landschaft weniger streng geschont würde, lägen die mittleren Stromkosten bei 57,4 Euro pro Megawattstunde. Im strengeren Schutzszenario berechneten die Forschenden sogar nur 54,1 Euro pro Megawattstunde.
Der Grund: Viele gute Windstandorte liegen gar nicht in den schönsten Landschaften. Sie befinden sich oft dort, wo Wind stark und konstant weht und bereits Straßen, Stromleitungen oder Netzanbindungen vorhanden sind. Dort lässt sich Windkraft günstiger umsetzen, ohne wertvolle Natur stark zu verändern.
In Deutschland geraten Landschaftsschutz und Windkraft laut Untersuchung seltener stark aneinander. Wenn besonders schöne Landschaften konsequent ausgeschlossen werden, sinkt das mögliche Windstrom-Potenzial hier um weniger als zehn Prozent. In Spanien wäre der Einschnitt viel größer: Dort würde das Potenzial um rund 60 Prozent schrumpfen. In Großbritannien läge der Rückgang bei etwa 30 Prozent.
Viele Windräder stehen außerhalb sensibler Gebiete
Die Mehrzahl der Windräder in den untersuchten Ländern stehen ohnehin in Gebieten, die das Modell nicht als besonders schützenswert einstuft. Nur etwa 20 Prozent befinden sich in schönen oder sehr schönen Landschaften. Viele Betreiber wählen ihre Standorte offenbar schon heute so, dass empfindliche Natur- und Erholungsräume möglichst wenig betroffen sind. Trotzdem bleibt noch viel ungenutztes Potenzial. Europaweit wird bisher nur ein kleiner Teil der möglichen Standorte für den Ausbau der Windkraft genutzt.
Die Studie berechnet im großzügigen Szenario ein jährliches Windpotenzial von rund 26 Petawattstunden. Nur etwa drei Prozent der theoretisch möglichen Flächen sind bislang erschlossen. Windturbinen liefern gerade im Winter besonders viel Strom – genau dann, wenn der Energiebedarf besonders hoch ist, aber die Solarenergie in dieser Zeit wenig abwirft.
Nur in den Alpen wird der Konflikt größer
Auf europäischer Ebene wirkt das Ergebnis vergleichsweise entspannt. Vor Ort sieht es oft anders aus. Besonders im Alpenraum und in Norwegen überschneiden sich starke Windverhältnisse und landschaftlich wertvolle Gebiete deutlich häufiger. Dann wird der Konflikt konkret. Wer dort schöne Landschaften schützen will, verliert oft auch die besten Standorte für neue Windräder. Die Folge: Strom wird regional teurer und Ausbauziele werden schwerer erreichbar.
Wissenschaftler Chen bestätigt: „Auf regionaler Ebene ist es leider so, dass gute Windverhältnisse mit schönen Landschaften zusammenfallen können.“
Kleine Standortänderungen können großen Ärger verhindern
Nicht immer geht es darum, einen Standort komplett zu streichen. Oft reicht schon eine andere Platzierung. Fachleute sprechen dabei von sogenanntem Micro-Siting. Das bedeutet zum Beispiel:
- Windräder stehen hinter Geländekanten statt auf offenen Sichtachsen
- Anlagen rücken näher an bestehende Stromleitungen oder Verkehrswege
- Eingriffe werden gebündelt statt neue Flächen zu öffnen
So ließen sich sichtbare Eingriffe deutlich reduzieren. Chens Fazit:
Die Bündelung mit bestehender Infrastruktur ist vermutlich der sozial verträglichste Weg.
Kurz zusammengefasst:
- Windkraft und schöne Landschaften müssen sich nicht automatisch ausschließen: In vielen Teilen Europas lassen sich besonders reizvolle Gebiete schützen, ohne dass Windstrom im Durchschnitt deutlich teurer wird.
- Zwar sinkt das technische Potenzial für neue Windräder bei strengem Landschaftsschutz um rund 43 Prozent, doch viele gute Standorte liegen ohnehin außerhalb sensibler Natur- und Erholungsräume.
- Besonders in den Alpen und in Norwegen bleibt der Konflikt groß, weil dort starke Winde und schöne Landschaften oft zusammenfallen – deshalb wird die genaue Platzierung von Windrädern wichtiger als die reine Frage, ob gebaut wird.
Übrigens: Beim Ausbau der Windkraft müssen nicht nur schöne Landschaften geschützt werden, dieser muss auch nachhaltiger werden. Forschende arbeiten beispielsweise an austauschbaren Rotorblättern, damit Windräder länger laufen und deutlich weniger schwer recycelbaren Müll hinterlassen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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