43 Millionen Tonnen Lithium in Deutschland entdeckt – sie schlummern tief im Thermalwasser
In Deutschland wurden 43 Millionen Tonnen Lithium entdeckt. In Sachsen-Anhalt soll ein altes Gasfeld den Batterie-Rohstoff für E-Autos liefern.
Wo früher Erdgas gefördert wurde, soll ab 2030 Lithium aus tiefem Thermalwasser gewonnen werden – ohne Tagebau und mit deutlich weniger Flächenverbrauch. (Symbolbild) © Unsplash
Deutschland sucht seit Jahren nach Wegen, bei wichtigen Rohstoffen unabhängiger zu werden. Besonders bei Batterien hängt viel von Lithium ab. Ohne diesen Stoff fahren keine Elektroautos, große Stromspeicher funktionieren nicht und auch viele Smartphones wären ohne ihn nicht denkbar. Bislang kommt der größte Teil aus Ländern wie Chile, Australien oder China. Nun richten sich die Blicke plötzlich nach Sachsen-Anhalt.
Unter der Altmark, einer Region, die seit Jahrzehnten für Erdgas bekannt ist, liegen nach Angaben von Neptune Energy rund 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent. Das Unternehmen beruft sich in seiner Pressemitteilung vom September 2025 auf eine unabhängige Bewertung nach dem Standard CIM / NI 43-101. Sollte sich dieses Potenzial wirtschaftlich nutzen lassen, könnte dort eines der größten Lithiumprojekte Europas entstehen. Aus einem alten Gasstandort würde ein neuer Baustein für die Batterieproduktion.
Die Zahl klingt gigantisch – doch sie bedeutet nicht, dass das Lithium morgen auf Lastwagen verladen wird. Es handelt sich um eine Ressourcenschätzung. Sie besagt, wie viel Rohstoff im Untergrund vermutet wird. Ob daraus später tatsächlich große Mengen gefördert werden, hängt von Technik, Genehmigungen und Kosten ab.
Lithium aus Deutschland soll Europas Abhängigkeit verringern
„Diese neue Bewertung zeigt das große Potenzial unserer Lizenzgebiete in Sachsen-Anhalt. Damit können wir einen wichtigen Beitrag zur deutschen und europäischen Versorgung mit dem kritischen Rohstoff Lithium leisten“, sagt Neptune-Energy-Chef Andreas Scheck.
Die unabhängige Prüfgesellschaft Sproule ERCE kam auf die 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent, kurz LCE. Das Unternehmen spricht deshalb von einem der größten bekannten Lithiumvorkommen aus Thermalwasser weltweit. Wie Neptune Energy gegenüber Smart Up News erklärte, bleibt diese Ressourcenbasis weiterhin gültig.
Aus einem Gasfeld wird ein Lithium-Standort
Die Altmark ist kein neuer Industriestandort. Seit 1969 wird dort Erdgas gefördert. Die Region hat mehr als 55 Jahre Erfahrung mit Bohrungen, Leitungen und unterirdischen Lagerstätten. Die bestehende Infrastruktur macht das Projekt besonders attraktiv.
Lithium soll dort nicht wie in klassischen Bergbaugebieten im Tagebau gewonnen werden. Es entstehen also keine riesigen offenen Gruben. Stattdessen nutzt Neptune heißes, salzhaltiges Tiefenwasser, auch Sole genannt. Darin ist Lithium gelöst.
Das Verfahren heißt Direct Lithium Extraction, kurz DLE. Es läuft deutlich anders ab als viele bekannte Lithiumprojekte in Südamerika. Neptune nennt mehrere Vorteile:
- kein offener Tagebau
- keine großen Verdunstungsbecken
- deutlich geringerer Flächenverbrauch
In Deutschland spielt das eine große Rolle, weil neue Rohstoffprojekte oft auf Widerstand stoßen, wenn sie das Landschaftsbild verändern.
Das Lithium steckt nicht im Gestein, sondern im Wasser
Lithium wird häufig mit Minen und staubigen Abbaugebieten in Verbindung gebracht. In der Altmark sieht das anders aus. Das Metall liegt nicht als sichtbares Erz im Boden, sondern gelöst in Thermalwasser mehrere tausend Meter unter der Erde.
Dieses Wasser wird nach oben gepumpt. Dort filtern spezielle Anlagen das Lithium heraus. Anschließend wird das restliche Wasser weiterbehandelt. Das Projekt erinnert deshalb eher an ein Energievorhaben als an klassischen Bergbau.
Frühere Untersuchungen beschreiben in diesem Gebiet stark mineralisierte Sole mit erhöhtem Lithiumgehalt. Die geologischen Bedingungen gelten als günstig. Das heiße Wasser reagiert über lange Zeit mit bestimmten Gesteinen. So reichert sich Lithium im Untergrund langsam an.
Pilotanlagen prüfen, ob die Förderung wirklich funktioniert
Ob ein großes Vorkommen wirtschaftlich nutzbar ist, zeigt sich erst im praktischen Betrieb. Deshalb laufen in der Altmark seit Monaten mehrere Pilotprojekte.
Ein zweiter Test mit dem Technologiepartner Lilac wurde im August 2025 abgeschlossen. Laut Neptune entstand dabei Lithiumkarbonat in Batteriequalität. Verwendet wurde ein Ionenaustauschverfahren.
Seit Mitte September läuft ein dritter Pilotversuch, bei dem ein Adsorptionsverfahren getestet wird. Wie Neptune Energy gegenüber Smart Up News erklärte, wird ab Juni erneut eine temporäre Pilotanlage in Sachsen-Anhalt eingesetzt.
Das Unternehmen prüft mehrere Technologien, um die am besten geeignete Lösung für die Altmark auszuwählen. Erst danach soll der nächste große Schritt folgen.
Ab 2030 soll Lithium aus Deutschland für Hunderttausende E-Autos reichen
Nach der Pilotphase plant das Unternehmen eine Demonstrationsanlage. Dort soll unter realen Bedingungen getestet werden, ob sich die Förderung auch im industriellen Maßstab lohnt.
„Ab 2030 ist geplant, die kommerzielle Lithiumproduktion schrittweise auf bis zu 25.000 Tonnen LCE pro Jahr hochzufahren“, teilte Neptune Energy Smart Up News auf Anfrage mit.
Diese Menge hätte spürbare Folgen für die Industrie. Nach früheren Angaben könnte sie Material für rund 500.000 Elektroautos pro Jahr liefern. Für Deutschland wäre das ein wichtiger Schritt, weil Batterie-Rohstoffe bislang fast vollständig importiert werden.
Bis dahin bleiben viele Fragen offen:
- Wie hoch sind die tatsächlichen Produktionskosten?
- Wie schnell kommen Genehmigungen?
- Lässt sich das Verfahren dauerhaft wirtschaftlich betreiben?
Erst wenn diese Punkte geklärt sind, wird aus dem Projekt ein echter Industriestandort.
Die Altmark hofft auf einen neuen Aufschwung
Für die Region geht es um weit mehr als Lithium. Viele frühere Energiegebiete suchen nach neuen Perspektiven. Die Altmark könnte ein Beispiel dafür werden, wie ein alter Gasstandort eine zweite industrielle Zukunft bekommt.
Axel Wenke, Director of New Energy bei Neptune Energy, sagt dazu: „Die Altmark verbindet geologisches Potenzial, bestehende Infrastruktur und technisches Know-how – perfekte Voraussetzungen, um den Wandel von der Erdgasförderung hin zu einer umweltfreundlichen Lithiumgewinnung erfolgreich umzusetzen.“
Wo früher vor allem Erdgas aus dem Boden kam, könnte künftig ein Rohstoff gefördert werden, der für Europas Batterieindustrie immer wichtiger wird. Damit verändert sich nicht nur ein Standort in Sachsen-Anhalt, sondern womöglich ein Teil der deutschen Rohstoffpolitik.
Kurz zusammengefasst:
- Unter der Altmark in Sachsen-Anhalt wurden 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonat-Äquivalent bestätigt, wie Neptune Energy angibt. Das zählt zu den größten bekannten Lithiumvorkommen aus Thermalwasser weltweit.
- Das Lithium soll nicht im Tagebau gewonnen werden, sondern aus tiefem salzhaltigem Thermalwasser. Dadurch entfallen große offene Minen und der Flächenverbrauch bleibt deutlich geringer.
- Laut Neptune Energy ist ab 2030 geplant, die Produktion schrittweise auf bis zu 25.000 Tonnen pro Jahr zu steigern. Das könnte Material für rund 500.000 Elektroautos jährlich liefern.
Übrigens: Nicht nur in der Altmark sorgt Lithium für Hoffnungen auf mehr Unabhängigkeit – auch im Erzgebirge plant die EU einen großen Rohstoff-Ausbau. Doch rund um Zinnwald wächst der Widerstand, weil viele Anwohner Umweltprobleme und Schäden für Tourismus und Natur befürchten. Mehr dazu in unserem Artikel.
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