Landwirtschaft in Städten könnte 28 Prozent des Gemüsebedarfs in Europa decken
Landwirtschaft in Städten könnte laut einer Studie bis zu 28 Prozent des Gemüsebedarfs von 190 Millionen Europäern decken.
Urbanes Gärtnern mitten in der Stadt: Solche Beete könnten ungenutzte Flächen künftig für frisches Gemüse nutzbar machen. © Wikimedia
Frisches Gemüse kommt heute meist vom Feld im Umland, aus Gewächshäusern oder aus dem Ausland – doch vieles davon ließe sich auch direkt in der Stadt anbauen. Dächer, Innenhöfe und ungenutzte Grundstücke in Europas Städten bieten Platz für Tomaten, Salat und Bohnen.
Eine Studie des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) kommt zu dem Ergebnis: Urbane Landwirtschaft könnte rechnerisch 28 Prozent des Gemüsebedarfs von 190 Millionen Europäern decken. Angesichts steigender Lebensmittelpreise, anfälliger Lieferketten und trockener Sommer wird das für Städte immer wichtiger.
Landwirtschaft in Städten kann weit mehr als kleine Gemeinschaftsgärten
Untersucht wurden 840 Städte in 30 europäischen Ländern. Die Wissenschaftler berechneten, wie viel Gemüse auf städtischen Flächen angebaut werden könnte – ohne Hightech-Gewächshäuser, vertikale Farmen oder Hydrokultur. Es ging bewusst um einfachen Anbau im Freien.
Dafür prüften sie, welche Dächer, Hausgärten, Grünflächen und unbebauten Grundstücke sich theoretisch in Anbauflächen verwandeln ließen. „Wir haben berechnet, wie sich ungenutzte Flächen in Städten für den Gemüseanbau nutzen lassen“, erklärt Erstautor Stepan Svintsov.
Das Ergebnis fällt überraschend groß aus: Jährlich könnten zwischen 11,8 und 19,8 Millionen Tonnen Gemüse produziert werden. Das entspricht etwa einem Drittel der bisherigen Gemüseproduktion in den untersuchten Ländern.
Das größte Potenzial bietet der Boden
Die größten Reserven liegen dabei vor allem am Boden. Europaweit kommen die Forscher auf 4278 bis 7130 Quadratkilometer mögliche Anbaufläche in Gärten, Grünanlagen, ungenutzten Grundstücken oder anderen städtischen Freiflächen.
Rechnet man die Dachflächen dazu, könnten 4551 bis 7586 Quadratkilometer genutzt werden – mehr als die Fläche Mallorcas, im oberen Bereich fast doppelt so viel.
Die Forscher kalkulierten mit drei Szenarien:
- vorsichtig: 15 Prozent geeigneter Dach- und Bodenflächen nutzbar
- mittel: 20 Prozent nutzbar
- ambitioniert: 25 Prozent nutzbar
Selbst im vorsichtigen Modell bleibt das Potenzial groß.
Dichte Innenstädte stoßen schneller an Grenzen
Ob eine Stadt viel Gemüse selbst erzeugen kann, hängt stark von ihrer Struktur ab. Große Städte besitzen zwar viele Flächen, dort leben aber auch viele Menschen auf engem Raum. Deshalb sinkt die mögliche Selbstversorgung oft mit wachsender Bevölkerungsdichte.
Im Zentrum fehlen oft freie Flächen. Am Stadtrand sieht es anders aus. Dort gibt es mehr Gärten, größere Grünflächen und weniger Konkurrenz um jeden Quadratmeter. Kleine und mittlere Städte schneiden deshalb pro Kopf oft besser ab als große Metropolen.
„Die urbane Landwirtschaft könnte lokale Ernährungssysteme erheblich stärken, die Widerstandsfähigkeit von Städten verbessern und die mit dem Fernverkehr von Lebensmitteln verbundenen Umweltauswirkungen verringern“, sagt Mitautor Prajal Pradhan von der Universität Groningen.
Ersetzen kann sie klassische Landwirtschaft aber nicht. Pradhan erklärt: „Die urbane Landwirtschaft sollte als ergänzender Bestandteil bestehender Ernährungssysteme betrachtet werden und nicht als vollständiger Ersatz für die traditionelle Landwirtschaft.“

Berlin kommt auf 45 Prozent Selbstversorgung
Ein Blick auf einzelne Städte zeigt die Unterschiede. Berlin könnte im ambitioniertesten Szenario auf 10.210 Hektar (102,1 Quadratkilometer) potenzielle urbane Landwirtschaftsfläche kommen. Beim Gemüse wäre damit laut Studie eine Selbstversorgung von rund 45 Prozent möglich.
Paris besitzt besonders große absolute Flächen. Dort könnten mehr als 100 Quadratkilometer Bodenfläche und bis zu 11 Quadratkilometer Dachfläche genutzt werden. Wegen der hohen Einwohnerzahl fällt der Anteil pro Kopf jedoch kleiner aus.
Auch Städte ähnlicher Größe unterscheiden sich stark. Duisburg erreicht im vorsichtigen Szenario 13,4 Quadratkilometer mögliche Bodenfläche. Lissabon kommt nur auf 5,6 Quadratkilometer. Klima, Bebauung und verfügbare Flächen verändern die Lage spürbar.
Viele Flächen scheiden in der Praxis aus
Dächer können zusätzlich helfen: Europaweit liegt die mögliche Dachfläche für Gemüseanbau zwischen 274 und 456 Quadratkilometern. Doch nicht jedes Dach eignet sich automatisch. Viele tragen bereits Technik, Wartungswege oder Solaranlagen. Andere sind statisch ungeeignet oder zu stark verschattet.
Auch am Boden gibt es Grenzen. Städte brauchen Wohnraum, Parks, Wege, Gewerbeflächen und Orte zur Erholung. In ehemaligen Industriegebieten können zudem belastete Böden zum Problem werden. Die Forscher nennen Schwermetalle und Altlasten ausdrücklich als Risiko.
Hinzu kommen regionale Unterschiede:
- Südeuropa kämpft häufiger mit Wasserknappheit
- Nordeuropa hat kürzere Vegetationszeiten und weniger Sonnenlicht
Deshalb funktioniert Landwirtschaft in Städten nicht überall gleich gut. Sie braucht passende Flächen, saubere Böden, Wasser und politische Unterstützung.
„Mit durchdachter Planung und politischer Unterstützung könnten Dächer, Grünflächen und ungenutzte städtische Flächen zu wichtigen Bestandteilen der zukünftigen Lebensmittelinfrastruktur Europas werden“, resümiert Mitautor Diego Rybski.
Kurz zusammengefasst:
- Landwirtschaft in Städten könnte in Europa bis zu 19,8 Millionen Tonnen Gemüse pro Jahr liefern und damit rund 28 Prozent des Bedarfs von etwa 190 Millionen Menschen decken.
- Das größte Potenzial liegt nicht auf Dächern, sondern auf freien Bodenflächen wie Gärten, Grünanlagen und ungenutzten Grundstücken, vor allem am Stadtrand.
- Urbane Landwirtschaft kann die klassische Landwirtschaft nicht ersetzen, aber sie kann Städte widerstandsfähiger machen, Transportwege verkürzen und den Zugang zu frischen Lebensmitteln verbessern.
Übrigens: Während Landwirtschaft in Städten auf Dächer, Gärten und brachliegende Flächen setzt, wächst Gemüse mancherorts schon meterhoch in Regalen unter Kunstlicht. Vertical Farming verspricht ganzjährige Ernten auf kleinstem Raum – kämpft aber mit enormen Energiekosten und wirtschaftlichem Druck. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © WS ReNu via Wikimedia unter CC BY-SA 4.0
