Monatelange Wartezeit auf Facharzttermine – 92 Prozent der Deutschen wollen Reformen im Gesundheitssystem
Lange Wartezeiten, volle Praxen, weniger Versorgung auf dem Land: Eine neue Studie zeigt, welche Reformen im Gesundheitssystem breite Zustimmung finden.
Viele Deutsche unterstützen Reformen im Gesundheitssystem, die Arztpraxen entlasten, Wege verkürzen und Patienten schneller zur passenden Behandlung führen sollen. © Unsplash
Wer einen Termin beim Facharzt braucht, wartet oft Wochen oder sogar Monate. Beim Hausarzt geht es meist schneller, doch auch dort stoßen viele Praxen an ihre Grenzen. Hausärzte sind häufig die erste Anlaufstelle bei neuen Beschwerden, Fachärzte übernehmen spezielle Behandlungen wie beim Augenarzt, Kardiologen oder Orthopäden. Besonders auf dem Land wird die Versorgung schwieriger, weil Praxen schließen und Personal fehlt.
Eine neue Untersuchung des Bosch Health Campus zusammen mit der Bertelsmann Stiftung zeigt nun, wie groß der Wunsch nach Veränderungen ist. Die Mehrheit der Deutschen will kein „Weiter so“, sondern unterstützt echte Reformen im Gesundheitssystem. Viele Menschen wären sogar bereit, längere Wege, digitale Arztkontakte und mehr Behandlung durch geschultes Praxispersonal zu akzeptieren – wenn die Versorgung dadurch schneller, einfacher und verlässlicher wird.
Viele Deutsche erwarten Reformen im Gesundheitssystem
Für die repräsentative Studie wurden 2.301 Erwachsene zwischen dem 3. Februar und dem 3. März 2026 telefonisch befragt. Das Ergebnis fällt deutlich aus: 92 Prozent halten grundlegende Veränderungen im Gesundheitssystem für notwendig. Davon sagen 50 Prozent sogar, sie seien „sehr notwendig“.
Interessant ist der Widerspruch bei der Stimmung: 68 Prozent sind mit dem System derzeit noch eher zufrieden. Gleichzeitig glaubt die Hälfte der Befragten, dass sich die Versorgung in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert hat. 63 Prozent erwarten, dass es in den nächsten fünf Jahren noch schlechter wird. Viele Menschen erleben diese Entwicklung bereits im Alltag:
- lange Wartezeiten auf Facharzttermine
- volle Hausarztpraxen
- weniger Versorgung auf dem Land
- Unsicherheit bei dringenden Beschwerden
Brigitte Mohn, Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, gibt zu bedenken: „Das Gesundheitssystem ist ein zentraler Pfeiler eines funktionierenden Staatswesens – der jedoch immer mehr bröckelt.“
Hausarzt vor Facharzt bekommt breite Zustimmung
71 Prozent unterstützen das Prinzip „Hausarzt vor Facharzt“. Wer neue Beschwerden hat, soll also zuerst in die Hausarztpraxis gehen – außer bei typischen Fällen wie Augenarzt, Kinderarzt oder Frauenarzt. Auch ambulante Operationen stoßen auf Zustimmung. 63 Prozent finden es richtig, dass Eingriffe möglichst ohne Krankenhausaufenthalt stattfinden sollen, wenn das medizinisch sicher möglich ist.
Sogar bei leichten Beschwerden zeigen sich viele offen für mehr Eigenverantwortung: 82 Prozent würden kleinere gesundheitliche Probleme selbst behandeln, wenn dafür verlässliche und geprüfte Informationen leicht verfügbar sind.
Praxispersonal statt Arzt? Viele sagen überraschend klar Ja
Viele Menschen legen offenbar mehr Wert auf schnelle Hilfe als auf den Titel der behandelnden Person. 61 Prozent sagen, eine schnelle Abklärung sei wichtiger als die konkrete Berufsgruppe. Für 77 Prozent spielt es keine große Rolle, wer behandelt – solange die Behandlung gut ist.
81 Prozent befürworten, dass Routineuntersuchungen und Verlaufskontrollen von medizinisch geschultem Praxispersonal übernommen werden. Wird erklärt, dass bei Bedarf trotzdem ein Arzt dazukommt, steigt die Zustimmung sogar auf 84 Prozent. Bei kleineren Beschwerden sagen sogar 85 Prozent: Entscheidend ist eine gute Behandlung – nicht unbedingt, ob sie von einem Arzt oder einer qualifizierten Fachkraft kommt.

Gesundheitszentren und mobile Sprechstunden überzeugen viele
Die klassische Einzelpraxis verliert in der Debatte an Bedeutung. Viele Befragte können sich gut vorstellen, stattdessen Gesundheitszentren zu nutzen, in denen Ärzte, Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe gemeinsam arbeiten.
Ohne Hinweis auf längere Wege unterstützen das 82 Prozent. Selbst wenn dafür eine weitere Anfahrt nötig wäre, bleiben noch 63 Prozent Zustimmung. Viele Menschen akzeptieren also längere Wege, wenn die Versorgung dadurch gesichert bleibt. Sehr beliebt sind auch mobile Angebote:
- 80 Prozent befürworten regelmäßige Sprechstunden in kleineren Gemeinden
- 79 Prozent akzeptieren mobile Angebote durch Praxispersonal mit digital zugeschaltetem Arzt
- 77 Prozent wollen mehr Vorsorgeangebote in Schulen, Betrieben oder Apotheken
Professor Dr. Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus, sagt: „Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung wird nur mit einer belastbaren Primärversorgung funktionieren, die nah bei den Menschen ist.“ Er ergänzt: „Dafür müssen ärztliche, pflegerische, therapeutische und soziale Berufsgruppen stärker als Teams zusammenarbeiten.“
Videosprechstunde ja – KI bitte mit Vorsicht
Digitale Angebote werden deutlich besser bewertet als oft angenommen. 55 Prozent wären bereit, medizinische Anliegen per Telefon oder Video zu klären, statt persönlich in die Praxis zu gehen. Bei den 18- bis 34-Jährigen steigt dieser Wert sogar auf 74 Prozent. Anders sieht es bei künstlicher Intelligenz aus. Nur 31 Prozent finden es in Ordnung, wenn KI Symptome einschätzt und Empfehlungen gibt, ob ein Arztbesuch nötig ist.
Etwas mehr Vertrauen gibt es bei der Analyse von Gesundheitsdaten. 49 Prozent akzeptieren das grundsätzlich. Wenn ein Arzt die Ergebnisse zusätzlich prüft, steigt die Zustimmung auf 61 Prozent. Viele Menschen wollen digitale Hilfe also durchaus nutzen – aber nicht, wenn der Arzt komplett ersetzt wird.

Für die Politik wird der Druck größer
Die Ergebnisse senden ein klares Signal: Die Bevölkerung ist bei vielen Reformfragen weiter als die politische Diskussion. Es geht längst nicht mehr nur um mehr Geld oder mehr Ärzte, sondern um bessere Organisation, klare Zuständigkeiten und verlässliche Versorgung.
Viele Menschen akzeptieren Veränderungen, wenn sie den Alltag wirklich verbessern. Schnellere Termine, weniger Umwege und eine stabile Versorgung zählen oft mehr als das vertraute Modell der klassischen Einzelpraxis. Mohn resümiert:
Die gute Nachricht lautet, dass die Bürgerinnen und Bürger dazu bereit sind. Für die Politik darf es nun keine Ausreden mehr geben.
Kurz zusammengefasst:
- 92 Prozent der Deutschen halten Reformen im Gesundheitssystem für notwendig, obwohl 68 Prozent mit der aktuellen Versorgung noch zufrieden sind – viele erwarten aber, dass sich Arzttermine, Praxen und Versorgung in den nächsten Jahren deutlich verschlechtern.
- Die Mehrheit unterstützt konkrete Veränderungen wie „Hausarzt vor Facharzt“, ambulante statt stationäre Operationen, Gesundheitszentren und mehr Aufgaben für geschultes Praxispersonal, solange die Behandlung schneller, einfacher und verlässlich bleibt.
- Digitale Angebote wie Video- oder Telefonsprechstunden werden zunehmend akzeptiert, während viele Menschen bei künstlicher Intelligenz vorsichtiger bleiben und weiterhin wollen, dass Ärzte die letzte Entscheidung treffen.
Übrigens: Wer heute bei Beschwerden zuerst ChatGPT fragt, bekommt oft schneller den Rat zum Arzt als wirklich nötig wäre. Eine Studie der Technischen Universität Berlin zeigt, warum KI bei Gesundheitsfragen häufig zu vorsichtig urteilt. Mehr dazu in unserem Artikel.
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