Nicht Erfolg, nicht Nachhaltigkeit – zwei Lebensstile machen am zufriedensten

Neue Zahlen zur Lebenszufriedenheit in Deutschland zeigen: Ein Alltag mit Erlebnissen oder wenig Stress macht am zufriedensten.

Frau tanzt im Sonnenschein

Wer seinen Alltag abwechslungsreich oder bewusst ruhig gestaltet, ist deutlich zufriedener als Menschen, die vor allem auf Erfolg oder Nachhaltigkeit setzen. © Pexels

Erfolg gilt vielen als Maßstab für ein gelungenes Leben, Nachhaltigkeit als moralische Pflicht. Doch neue Daten zur Lebenszufriedenheit in Deutschland stellen diese Annahmen infrage. Zwei ganz andere Lebensstile schneiden deutlich besser ab und zeigen, worauf es im Alltag wirklich ankommt.

Die Ergebnisse stammen aus dem GESIS Panel 2023 mit 3.972 zufällig ausgewählten Menschen zwischen 18 und 70 Jahren. Die Befragung ist repräsentativ für die erwachsene Bevölkerung. Im Durchschnitt lag die Zufriedenheit bei 2,68 von 4 Punkten. Damit bewegt sich Deutschland leicht unter dem Niveau vieler westlicher Industrieländer. Die Studie erschien im Fachjournal Journal of Happiness Studies.

Erlebnisse und Gelassenheit wirken besonders stark

Untersucht wurden vier verbreitete Vorstellungen vom guten Leben: Erfolg und Status, ein erlebnisreiches Leben, ein ruhiger Alltag mit innerer Balance sowie ein nachhaltiger Lebensstil.

Am deutlichsten steigt die Zufriedenheit bei Menschen, die ihr Leben als abwechslungsreich empfinden. Viele schöne Erfahrungen bringen rechnerisch plus 0,52 Punkte auf der Skala. Ein ruhiges, stressarmes Leben folgt dicht dahinter mit plus 0,42 Punkten. Beruflicher Erfolg erhöht die Zufriedenheit ebenfalls, aber schwächer. Hier liegt der Zugewinn bei 0,25 Punkten.

„Unsere Ergebnisse zeigen klar, dass es nicht den einen Weg zu einem zufriedenen Leben gibt“, sagt Prof. Jan Delhey von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Erstautor der Studie.

Nachhaltigkeit bringt keinen messbaren Vorteil

Auffällig ist der Befund zum nachhaltigen Lebensstil. Trotz hoher öffentlicher Aufmerksamkeit zeigt sich kein statistischer Zusammenhang mit höherer Zufriedenheit. Die Forschenden vermuten mehrere Gründe:

  • Verzicht und zusätzlicher Aufwand im Alltag
  • moralischer Druck
  • Frustration über geringe Wirkung
  • Sorgen rund um das Klima

Ein nachhaltiges Leben kann Sinn stiften. Es erhöht laut den Daten jedoch nicht automatisch das persönliche Wohlbefinden. Prof. Delhey nennt dieses Resultat ein „besonders bemerkenswertes Ergebnis“.

Umsetzung zählt mehr als Wunsch

Ein zentrales Ergebnis betrifft die Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit. Wer bestimmte Lebensziele wichtig findet, sie aber nicht erreicht, gewinnt dadurch kaum an Zufriedenheit. Delhey formuliert es so:

Nicht die Idealvorstellung eines guten Lebens macht zufrieden, sondern das, was Menschen im Alltag tatsächlich verwirklichen können.

Besonders deutlich wird das beim Thema Status. Wer viel Wert auf Erfolg legt, ihn aber nicht erreicht, berichtet über deutlich niedrigere Zufriedenheit. Bei Erlebnis- oder Nachhaltigkeitsorientierung fällt dieser negative Effekt schwächer aus.

Junge geraten leichter in die Anspruchsfalle

Zwischen den Generationen zeigen sich klare Unterschiede. Bei den 18- bis 39-Jährigen steigert ein aufregendes Leben die Zufriedenheit besonders stark. Gleichzeitig berichten viele aus dieser Altersgruppe von sinkender Zufriedenheit, wenn sie mehrere hohe Ansprüche gleichzeitig erfüllen wollen.

Die Studie beschreibt diese Haltung mit dem englischen Ausdruck „Everything, everywhere, all at once“. Wer beruflich vorankommen will, viel erleben möchte, emotional ausgeglichen bleiben will und zusätzlich ökologisch konsequent handeln möchte, gerät schnell unter Druck. „Wer alles zugleich will, macht sich das Leben schwer“, sagt Delhey.

Junge Befragte verlieren über einen ganzen Skalenpunkt, wenn sie ihre hohen Ansprüche nicht erfüllen können. Das ist ein deutlicher Rückgang auf der Vier-Punkte-Skala.

Ältere setzen stärker auf Ruhe

Bei Menschen ab 65 Jahren verschiebt sich das Muster. Hier trägt vor allem ein ruhiger, ausgeglichener Alltag zur Zufriedenheit bei. Erlebnisse bleiben wichtig, stehen aber nicht mehr an erster Stelle.

Die Forschenden sehen darin mehr als eine Randnotiz. Deutschland altert. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes steigt die Zahl der Menschen ab 67 Jahren von derzeit 16,7 Millionen auf mindestens 20,1 Millionen bis Mitte der 2030er Jahre. Damit wächst auch die Bedeutung der Frage, welche Lebensbedingungen Wohlbefinden im Alter fördern.

Kaum Unterschiede nach Einkommen oder Bildung

Auffällig ist die Ähnlichkeit zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Frauen und Männer unterscheiden sich kaum. Auch Einkommen und Bildungsstand verändern das Grundmuster nur wenig. Ein erlebnisreiches oder ein stressarmes Leben erhöhen in fast allen Gruppen die Zufriedenheit am stärksten. Die wichtigsten Effekte im Überblick:

  • Erlebnisreiches Leben: +0,52 Punkte
  • Ruhiges Leben: +0,42 Punkte
  • Erfolgreiches Leben: +0,25 Punkte
  • Nachhaltiges Leben: kein messbarer Effekt

Warum Alltag stärker zählt als Ideale

Die Ergebnisse liefern auch Stoff für eine breitere Debatte. Das subjektive Wohlbefinden gilt zunehmend als Maßstab gesellschaftlicher Entwicklung, was sich auch am Internationalen Tag des Glücks am 20. März widerspiegelt.

Für die Lebenszufriedenheit in Deutschland heißt das: Positive Erfahrungen und innere Ruhe wirken direkt und stark. Erfolg trägt bei, aber weniger. Nachhaltigkeit allein verändert die persönliche Zufriedenheit kaum. Entscheidend bleibt, ob Menschen ihren gewünschten Lebensstil im Alltag tatsächlich umsetzen können.

Kurz zusammengefasst:

  • Entscheidend für die Lebenszufriedenheit in Deutschland ist nicht das Ideal, sondern die gelebte Realität: Ein erlebnisreiches Leben (+0,52 Punkte) und ein ruhiger, stressarmer Alltag (+0,42 Punkte) steigern die Zufriedenheit am stärksten, deutlich vor Erfolg (+0,25), während Nachhaltigkeit keinen messbaren Effekt zeigt.
  • Hohe Ansprüche ohne passende Umsetzung senken die Zufriedenheit: Besonders junge Menschen verlieren deutlich an Lebenszufriedenheit, wenn sie gleichzeitig Erfolg, Erlebnisse, Nachhaltigkeit und innere Balance erreichen wollen.
  • Mit dem Alter verschieben sich die Prioritäten: Während Jüngere stark von Erlebnissen profitieren, gewinnt ab 65 vor allem Gelassenheit an Bedeutung – innere Ruhe wirkt langfristig stabilisierend auf das Wohlbefinden.

Übrigens: Während Erlebnisse und innere Ruhe langfristig die allgemeine Lebenszufriedenheit in Deutschland prägen, schwankt unser tägliches Wohlbefinden offenbar im Takt der Uhr – morgens stabil, um Mitternacht am Tiefpunkt. Warum das so ist und welche Rolle Hormone, Wochentage und Jahreszeiten spielen, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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