Das erste Kind verändert alles – aber anders, als viele denken

Studie zeigt: Das erste Kind verbessert Sinngefühl im Leben und Stimmung, belastet aber oft Partnerschaft und soziale Kontakte.

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Mutter werden ist ein vielschichtiger Prozess, zeigt eine neue Studie. © Pexels

Mutter zu werden verändert das Leben von Frauen tiefgreifend. Der Alltag verändert sich, Schlaf wird knapp und viele Gewohnheiten verlieren plötzlich ihre Bedeutung. Dennoch empfinden die meisten Frauen diese Phase nicht nur als anstrengend, sondern auch als emotional bereichernd und erfüllend. Eine neue gemeinsame Studie der Universitäten Greifswald und Tilburg zeigt nun, wie unterschiedlich sich das psychische Wohlbefinden von Frauen rund um die Geburt des ersten Kindes tatsächlich entwickelt.

Die Untersuchung erschien im Fachjournal Journal of Personality and Social Psychology. Die Forscher begleiteten Frauen vom letzten Trimester der Schwangerschaft an durch die ersten Monate nach der Geburt. Dabei zeigte sich: Mutter werden wirkt sich nicht auf alle gleich aus. Während manche Frauen emotional aufblühten, litten andere durch die massive Veränderung des Lebens spürbar.

Wohlbefinden nach der Geburt fällt sehr unterschiedlich aus

Viele Untersuchungen aus der Vergangenheit zeichneten vor allem ein negatives Bild der ersten Zeit mit Baby. Häufig standen Stress, Erschöpfung oder sinkende Zufriedenheit mit dem eigenen Leben im Vordergrund. Die Forscherinnen wollten in der neuen Studie deshalb genauer erfassen, welche Gefühle sich verändern und wann diese Veränderungen auftreten. Studienautorin Prof. Dr. Anne Reitz, Psychologin an der Universität Greifswald erklärt:

Uns ging es darum, den Übergang zur Mutterschaft nicht nur als Vorher-Nachher-Ereignis zu sehen, sondern als Entwicklungsprozess mit eigenen Dynamiken.

So konnten die Wissenschaftlerinnen erstmals nachvollziehen, wann sich welche Aspekte des Wohlbefindens verändern. Dafür begleiteten sie 161 Frauen aus den Niederlanden im Alter zwischen 22 und 42 Jahren, die zum ersten Mal Mutter wurden. Über einen Zeitraum von zehn Monaten beantworteten die Teilnehmerinnen regelmäßig Fragen zu verschiedenen Bereichen des Wohlbefindens:

  • positive Emotionen
  • Lebenszufriedenheit
  • Partnerschaftszufriedenheit
  • Sinnempfinden im Alltag

Dadurch entstand ein deutlich umfassenderes Bild der ersten Monate mit Kind als in bisherigen Studien zur Mutterschaft – und die Ergebnisse fielen deutlich differenzierter aus. Vor allem positive Gefühle nahmen gegen Ende der Schwangerschaft und in den ersten Monaten nach der Geburt zu. Viele Frauen berichteten außerdem von einem stärkeren Sinngefühl im Leben. Die allgemeine Lebenszufriedenheit entwickelte sich dagegen in eine negative Richtung. In vielen Fällen sank sie nach der Geburt, zumindest in der Gesamteinschätzung.

Im Rückblick wird Mutter sein anders erlebt

Die Studie stellte einen interessanten Unterschied zur bisherigen Forschung fest: Diese beruhte meist auf rückblickenden Befragungen und ergab eher negative Veränderungen der Lebenszufriedenheit. In Bezug auf ihrem Alltag im Hier und Jetzt betrachteten viele Frauen ihre Stimmung und die erlebten Momente aber positiv.

Reitz erklärt den scheinbaren Widerspruch so: „Unsere Studie schaut genauer hin und erfasst breitere Aspekte des Wohlbefindens – etwa Sinnerleben und positive Emotionen. Dabei zeigt sich ein differenzierteres, insgesamt sogar positiveres Bild: Zwar nehmen Lebens- und Paarzufriedenheit ab, aber vor allem in rückblickenden Fragebögen, weniger im erlebten Alltag. Gleichzeitig steigen Sinnerleben und positive Emotionen – das ist der vielleicht spannendste Befund.“

Mutter werden verändert die Partnerbeziehung

Nach der Geburt bewerteten viele Frauen ihre Beziehung viel kritischer als zuvor. Die Forscher sehen darin keinen ungewöhnlichen Befund. Mit einem Baby verändern sich Tagesabläufe und Rollenverteilungen oft innerhalb weniger Wochen.

Hinzu kommt die dauerhafte Belastung durch unterbrochene Nächte und neue Verantwortung. Zeit für gemeinsame Aktivitäten oder spontane Erholung fällt häufig weg. Diese Mischung aus emotionaler Nähe, Erschöpfung und veränderten Partnerschaftsbeziehungen könnte erklären, warum die erste Zeit mit Kind oft widersprüchlich erlebt wird.

Glückliche Babys haben glückliche Mütter

Neben all den emotionalen Veränderungen untersuchte das Forschungsteam auch typische Alltagseinflüsse wie Schlafqualität und weitere Faktoren wie das Verhalten des Babys oder soziale Kontakte, die das psychische Wohlbefinden junger Mütter beeinflussten.

Das Ergebnis mutet wenig überraschend an: Nach der Geburt beeinflusste das Verhalten des Babys die Stimmung vieler Teilnehmerinnen maßgeblich. Häufiges Weinen belastete viele Mütter emotional stark.

Interessant fiel dagegen der Blick auf soziale Kontakte außerhalb der Familie aus. Direkt nach der Geburt empfanden viele Frauen Treffen mit Freunden oder Bekannten zunächst als angenehm. Einige Monate später nahmen manche Teilnehmerinnen dieselben Kontakte jedoch eher als anstrengend wahr. Die Forscher vermuten, dass sich soziale Bedürfnisse in dieser Phase stark verändern. Während manche Frauen Unterstützung suchen, entsteht bei anderen schneller ein Gefühl zusätzlicher Belastung durch soziale Kontakte.

Ältere Studien teilweise zu einseitig

Die Wissenschaftlerinnen weisen darauf hin, dass frühere Studien häufig nur einzelne Bereiche wie Stress oder Lebenszufriedenheit untersucht hätten. Positive Gefühle oder das Sinnempfinden seien dagegen oft kaum berücksichtigt worden. Erstautorin Chau Tran von der Universität Tilburg erklärt: „Je nachdem, ob wir Stimmung, Sinnempfinden oder Zufriedenheit betrachten und ob wir globale Einschätzungen oder den Alltag messen, ergeben sich andere Erkenntnisse.“

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, wie komplex der Übergang zur Mutterschaft verläuft. Viele Veränderungen laufen parallel, entwickeln sich aber in unterschiedliche Richtungen. Während manche Frauen als Mütter emotional erfüllter leben, geraten andere Bereiche des Lebens stärker unter Druck.

Vor allem diese widersprüchlichen Entwicklungen könnten erklären, warum viele junge Mütter die erste Zeit mit Baby sowohl als belastend als auch als besonders intensiv und bedeutungsvoll erleben.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine Studie der Universitäten Greifswald und Tilburg zeigt: Mutter werden verändert das Wohlbefinden nicht nur in eine Richtung.
  • Viele Mütter erleben nach der Geburt mehr positive Gefühle im Alltag und ein stärkeres Sinnempfinden, während Partnerschafts- und Lebenszufriedenheit oft sinken. Rückblickend wir die Entwicklung dabei eher negativ beurteilt als aus dem Moment heraus.
  • Schlaf, häufiges Weinen des Babys und soziale Kontakte prägen den Alltag junger Mütter in beide Richtungen und erklären, warum Mutter werden zugleich bereichernd und belastend sein kann.

Übrigens: Während diese Studie zeigt, wie stark ein erstes Kind Stimmung, Sinngefühl und Partnerschaft verändert, setzt der Mythos der Übermutter viele Frauen zusätzlich unter Druck. Perfektionsanspruch, Schuldgefühle und ungleiche Familienlast machen Mutterschaft noch schwerer. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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