Wer zu lange nachdenkt, trifft oft schlechtere Entscheidungen

Schnelle Entscheidungen gelten oft als riskant. Daten aus dem Profischach erklären nun, warum trainierte Intuition erstaunlich treffsicher sein kann.

Schachspieler

Schachspieler müssen unter Zeitdruck komplexe Entscheidungen treffen. Eine Studie zeigt nun, dass schnelle Züge dabei oft die bessere Wahl waren. © Pexels

Bei wichtigen Entscheidungen gilt es oft als besonders vernünftig, wenn man lange darüber nachdenkt. Viele vergleichen Möglichkeiten, prüfen Risiken und wägen jedes Detail ab. Eine neue Untersuchung aus dem Profischach kommt nun jedoch zu einem anderen Ergebnis. Wer bei komplexen Situationen länger grübelt, trifft überraschend häufig die schlechtere Wahl.

Für die Studie analysierte ein Forschungsteam der Ludwig-Maximilians-Universität München gemeinsam mit Wissenschaftlern der Erasmus-Universität Rotterdam und der FernUni Schweiz mehr als 215.000 Züge aus rund 3600 professionellen Schachpartien. Die Forscher wollten verstehen, wie stark die Dauer einer Entscheidung mit ihrer Qualität zusammenhängt.

Mehr Denkzeit führte oft zu schlechteren Zügen

Das Ergebnis fiel deutlich aus: Schnellere Entscheidungen waren im Durchschnitt häufiger die besseren. Dieser Zusammenhang blieb sogar bestehen, nachdem die Wissenschaftler Faktoren wie Zeitdruck, die Schwierigkeit einer Stellung oder die Zahl möglicher Alternativen berücksichtigt hatten. Langes Nachdenken führte nicht automatisch zu besseren Lösungen. Häufig deutete eine lange Denkzeit eher auf Unsicherheit hin.

„Mit der Studie konnten wir zeigen: Wenn man die objektiv messbare Schwierigkeit der Entscheidung konstant hält, trifft jemand, der länger nachdenkt, offenbar schlechtere Entscheidungen“, erklärt Ökonom Uwe Sunde von der LMU München. Die Forscher nutzten für ihre Auswertung die Schach-KI „Stockfish 17“. Das Programm gilt als stärker als jeder Mensch. Die Software prüfte jeden einzelnen Zug und berechnete, welche Entscheidung objektiv die beste gewesen wäre.

Die Wissenschaftler untersuchten drei Schachformate:

  • Klassisches Schach mit mindestens zwei Stunden Denkzeit
  • Rapid-Schach mit meist 15 Minuten pro Spieler
  • Blitzschach mit oft nur drei Minuten pro Partie

In allen Varianten zeigte sich derselbe Trend. Je länger Spieler über einen Zug nachdachten, desto seltener fanden sie die beste Lösung.

Erfahrene Menschen erkennen Muster oft schneller

Viele Menschen verbinden Intuition mit einem spontanen Bauchgefühl. Im Gehirn steckt dahinter jedoch häufig Erfahrung. Wer jahrelang ähnliche Situationen erlebt hat, erkennt typische Muster oft innerhalb weniger Sekunden.

Im Schach scheint genau das wichtig zu sein. Gute Spieler erfassen bestimmte Konstellationen offenbar sehr früh. Wer dagegen lange grübelt, empfindet die Situation oft als schwieriger.

Die Forscher sprechen deshalb von einer „subjektiv empfundenen Schwierigkeit“. Zwei Spieler können dieselbe Stellung sehen und trotzdem völlig unterschiedlich reagieren. Einer erkennt schnell einen starken Zug. Der andere sucht lange nach einer Lösung und verliert dabei möglicherweise den Überblick. „Eine kürzere Entscheidungsdauer könnte darauf hinweisen, dass der Spieler eine starke Intuition hat“, sagt Sunde. Gemeint sei damit ein gutes Gefühl dafür, welcher Zug sinnvoll ist.

Die Untersuchung liefert ungewöhnlich präzise Daten. Jede Entscheidung wurde sekundengenau erfasst. Die KI bewertete zudem die Qualität jedes einzelnen Zuges. So konnten die Forscher verfolgen, wann langes Nachdenken half und wann es eher ein Warnsignal war.

Besonders auffällig war das bei Partien mit starkem Zeitdruck. Im Blitzschach bleiben oft nur wenige Minuten für die gesamte Partie. Spieler können dort nicht jede Möglichkeit durchrechnen. Sie müssen schnell erkennen, welcher Zug trägt.

Trainierte Intuition schlägt langes Grübeln

In diesen schnellen Partien fanden Profis nach kurzen Denkzeiten besonders oft den besseren Zug. Die Forscher vermuten deshalb, dass erfahrene Spieler in solchen Momenten stärker auf Mustererkennung setzen. Ihr Wissen aus vielen früheren Partien hilft ihnen, eine gute Lösung früh zu erkennen. So entsteht keine spontane Laune, sondern trainierte Intuition.

„Der Mensch kann oft situativ erkennen, was gut ist oder was nicht gut ist“, sagt Sunde. Bleibt dieser erste Zugriff aus, hilft längeres Grübeln offenbar nur begrenzt. „Wenn der Mensch das jedoch nicht schnell erfasst, tut er sich schwer, das Problem rational weiter zu berechnen.“

Neben „Stockfish 17“ nutzte das Forschungsteam außerdem die KI „Maia“. Dieses Programm versucht nicht, perfekt zu spielen. Stattdessen ahmt es menschliches Denken nach und erkennt typische Muster erfahrener Spieler. Auch dort zeigte sich ein ähnliches Ergebnis: Schnellere Entscheidungen führten häufiger zu besseren Zügen.

Komplexe Entscheidungen brauchen nicht immer mehr Zeit

Die Forscher halten es für möglich, dass ähnliche Mechanismen auch außerhalb des Schachs auftreten. Viele Menschen müssen täglich komplexe Entscheidungen treffen. Zeit bleibt dabei oft kaum.

Typische Situationen sind etwa:

  • Entscheidungen im Beruf unter Zeitdruck
  • Reaktionen im Straßenverkehr
  • Einschätzungen in Notfällen
  • Strategische Entscheidungen in Unternehmen
  • Finanzielle Entscheidungen unter Unsicherheit

Natürlich lässt sich Profischach nicht direkt mit dem Alltag vergleichen. Schachprofis trainieren jahrelang bestimmte Muster und Situationen. Trotzdem liefert die Studie interessante Hinweise darauf, wie Menschen unter Druck denken und handeln.

Auffällig war außerdem die Größe der Untersuchung. Mehr als 215.000 analysierte Züge liefern deutlich mehr Daten als viele klassische Laborstudien. Dadurch konnten die Forscher sehr genau vergleichen, wie sich Denkzeit und Entscheidungsqualität verändern.

Kurz zusammengefasst:

  • Wer bei komplexen Entscheidungen lange grübelt, trifft laut einer großen Schachstudie häufiger die schlechtere Wahl – schnelle Entscheidungen waren oft präziser.
  • Die Forscher analysierten mehr als 215.000 Schachzüge und fanden heraus, dass langes Nachdenken oft eher Unsicherheit als besondere Sorgfalt ausdrückt.
  • Erfahrene Menschen erkennen gute Lösungen häufig sehr früh, weil ihr Gehirn typische Muster schnell verarbeitet und auf erlernte Intuition zurückgreift.

Übrigens: Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin steigt nicht nur bei Nähe und Vertrauen an, sondern auch bei Rivalität und Wettkampf. Eine Studie aus dem Amazonasgebiet zeigt, warum Konkurrenz den Zusammenhalt im eigenen Team stärken kann. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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