Bis 2050 könnte Europas Müll mehr als die Hälfte des Lithium-Bedarfs decken
Das Recycling kritischer Rohstoffe könnte Europas Abfälle bis 2050 zur wichtigen Quelle für Lithium, Kobalt und Seltene Erden machen.
Bis 2050 könnte Europa einen erheblichen Teil seines Bedarfs durch Recycling aus Abfällen decken. © Wikimedia
Kritische Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt stecken in Elektroautos, Windrädern und Batterien. Europa braucht davon immer mehr, fördert aber nur wenig selbst. Der Rest kommt aus dem Ausland – oft aus Lieferketten, in denen China eine zentrale Rolle spielt. Für Industrie, Politik und Verbraucher ist diese Abhängigkeit riskant.
Ein großer Teil dieser Rohstoffe liegt jedoch bereits in Europa: in alten Batterien, Elektroschrott, ausrangierten Fahrzeugen und abgerissenen Gebäuden.
Bis 2050 könnten Europas Abfälle nach Berechnungen des Forschungsprojekts FutuRaM mehr als die Hälfte des Bedarfs an kritischen Rohstoffen decken. Das würde die Versorgung stabilisieren und den Druck senken, immer neue Minen zu erschließen.
Kritische Rohstoffe durch Recycling? Wie es Europa unabhängiger machen könnte
Für die Untersuchung analysierten Fachleute 42 kritische Rohstoffe in sieben großen Abfallströmen. Dazu zählen Elektroschrott, Altbatterien, Altfahrzeuge, Industrieabfälle, Bergbauabfälle, Windkraftanlagen sowie Bau- und Abbruchmaterial.
Im Jahr 2022 kamen Produkte mit rund 5,2 Millionen Tonnen kritischer Rohstoffe neu auf den Markt. Im selben Jahr fielen Abfälle mit etwa 2,1 Millionen Tonnen dieser Materialien an. Zurückgewonnen wurden jedoch lediglich rund 1,4 Millionen Tonnen.
Nach den Berechnungen könnte sich das deutlich ändern. Bis 2050 rechnen die Experten mit einer jährlichen Rückgewinnung von 4,1 bis 5,7 Millionen Tonnen. Unter günstigen Bedingungen ließen sich damit bis zu 56 Prozent des europäischen Bedarfs ersetzen.
Viele dieser Rohstoffe stammen heute aus wenigen Ländern. Dazu gehören unter anderem:
- Lithium aus Australien
- Kobalt aus der Demokratischen Republik Kongo
- Seltene Erden aus China
- Platin aus Südafrika
Eine stärkere Rückgewinnung innerhalb Europas könnte die Versorgung breiter absichern und Lieferketten robuster machen.
Batterien werden zu einer immer größeren Rohstoffquelle
Besonders stark wächst das Potenzial bei Batterien. In den kommenden Jahrzehnten erreichen Millionen Akkus aus Elektroautos und Energiespeichern das Ende ihrer Lebensdauer. Viele enthalten große Mengen wertvoller Metalle.
Die Studie erwartet deshalb deutliche Zuwächse bei mehreren Rohstoffen. Bei Lithium könnte die jährliche Rückgewinnung von derzeit weniger als 1.000 Tonnen auf 30.000 bis 52.000 Tonnen steigen. Für Kobalt reichen die Prognosen bis zu 40.000 Tonnen pro Jahr.
Auch Nickel dürfte deutlich häufiger zurückgewonnen werden. Hier rechnen die Autoren mit bis zu 171.000 Tonnen jährlich.
Ähnliche Entwicklungen erwarten die Forscher bei Windkraftanlagen. In ihren Generatoren stecken Seltene Erden wie Neodym und Dysprosium. Mit jedem neu errichteten Windrad wächst deshalb auch das spätere Rohstofflager für kommende Generationen.
Noch verschwinden viele wertvolle Rohstoffe aus dem Kreislauf
Die Untersuchung macht jedoch deutlich, dass Europa derzeit einen beträchtlichen Teil dieser Materialien verliert. Besonders groß sind die Verluste beim Elektroschrott.
Obwohl Europa als Vorreiter beim Sammeln und Verwerten elektronischer Geräte gilt, landet fast die Hälfte des Elektroschrotts außerhalb offizieller Recyclingsysteme. Dadurch gingen im Jahr 2022 nach Angaben der Studie rund 500.000 Tonnen kritischer Rohstoffe verloren.
Auch Batterien verlassen häufig Europa, bevor ihre Rohstoffe vollständig zurückgewonnen werden. Ein Teil der Materialien wird als sogenannte Black Mass exportiert und anschließend außerhalb Europas weiterverarbeitet.
Probleme gibt es zudem bei Altfahrzeugen. Viele Fahrzeuge gelangen als Gebrauchtwagen ins Ausland oder tauchen nie in offiziellen Verwertungssystemen auf. Allein dadurch gingen 2022 mehr als 200.000 Tonnen kritischer Rohstoffe verloren.
Bei manchen Materialien fällt die Bilanz besonders ernüchternd aus. Für 22 kritische Rohstoffe liegt die jährliche Rückgewinnung in ganz Europa bei weniger als einer Tonne. Viele Seltene Erden gehören zu dieser Gruppe.
Recycling bringt auch große Vorteile fürs Klima
Die Rückgewinnung von Rohstoffen hat noch einen weiteren Effekt. Sie reduziert den Bedarf an Bergbau und aufwendiger Rohstoffförderung.
Nach Angaben des Projekts verursachte die Verarbeitung der untersuchten Abfallströme zuletzt rund 38 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Die Nutzung der zurückgewonnenen Materialien vermied jedoch etwa 77 Millionen Tonnen Emissionen aus dem Abbau neuer Rohstoffe. Am Ende ergab sich ein Klimavorteil von rund 39 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr.
Bis 2050 könnte dieser Wert deutlich steigen. Die Autoren rechnen mit vermiedenen Emissionen von bis zu 273 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten jährlich. Das entspricht ungefähr den jährlichen Treibhausgasemissionen Spaniens.
„Europas Abfallströme enthalten bereits heute enorme Mengen kritischer Rohstoffe. Die Nutzung dieser urbanen Mine wird wichtig sein, um die Versorgung zu stärken, die Energiewende zu unterstützen und Umweltbelastungen zu senken“, sagt Kees Baldé vom UN-Institut UNITAR.
Auch Pascal Leroy vom WEEE Forum sieht großes Potenzial. „Angesichts dieser Ergebnisse müssen wir unsere Denkweise ändern und sekundäre Quellen kritischer Rohstoffe als die neue primäre Quelle betrachten“, sagt er.
Europas Müll wird zum strategischen Rohstofflager
Die Autoren der Studie sehen deshalb erheblichen Nachholbedarf bei Sammlung, Sortierung und Wiederverwertung. Viele Materialien gehen heute verloren, obwohl die technischen Möglichkeiten zur Rückgewinnung bereits vorhanden sind.
Nach Einschätzung des Forschungsteams könnten innerhalb der nächsten 24 Jahre insgesamt 17 kritische Rohstoffe Rückgewinnungsraten von mehr als 80 Prozent erreichen. Dazu gehören Kobalt, Lithium sowie mehrere Seltene Erden.
Für Europa eröffnet sich damit eine Rohstoffquelle, die bereits existiert. Sie liegt nicht tief unter der Erde, sondern in ausrangierten Geräten, alten Batterien, Industrieabfällen und Bauwerken, die längst ihren ursprünglichen Zweck erfüllt haben.
Kurz zusammengefasst:
- Europas Abfälle enthalten große Mengen kritischer Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Seltene Erden, die für Batterien, Elektroautos und Windkraftanlagen benötigt werden.
- Laut der FutuRaM-Studie könnte Europa bis 2050 durch besseres Recycling mehr als die Hälfte seines Bedarfs an kritischen Rohstoffen aus eigenen Abfallströmen decken.
- Viele wertvolle Materialien gehen heute noch verloren, doch höhere Recyclingquoten könnten die Importabhängigkeit senken und gleichzeitig Millionen Tonnen CO₂-Emissionen vermeiden.
Übrigens: Während Europa immer stärker auf das Recycling kritischer Rohstoffe setzt, schlummert in Deutschland womöglich bereits eines der größten Lithiumvorkommen Europas. Unter Sachsen-Anhalt könnten Millionen Tonnen des Batterierohstoffs im Thermalwasser lagern. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Ropable via Wikimedia unter Public domain
