Schon ein Klaps kann Kindern schaden

Gewalt in der Erziehung schadet Kindern langfristig. Ein UCL-Bericht zeigt Zusammenhänge mit schlechteren Schulnoten und mehr Aggression.

Mutter und Kind schauen sich an

Schläge und Klapse wirken oft wie kurze Strafen. Laut einer neuen Studie können sie aber mit späteren Problemen in Schule und Verhalten zusammenhängen. © Pexels

Viele Eltern kennen den Satz noch aus der eigenen Kindheit: Ein Klaps hat noch niemandem geschadet. Seit dem Jahr 2000 haben Kinder hierzulande ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind verboten. Trotzdem bleibt die Frage für viele Familien im Alltag relevant. Wo beginnt Gewalt? Was richtet ein Klaps an? Und warum halten manche Menschen körperliche Strafen noch immer für eine Erziehungsmethode?

Diese Fragen stellten sich auch Wissenschaftlerinnen vom University College London (UCL). Daraus resultierte ein aktueller Bericht, der eine Verbindung zwischen körperlicher Bestrafung von Kindern und schlechteren Schulleistungen sowie aggressivem Verhalten im Jugendalter zieht. Die Arbeit wertet Daten aus einer großen britischen Langzeitstudie aus. Sie macht deutlich, warum Fachleute schon lange vor Gewalt und Schlägen in der Erziehung warnen.

Wer Kinder schlägt, riskiert mehr als einen kurzen Schreck

Für die Studie nutzten die Forscherinnen Dr. Anja Heilmann und Dr. Becca Lacey vor allem Daten der sogenannten Millennium Cohort Study. Diese Langzeitstudie begleitet rund 19.000 Kinder, die zwischen 2000 und 2002 in Großbritannien geboren wurden. Das Team untersuchte, wie körperliche Bestrafung mit späteren Bildungs- und Verhaltensdaten zusammenhängt. Gemeint sind Schläge, Klapse oder andere körperliche Strafen durch Eltern oder Betreuungspersonen. Im Englischen fällt dafür oft das Wort „smacking“.

Die wichtigste Botschaft der Studie lautet: Körperliche Strafen haben keinen nachweisbaren Nutzen. Stattdessen fanden die Wissenschaftlerinnen Zusammenhänge mit ungünstigen Entwicklungen. Kinder, die im Alter von drei, fünf und sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, erreichten später seltener gute Schulabschlüsse. Auch aggressives oder riskantes Verhalten gegenüber anderen trat häufiger auf.

Schläge führen zu schlechteren Schulabschlüssen

Die Daten der Millenium Cohort Study reichen vom Säuglingsalter bis ins Jugendalter. Für Kinder in England verknüpften die Forscherinnen die Angaben außerdem mit Daten aus der National Pupil Database, der landesweiten Schul-Datenbank.

Das Ergebnis bei den Schulabschlüssen fällt deutlich aus. 48 Prozent der Kinder, die in drei frühen Altersstufen von drei, fünf und sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, verfehlten später häufiger fünf gute GCSE-Abschlüsse inklusive Englisch und Mathematik. Der GCSE, General Certificate of Secondary Education, ist der wichtigste englische Schulabschluss, vergleichbar mit der mittleren Reife in Deutschland. Bei Kindern ohne Gewalterfahrungen in der Erziehung lag der Anteil schlechter Absolventen bei 42,3 Prozent. Nach Berücksichtigung weiterer Faktoren blieb ein Unterschied von 5,7 Prozentpunkten.

Schubsen, Stoßen, Schlagen: Gewalt schafft neue Gewalt

Auch beim Verhalten fanden die Forscherinnen auffällige Zusammenhänge. Jugendliche, die im frühen Kindesalter körperliche Strafen erlebt hatten, berichteten mit 14 Jahren häufiger von riskantem Verhalten gegenüber anderen. Dazu zählten Schlagen, Schubsen, Stoßen, Mobbing unter Geschwistern, Cybermobbing und andere Formen von Mobbing.

Besonders stark fiel der Zusammenhang bei Kindern aus, die im Alter von drei, fünf und sieben Jahren die Erfahrung körperlicher Bestrafung erlebt hatten. Sie zeigten mit 14 Jahren zu 40 Prozent häufiger riskantes Verhalten gegenüber anderen. Mit 17 Jahren lag das Risiko noch 26 Prozent höher als in der Vergleichsgruppe ohne Gewalterfahrung. Die Forscherinnen sehen darin ein Warnsignal. Körperliche Strafen können kurzfristig Gehorsam erzeugen, lösen aber offenbar keine Erziehungsprobleme, sondern schaffen sogar neue.

Die Grenzen der Studie

Die wissenschaftliche Einordnung der Studie ist wichtig. Der Bericht ist nicht peer-reviewed, das heißt, er wurde nicht vorab von unabhängigen Fachgutachtern geprüft. Es handelt sich um eine reine Beobachtungsstudie. Sie kann Zusammenhänge beschreiben, aber keinen eindeutigen ursächlichen Beweis liefern. Die Forscherinnen berücksichtigten zwar viele mögliche Einflussfaktoren wie soziale und familiäre Merkmale, Restverzerrungen lassen sich trotzdem nicht vollständig ausschließen.

Der aktuelle britische Bericht ist dennoch besonders interessant, weil viele Arbeiten aus der Vergangenheit sich sehr auf Daten aus den USA stützten. Die neue Analyse passt mit ihrer Datengrundlage aus Großbritannien besser zur europäischen Debatte über Erziehung, Kinderschutz und Familienrecht.

Warum die Studie wichtige Signale gibt

In Deutschland ist die Rechtslage zur körperlichen Bestrafung von Kindern klar. Auch in Schottland, Wales und der Republik Irland ist körperliche Bestrafung von Kindern bereits verboten. In England und Nordirland bleibt sie aber unter bestimmten Umständen rechtlich möglich. Dort können sich Eltern oder Betreuungspersonen noch auf die sogenannte „reasonable punishment“-Regel berufen. Das bedeutet, wenn eine körperliche Strafe als angemessen gilt, ist sie zulässig.

Die UCL-Forscher fordern nun, diese Regel abzuschaffen. „Unsere Ergebnisse bestätigen frühere Hinweise, dass körperliche Bestrafung keine Vorteile hat und mit schädlichen Folgen für die Entwicklung und das Wohlbefinden von Kindern verbunden ist“, sagt Heilmann. „Unsere wichtigste Empfehlung lautet daher, dass England und Nordirland dem Beispiel Schottlands und Wales folgen und die rechtliche Begründung der ‚angemessenen Bestrafung‘ abschaffen sollten.“

Weltweit haben nach Angaben des Berichts bereits 70 Länder körperliche Bestrafung von Kindern verboten. Diese Entscheidung der Politik sei auch ein Signal an Familien, Schulen und Gesellschaft. Kinder sollten denselben Schutz vor körperlichen Angriffen erhalten wie Erwachsene. „Die Entscheidungen der Gesetzgeber in Nordirland und im vergangenen Jahr in England, Pläne für ein Verbot körperlicher Bestrafung fallen zu lassen, sind eine große verpasste Chance und zutiefst enttäuschend“, kritisiert Heilmann die jüngste politische Entwicklung. „Kinder haben das Recht, frei von jeder Form von Gewalt aufzuwachsen. Es kann nicht richtig sein, dass Kinder in England und Nordirland im Jahr 2026 weniger rechtlichen Schutz vor körperlicher Gewalt haben als Erwachsene.“

Ein Klaps gilt noch zu vielen als harmlos

Obwohl körperliche Strafen in Großbritannien seltener geworden sind, betreffen sie laut Bericht weiterhin viele Kinder. „Körperliche Bestrafung ist die häufigste und gesellschaftlich am stärksten akzeptierte Form von Gewalt gegen Kinder, auch im Vereinigten Königreich,“ stellt Lacey fest. Noch im Jahr 2021 hatte dort jedes fünfte zehnjährige Kind irgendeine Form körperlicher Bestrafung erlebt. Das zeigt, wie tief solche Erziehungsmuster in Teilen der Gesellschaft verankert bleiben.

Strafen sollen Grenzen setzen und Verhalten verändern. Die vorliegenden Daten sprechen aber gegen die Annahme, dass Schläge Kindern langfristig helfen. Wer Kinder schlägt, um Regeln durchzusetzen, setzt auf eine Methode mit hohen Risiken, aus Problemen weitere, vielleicht noch größere Probleme entstehen zu lassen.

Fachleute raten stattdessen zu klaren Regeln, verlässlichen Konsequenzen und Unterstützung, wenn Konflikte in der Familie eskalieren. „Unsere Kinder dürfen nicht die Botschaft erhalten, dass wir unseren Willen durch körperlichen Schmerz gegen andere durchsetzen können,“ resümiert Heilmann. Eine Gesetzesreform in England und Nordirland würde daher ein Signal setzen, dass Gewalt niemals akzeptabel sei.

Was die Zahlen für Familien bedeuten

Die Studie macht aus einem privaten Erziehungsthema eine gesellschaftliche und politische Frage in größerem Maßstab. Es geht um ein erzieherisches Muster, das mit Bildung, Verhalten und späteren Chancen zusammenhängen kann. Gerade deshalb bleibt der Hinweis auf die Studiengrenzen wichtig. Nicht jedes Kind mit solchen Erfahrungen entwickelt Probleme. Und nicht jedes spätere Problem entsteht durch körperliche Strafen.

Doch ist die Richtung der Befunde klar. Körperliche Bestrafung steht nach dieser Auswertung mit antisozialen und gewalttätigen Verhaltensmustern von Kindern und Jugendlichen in Verbindung. Für eine moderne Erziehung ist das ein starkes Argument gegen Gewalt wie Schläge, Klapse und andere Formen körperlicher Strafe.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein UCL-Bericht auf der Datengrundlage von rund 19.000 britischen Kindern verbindet Schläge und Klapse mit Problemen im Jugendalter: schlechtere Schulabschlüsse, Aggression und Mobbing.
  • Wichtig für die Einordnung: Die Arbeit ist nicht peer-reviewed und beobachtend. Sie beweist keine Ursache, passt aber zu früheren Befunden gegen körperliche Strafen.
  • Für Eltern zählt die praktische Botschaft: Kinder brauchen in der Erziehung klare Grenzen, aber keine Gewalt. Körperliche Strafen helfen laut Bericht nicht und können langfristig schaden.

Übrigens: Nicht jedes psychologische Problem lässt sich auf Erziehungsmuster zurückführen. So rückt eine andere Studie einen verbreiteten Mythos zurecht. Narzissmus entsteht offenbar oft nicht allein durch Fehler in der Erziehung, sondern hängt stark mit Veranlagung und persönlichen Erfahrungen zusammen – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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