Gewaltfreie Erziehung: Warum Worte manchmal härter treffen als Schläge

Emotionale und physische Gewalt in der Erziehung hat tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern. Eine Umfrage zeigt, dass gewaltfreie Erziehung noch längst nicht in allen Elternhäusern umgesetzt wird.

Gewaltfreie Erziehung

Worte können tiefe Wunden in Kinderseelen hinterlassen. Das kann für die psychische Gesundheit mindestens genauso schwerwiegend sein wie körperliche Gewalt - manchmal sogar schwerwiegender. © Midjourney

Nicht nur physische, sondern auch psychische Gewalt kann tiefe Spuren bei Kindern hinterlassen. Darauf will der heutige Tag der gewaltfreien Erziehung aufmerksam machen. Laut einer Studie der Universitätsklinik Ulm aus dem Jahr 2020 scheint die Zustimmung zu körperlichen Strafen zwar zurückzugehen, jedoch ist die Anwendung von Maßnahmen wie einer Ohrfeige oder einem Klaps auf den Hintern noch immer weit verbreitet. Dabei sollte gewaltfreie Erziehung für alle Kinder Normalität sein.

Die Tagesschau berichtet, dass mehr als die Hälfte der Befragten der Ansicht sei, ein Klaps schade niemandem. Dies deutet auf eine tief verwurzelte Akzeptanz von körperlicher Bestrafung hin, trotz klarer wissenschaftlicher Beweise, die deren Nachteiligkeit für die kindliche Entwicklung aufzeigen. Tobias Hecker, Professor für Klinische Psychologie und Gewaltforschung, betont, dass solche Strafen meist zu einem Machtkampf führen, der wenig Lerneffekt bei den Kindern hervorruft. Die Forschung zeige auch, dass körperlich gezüchtigte Personen häufig dieselben Methoden bei ihren eigenen Kindern anwenden, was den sogenannten „Teufelskreis der Gewalt“ verstärkt.

Subtile Formen der Gewalt

Neben der physischen Gewalt spielt emotionale Gewalt eine ebenso zerstörerische Rolle. Laut Tagesschau werden subtile Formen von emotionaler Gewalt, wie herabwürdigende Kommentare oder demotivierendes Feedback, häufig von Erwachsenen angewendet, ohne dass ihnen die schwerwiegenden Folgen für die kindliche Psyche bewusst sind. Sabine Andresen, Präsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes und Professorin für Sozialpädagogik, führt aus, dass solche Äußerungen wie „Das schaffst Du eh nicht“ das Selbstbewusstsein der Kinder in einer entscheidenden Entwicklungsphase stark beeinträchtigen können.

In einer Studie der Sporthochschule Köln und der Universitätsklinik Ulm aus dem Jahr 2022 wird darauf hingewiesen, dass auch im Vereinssport emotionale Gewalt weit verbreitet ist. Mehr als die Hälfte der befragten Mitglieder von Sportvereinen gab an, psychische Gewalt erfahren zu haben. Solche Erfahrungen können langfristige Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, einschließlich Depressionen, Ängste und Stress im Erwachsenenalter.

Erziehung ohne Gewalt

Gewaltfreie Erziehung nicht bedeutet, Kindern alles zu erlauben. Vielmehr ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen und Konsequenzen für Regelverstöße aufzuzeigen. Hecker erläutert, dass es entscheidend ist, Kindern die negativen Folgen ihres Fehlverhaltens zu verdeutlichen, um einen echten Lerneffekt zu erzielen, anstatt durch Strafen lediglich die eigenen Emotionen als Elternteil zu regulieren.

Wichtig ist, dass alle Erwachsenen sensibler für die Auswirkungen ihrer Worte und Taten sein müssen. Emotionale Gewalt mag keine sichtbaren Spuren hinterlassen, aber die inneren Narben, die sie verursacht, können ein Leben lang andauern. Der Tag der gewaltfreien Erziehung dient dazu, das Bewusstsein für diese wichtigen Themen zu schärfen und zu einer reflektierteren und bewussteren Erziehung beizutragen.

Was du dir merken solltest:

  • Psychische Gewalt in der Erziehung: Emotionaler Missbrauch, wie abfällige Bemerkungen oder demotivierendes Feedback, kann tiefe psychische Narben hinterlassen, die das Selbstbewusstsein und die Entwicklung von Kindern langfristig beeinträchtigen. Solche Gewalt wird oft nicht als solche erkannt, obwohl sie schwerwiegende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat.
  • Physische Gewalt und ihre Folgen: Körperliche Strafen wie Ohrfeigen oder Klapse sind in vielen Familien noch immer präsent und werden oft von Generation zu Generation weitergegeben, was einen „Teufelskreis der Gewalt“ schafft. Studien zeigen, dass solche Methoden keinen pädagogischen Nutzen haben, sondern zu Machtkämpfen führen, die den Lerneffekt bei Kindern minimieren.
  • Wichtigkeit einer bewussten Erziehung: Gewaltfreie Erziehung bedeutet nicht, Kindern alles zu erlauben, sondern vielmehr, klare Regeln und Grenzen zu setzen und bei Regelverstößen konstruktive Konsequenzen zu erklären. Ein reflektierter Umgang mit Fehlverhalten und die Förderung des Verständnisses unter Geschwistern sind essentiell für die gesunde Entwicklung und das Lernen aus Fehlern.

Übrigens: Der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort zeigt, wie Eltern frühe Symptome psychischer Belastung bei Kindern erkennen können und was dann zu tun ist.

Bild: © Midjourney

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