Klimaschutz-Dilemma gelöst? Wetterradar soll Vögel vor Windrädern retten

Wetterradare könnten Zugvögel in Rotorhöhe erkennen und Windräder gezielt stoppen. So sinkt das Risiko bei wenig Stromverlust.

Wetterradare erfassen nicht nur Regenwolken, sondern auch nächtliche Vogelschwärme. So könnten Windräder künftig stoppen, wenn besonders viele Zugvögel in Rotorhöhe unterwegs sind. © Unsplash

Wetterradare erfassen nicht nur Regenwolken, sondern auch nächtliche Vogelschwärme. So könnten Windräder künftig stoppen, wenn besonders viele Zugvögel in Rotorhöhe unterwegs sind. © Unsplash

Windräder liefern sauberen Strom. Doch ausgerechnet dort, wo der Wind stark weht, ziehen oft auch Millionen Vögel vorbei. Besonders nachts entsteht ein Problem, das niemand sieht: Zugvögel fliegen durch Höhen, in denen Rotorblätter arbeiten.

Eine neue Studie in Nature Sustainability zeigt nun, wie sich dieser Konflikt entschärfen ließe. Wetterradare könnten riskante Nächte früh erkennen. Windräder müssten dann nicht pauschal stillstehen, sondern nur in kurzen Phasen, in denen besonders viele Vögel unterwegs sind und vergleichsweise wenig Strom verloren geht.

Wetterradare machen Vögel sichtbar

Das Team um die Biodiversitätsforscherin Silke Bauer von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat Daten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg ausgewertet. In diesen fünf Ländern standen im Untersuchungsjahr 2018 rund 42.000 Windturbinen. Zusammen erzeugten sie etwa 718 Petajoule Energie. Das entspricht laut WSL ungefähr der Jahresproduktion von 18 Kernkraftwerken.

Für die Analyse nutzten die Forscher Daten von 37 Wetterradaren. Eigentlich erfassen solche Anlagen Regen, Wolken und Luftbewegungen. Sie registrieren aber auch Vogelschwärme. Der Vorteil: Wetterradare stehen bereits in vielen Ländern, decken große Flächen ab und liefern etwa alle 15 Minuten neue Daten. Spezielle Vogelradare können zwar ebenfalls helfen, bleiben aber meist auf einzelne Standorte beschränkt.

Warum Zugvögel nachts besonders gefährdet sind

Viele Zugvögel fliegen nachts. In einer einzigen Herbstnacht können in Europa schätzungsweise 188 Millionen Vögel unterwegs sein. Ein Teil davon fliegt in Höhen, in denen Rotorblätter arbeiten.

Wie viele Vögel in Europa jedes Jahr mit Windrädern kollidieren, lässt sich bislang nicht verlässlich sagen. Für die USA liegen Schätzungen bei 140.000 bis 330.000 getöteten Vögeln pro Jahr. Für Europa fehlen vergleichbare Zahlen, vor allem für Zugvögel während ihrer nächtlichen Wanderungen.

Die neue Auswertung nennt daher nicht die Zahl tatsächlich getöteter Tiere. Sie berechnet, wie viele Vögel 2018 potenziell gefährdet waren, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort in Rotorhöhe unterwegs waren. Im Durchschnitt kamen die Forscher auf fast 800 potenziell gefährdete Vögel pro Turbine.

Kurze Stopps könnten viele Kollisionen verhindern

Die Forscher kombinierten Radardaten mit Angaben zu Windturbinen, Rotorhöhen, Windgeschwindigkeit und möglicher Stromproduktion. Anschließend berechnete das Team drei mögliche Strategien: Windräder stoppen während der stärksten Zugzeiten, Anlagen schalten bei hoher Vogeldichte ab oder Turbinen stehen still, wenn das Kollisionsrisiko im Verhältnis zur möglichen Stromproduktion zu hoch wird.

Die ersten beiden Varianten können viele Kollisionen vermeiden, kosten aber je nach Schutzziel spürbar Strom. Die Produktion würde laut Studie um zwei bis 20 Prozent sinken. Für Betreiber, Stromnetze und Planung wäre das ein schwerer Eingriff.

Deutlich besser schneidet die dritte Variante ab. Sie berücksichtigt nicht nur, wie viele Vögel unterwegs sind, sondern auch, wie viel Strom eine Anlage in dieser Phase liefern könnte. Windräder würden also vor allem dann anhalten, wenn viele Vögel gefährdet sind und der Verlust an Energie vergleichsweise klein bleibt.

In diesem Szenario sank die Stromproduktion nur um 1,2 Prozent oder 7,6 Prozent. Der Wert hängt davon ab, ob 50 oder 90 Prozent der potenziellen Kollisionen vermieden werden sollen. „Überraschend effiziente Kompromisse sind möglich, bei denen nur wenig Energieproduktion verloren geht“, sagt Bauer.

Am Gotthardpass funktioniert das Prinzip bereits

Ein praktisches Beispiel gibt es schon in der Schweiz. Am Gotthardpass nutzen jedes Jahr etwa 1,7 Millionen Zugvögel einen wichtigen Korridor. Dort registriert ein lokales Vogelradar starke Zugbewegungen. Wenn viele Tiere unterwegs sind, schalten sich die Turbinen ab.

Für einen einzelnen Standort kann so ein System gut funktionieren. Für ganz Europa reicht es aber nicht. Zugvögel halten sich nicht an Landesgrenzen. In den kommenden Jahren sollen zudem rund 25.000 neue Windturbinen entstehen. Deshalb braucht es Verfahren, die großräumig, automatisiert und über Grenzen hinweg funktionieren.

Der halbjährliche Vogelzug konzentriert sich vor allem auf Frühjahr und Herbst. Die stärksten Phasen dauern oft nur wenige Stunden. Für Vögel machen diese Stunden einen großen Unterschied, für die Jahresproduktion eines Windparks fallen sie deutlich weniger ins Gewicht, wenn die Abschaltung klug gesteuert wird.

„Viele Menschen lehnen Windturbinen ab, weil sie glauben, dass diese eine enorme Menge an Vögeln töten“, sagt Bauer. Sie wolle „nachhaltige Energieproduktion und Vogelschutz vereinbaren“ und Wege finden, „um die Zahl gefährdeter Vögel zu reduzieren“.

Bauer und ihr Team wollen die Berechnungen nun auf ganz Europa und längere Zeiträume ausweiten. Wetterradare könnten dann helfen, Windparks präziser zu steuern: nicht mit dauerhaften Pausen, sondern mit kurzen Stopps in den Nächten, in denen sie besonders viel Vogelschutz bringen.

Kurz zusammengefasst:

  • Windräder können nachts für Zugvögel gefährlich werden, weil viele Tiere auf ihren Routen in Rotorhöhe fliegen; in Europa können in einer einzigen Herbstnacht bis zu 188 Millionen Vögel unterwegs sein.
  • Wetterradare erfassen nicht nur Regen und Wolken, sondern auch Vogelschwärme – und könnten dadurch früh anzeigen, wann besonders viele Zugvögel in gefährlicher Höhe unterwegs sind.
  • Die Studie zeigt: Kurze, gezielte Abschaltungen könnten viele potenzielle Kollisionen verhindern, während die Stromproduktion nur vergleichsweise wenig sinkt.

Übrigens: Windräder gelten vielen als große Gefahr für Vögel, doch Fensterscheiben und Glasfassaden fordern in Deutschland deutlich mehr Opfer. Bis zu 115 Millionen Vögel sterben jedes Jahr an Glasflächen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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