1,4 Millionen Jahre alte Fußspuren zeigen ungewöhnlich große Menschenverwandte

1,4 Millionen Jahre alte Fußspuren in Kenia geben Hinweise auf große Menschenverwandte und mögliches Gruppenverhalten.

Im nordkenianischen Grabungsfeld besprechen Kevin Hatala und seine Kollegen die 1,4 Millionen Jahre alten Fußspuren – eine seltene Momentaufnahme früher Menschenverwandter. © Kay Behrensmeyer

Im nordkenianischen Grabungsfeld besprechen Kevin Hatala und seine Kollegen die 1,4 Millionen Jahre alten Fußspuren – eine seltene Momentaufnahme früher Menschenverwandter. © Kay Behrensmeyer

Acht Menschenverwandte ziehen am Ufer eines Sees durch den feuchten Schlamm. Einer nach dem anderen setzt den Fuß auf denselben Boden, bis Wasser und Sediment ihre Spuren versiegeln. 1,43 Millionen Jahre später wird daraus eine seltene Momentaufnahme der Evolution: Die Fußspuren von Menschenverwandten verraten, wie groß die Gruppe war, wie sie sich fortbewegte – und dass mehrere ihrer Mitglieder ungewöhnlich kräftig gebaut waren.

Ein internationales Team aus Kenia und den USA hat diese Momentaufnahme in der Koobi-Fora-Formation östlich des Turkana-Sees ausgewertet. Beteiligt war auch das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Die Form der Abdrücke spricht zunächst für Paranthropus boisei. Doch die ungewöhnliche Größe der Spurenerzeuger passt eher zu Homo erectus, der zur selben Zeit in dieser Region lebte. Sicher zuordnen lassen sich die Fußspuren deshalb bislang nicht.

Fußspuren von Menschenverwandten verraten enorme Körpergrößen

Einige Abdrücke stammen offenbar von Menschenverwandten mit einer Körpergröße von bis zu 1,80 Metern. Ihr Gewicht könnte bei etwa 75 Kilogramm gelegen haben. Damit wären sie deutlich größer gewesen, als bisherige Knochenfunde von Paranthropus boisei vermuten ließen. Von dieser Art sind vor allem Schädel, massive Kiefer und große Backenzähne erhalten. Knochen aus dem übrigen Körper fehlen dagegen fast vollständig.

„Die Größe der Fußabdrücke deutet auf menschenähnliche Körpermaße hin“, sagt Erstautor Kevin Hatala von der Chatham University in Pittsburgh. Sollte Paranthropus boisei die Spuren hinterlassen haben, müsste das bisherige Bild der Art erweitert werden. Dann erreichten einzelne Vertreter offenbar eine ähnliche Statur wie zeitgleich lebende Menschen der Gattung Homo. Auch die Größenunterschiede innerhalb der Art wären größer als bislang angenommen.

Die Artzuordnung bleibt ungewöhnlich schwierig

Die innere Form der Abdrücke deutet eher auf Paranthropus boisei hin. Zehenstellung, Fußbewegung und Belastungsmuster unterscheiden sich vom modernen Menschen. Sie erinnern stärker an ältere Australopithecinen. Diese frühen Menschenverwandten gingen bereits aufrecht, bewegten ihren Fuß beim Laufen jedoch anders als heutige Menschen oder spätere Vertreter der Gattung Homo.

Die Körpergröße wirft jedoch Zweifel auf. Für Homo erectus wären solche Maße weniger überraschend. Dann müssten die Füße dieser Art allerdings viel unterschiedlicher gebaut gewesen sein. Hatala und sein Team nennen deshalb zwei Möglichkeiten: Entweder war Paranthropus boisei größer und vielfältiger, oder Homo erectus besaß eine außergewöhnlich breite Palette an Fußformen und Gangarten. Eine eindeutige Entscheidung erlauben die Abdrücke bisher nicht.

Einer der großen, 1,4 Millionen Jahre alten Fußabdrücke, die das Team ausgegraben hat. Zum Größenvergleich ist ein 6-Zoll-Lineal (~15 cm) abgebildet.
© Kay Behrensmeyer Einer der großen, 1,4 Millionen Jahre alten Fußabdrücke, die das Team ausgegraben hat. Zum Größenvergleich ist ein 6-Zoll-Lineal (~15 cm) abgebildet. © Kay Behrensmeyer

Mehrere erwachsene Männer liefen offenbar gemeinsam

Die Größe mehrerer Spuren deutet auf erwachsene Männer hin. Mindestens acht Individuen bewegten sich über die Fundfläche. Die Abdrücke entstanden wahrscheinlich innerhalb eines kurzen Zeitraums, bevor Wasser und neues Sediment sie bedeckten. Dadurch liefern sie mehr als einzelne Knochen, die über Jahrtausende an einem Ort zusammengetragen worden sein können. Hier blieb eine konkrete Gruppe in einer konkreten Situation erhalten.

„Dass acht überwiegend erwachsene männliche Individuen offenbar gemeinsam als Gruppe unterwegs waren, deutet auf eine komplexe Sozialstruktur hin“, sagt Neil Roach von der Harvard University. Sicher bestimmen lässt sich das Geschlecht anhand der Spuren nicht. Die ungewöhnlich großen Körpermaße machen eine Gruppe mit mehreren erwachsenen Männern jedoch wahrscheinlich. Ob sie gemeinsam auf Nahrungssuche waren, Schutz suchten oder nur denselben Weg nutzten, bleibt offen.

Am Seeufer trafen verschiedene Menschenverwandte aufeinander

Die Gruppe lief durch eine deltaartige Landschaft am Rand eines Sees. Solche Ufer boten Wasser, Pflanzen, Tiere und leicht zugängliche Nahrung. Zugleich lockten sie Raubtiere an. In East Turkana wurden inzwischen Hunderte Spuren früher Homininen an mehreren Fundstellen dokumentiert. Einige liegen rund 40 Kilometer voneinander entfernt und entstanden unter ähnlichen geologischen Bedingungen.

Die Abdrücke deuten darauf hin, dass Homo erectus und Paranthropus boisei über mehr als 100.000 Jahre dieselben Seeufer nutzten. Beide Arten lebten zur gleichen Zeit, unterschieden sich aber deutlich. Homo erectus gilt als möglicher direkter Vorfahr des modernen Menschen. Paranthropus boisei entwickelte dagegen einen kräftigen Kauapparat und schlug einen evolutionären Seitenweg ein.

„Jede Fundstelle ist eine Momentaufnahme unserer Vergangenheit“, sagt Hatala. Gemeinsam ergäben die Flächen ein „Fotoalbum“, das Körperbau, Fortbewegung, Verhalten und Umwelt früher Menschenverwandter festhalte. Das Team will noch 2026 nach Kenia zurückkehren und weitere Spuren untersuchen. Auch die Bedingungen ihrer Erhaltung sollen genauer rekonstruiert werden.

Für Purity Kiura von den National Museums of Kenya unterstreichen die Funde die besondere Bedeutung der Region. Am Turkana-See liegen einige der wichtigsten Zeugnisse der menschlichen Evolution. Die 1,4 Millionen Jahre alten Abdrücke bewahren dort keinen einzelnen Knochen, sondern die Bewegungen einer ganzen Gruppe – Schritt für Schritt im ehemaligen Schlamm eines Seeufers.

Kurz zusammengefasst:

  • Die 1,43 Millionen Jahre alten Fußspuren aus Nordkenia stammen von mehreren Menschenverwandten, die sich offenbar gemeinsam an einem Seeufer bewegten.
  • Form und Gangmuster sprechen für Paranthropus boisei, doch die ungewöhnliche Körpergröße passt teilweise besser zu Homo erectus.
  • Die Abdrücke liefern seltene Hinweise auf Körperbau, Fortbewegung und mögliches Gruppenverhalten früher Homininen.

Übrigens: Während 1,4 Millionen Jahre alte Fußspuren aus Kenia das Leben früher Menschenverwandter festhalten, könnte ein 7,2 Millionen Jahre alter Knochen aus Bulgarien sogar den Ursprung des aufrechten Gangs neu verorten. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Kay Behrensmeyer

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