Evolution läuft weiter: Studie zeigt, wie sich der Mensch heute noch verändert

Neue Genanalysen zeigen: Der Mensch verändert sich weiter. Merkmale wie Haarfarbe, Körperbau und Krankheitsrisiken verschieben sich.

Aus Sicht der Evolution könnten rote Haare ein Vorteil gewesen sein – warum genau, ist bis heute offen.

Aus Sicht der Evolution könnten rote Haare ein Vorteil gewesen sein – warum genau, ist bis heute offen. © Unsplash

Viele halten Evolution für ein abgeschlossenes Kapitel der Menschheitsgeschichte. Doch neue Forschungsergebnisse zeigen: Veränderungen im Erbgut reichen bis in die Gegenwart. Sie betreffen Eigenschaften wie Haarfarbe, Körperbau oder Krankheitsrisiken. Vieles daran entstand offenbar nicht zufällig, sondern unter dem Druck wechselnder Lebensbedingungen.

In Nature ist nun eine große Gen-Analyse erschienen, über die auch die britische Times berichtet hat. Darin zeichnet sich ein deutlich beweglicheres Bild der menschlichen Entwicklung ab. In den vergangenen 10.000 Jahren verschoben sich zahlreiche Genvarianten. Manche wurden häufiger, andere seltener.

Neue Daten zeigen breitere Entwicklung im Erbgut des Menschen

Für die Analyse wurden DNA-Daten von 15.836 Menschen aus West-Eurasien ausgewertet. Darunter befanden sich mehr als 10.000 neu erhobene Datensätze aus archäologischen Funden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Hunderte von Genvarianten im Laufe der Zeit durchgesetzt haben – deutlich mehr, als zuvor bekannt war.

Frühere Arbeiten hatten nur rund 21 Fälle identifiziert, in denen sich bestimmte genetische Eigenschaften klar durch natürliche Selektion verbreitet hatten. Nun zeigt sich ein breiteres Muster. Veränderungen betreffen nicht nur grundlegende Überlebensmerkmale, sondern auch Eigenschaften, die heute mit Aussehen und Gesundheit in Verbindung stehen.

Rote Haare nehmen zu, Glatzen-Gene gehen zurück

Einige genetische Varianten haben im Laufe der Zeit zugenommen, andere sind seltener geworden. Varianten, die heute mit roten Haaren in Verbindung stehen, wurden häufiger. Dagegen gingen Varianten zurück, die das Risiko für erblich bedingten Haarausfall erhöhen. Auch genetische Marker, die mit einem geringeren Körperfettanteil oder einer schmaleren Taille zusammenhängen, nahmen zu.

Wichtig ist dabei: Diese Veränderungen betreffen zunächst nur die Gene – nicht automatisch die sichtbaren Merkmale selbst. Ob etwa rote Haare wirklich einen Vorteil hatten, ist unklar. Möglich ist auch, dass diese Genvariante nur gemeinsam mit einem anderen, wichtigeren Merkmal weitergegeben wurde. „Vielleicht war rotes Haar vor 4.000 Jahren vorteilhaft, oder es kam nur mit einem wichtigeren Merkmal mit“, heißt es im Bericht.

Landwirtschaft verändert Lebensweise – und Gene spürbar

Auffällig ist der Zeitraum, in dem viele dieser Veränderungen auftraten. Die vergangenen 10.000 Jahre markieren den Übergang von Jägern und Sammlern zu sesshaften Gesellschaften. Menschen begannen, Pflanzen anzubauen, Tiere zu halten und in größeren Gemeinschaften zu leben.

Diese neue Lebensweise brachte völlig andere Herausforderungen mit sich. Ernährung, Krankheiten und Umweltbedingungen veränderten sich grundlegend. Genetische Varianten, die zuvor vorteilhaft waren, konnten unter den neuen Bedingungen an Bedeutung verlieren. Andere gewannen an Gewicht und setzten sich stärker durch.

Unerwartete Vorteile bei Krankheitsrisiken

Überraschend ist auch der Blick auf Zöliakie. Eine Genvariante, die heute mit der Autoimmunerkrankung in Verbindung steht, wurde im untersuchten Zeitraum häufiger. Das klingt erst einmal unlogisch. Möglicherweise brachte sie früher aber zugleich einen Vorteil mit sich, etwa mehr Schutz vor bestimmten Erregern.

Solche Zusammenhänge zeigen, wie komplex die Entwicklung des menschlichen Erbguts ist. Ein Merkmal kann unter bestimmten Bedingungen nachteilig erscheinen und gleichzeitig einen entscheidenden Vorteil bieten. Die Evolution folgt dabei keinem festen Ziel, sondern reagiert auf Umwelt und Lebensbedingungen.

Zahlen, Daten und Fakten im Überblick:

  • Analyse von 15.836 Menschen aus West-Eurasien
  • Zeitraum von 10.000 Jahren genetischer Entwicklung
  • Mehr als 10.000 neue DNA-Datensätze aus archäologischen Funden
  • Früher bekannt: etwa 21 Fälle klarer Selektion
  • Neue Ergebnisse: Hunderte genetische Varianten betroffen
  • Untersuchung von rund 9,7 Millionen Genvarianten
  • Beteiligung von über 250 Archäologen und Anthropologen
  • Kombination aus antiken und modernen Gen-Daten

Warum die Ergebnisse für die Medizin wichtig sind

Die Ergebnisse geben auch Hinweise darauf, welche Genvarianten sich über lange Zeit behauptet haben. Das könnte künftig bei medizinischen Anwendungen eine Rolle spielen, etwa bei Gentherapien.

„Wir können nun in Echtzeit verfolgen, wie Selektion die Biologie geformt hat.“ So beschreibt es Ali Akbari, Genetiker an der Harvard University und einer der leitenden Autoren der Studie.

Auch unabhängige Experten ordnen die Ergebnisse als bedeutsam ein. Der Anthropologe Michael Berthaume vom King’s College London sagte laut Times: „Es wird oft angenommen, dass das, was wir sind und wie wir heute aussehen, das Endgültige ist, der Höhepunkt der Evolution. Als lebender Organismus wird sich der Mensch weiterentwickeln.“

Kurz zusammengefasst:

  • Der Mensch ist biologisch noch nicht „fertig“: Eine große Studie zeigt, dass sich unser Erbgut auch in den vergangenen 10.000 Jahren weiter verändert hat.
  • Dabei geht es um Merkmale, die viele kennen, etwa rote Haare, das Risiko für Glatzenbildung oder bestimmte Krankheitsanlagen wie Zöliakie.
  • Besonders wichtig ist der Befund, dass neue Lebensbedingungen seit Ackerbau und Sesshaftigkeit offenbar viele Gene unter Druck gesetzt haben – solche Erkenntnisse könnten später auch für die Medizin nützlich sein.

Übrigens: Während sich der Mensch genetisch nur langsam verändert, prasselt der moderne Alltag mit Lärm, Licht, Stress und Dauererreichbarkeit in einem Tempo auf den Körper ein, für das er biologisch kaum gemacht ist. Dieser evolutionäre Konflikt könnte erklären, warum so viele Menschen erschöpft, angespannt und überreizt sind – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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