Sie erforscht, wie der Lebensstil unsere Gene beeinflusst – ihre 85-jährige Mutter schwört auf 5 Regeln für ein langes Leben

Was hält Menschen bis ins hohe Alter gesund? Stanford-Forscherin Lucia Aronica findet fünf Antworten im Alltag ihrer 85-jährigen Mutter.

Zu Fuß einkaufen, Wege selbst erledigen und dabei in Bewegung bleiben: Solche alltäglichen Gewohnheiten zählen für Lucia Aronica zu den einfachen Regeln für gesundes Altern.

Zu Fuß einkaufen, Wege selbst erledigen und dabei in Bewegung bleiben: Solche alltäglichen Gewohnheiten zählen für Lucia Aronica zu den einfachen Regeln für gesundes Altern. © Pexels

Mit 85 Jahren steht Livia morgens auf, kleidet sich sorgfältig und schickt ihrer Familie ein Foto vom Sonnenaufgang über dem Meer. Sie lebt in einer kleinen Küstenstadt in Süditalien, geht zu Fuß zum Markt und nimmt lieber die Treppe als den langsamen Aufzug. Fitnessuhr, Eisbäder, täglich dutzende Pillen und Biohacking spielen in ihrem Alltag keine Rolle. Trotzdem ist sie nach Ansicht ihrer Tochter außergewöhnlich gesund, lebensfroh und aktiv.

Diese Tochter ist Lucia Aronica, Epigenetikerin und Dozentin an der Stanford University. Seit rund zwei Jahrzehnten untersucht sie, wie Ernährung und Lebensstil die Aktivität unserer Gene beeinflussen. Für CNBC hat sie die fünf Regeln für ein langes Leben aufgeschrieben, an die sich ihre Mutter seit Jahrzehnten hält. Es sind keine strengen Programme. Es geht um Essen, Bewegung, Beziehungen, Aufgaben und Freude.

1. Langsam essen und das Essen genießen

Das Abendessen besitzt für Livia einen festen Platz im Tagesablauf. Sie nimmt sich Zeit, würzt viele Gerichte mit Olivenöl und bereitet Blattgemüse mit Knoblauch zu. Mehrmals pro Woche kommt Fisch auf den Tisch. Zum Nachmittagskaffee gönnt sie sich außerdem ein kleines Stück dunkle Schokolade. Entscheidend ist für sie nicht allein, was sie isst, sie genießt die Mahlzeiten langsam und ohne Hast.

Aronica betrachtet Nahrung auch aus Sicht der Epigenetik. Lebensmittel liefern dem Körper Energie und beeinflussen biologische Abläufe, die mit Gesundheit und Alterung verbunden sind. Die mediterrane Küche ihrer Mutter enthält viele pflanzliche Lebensmittel, Fisch und ungesättigte Fette. Livia folgt dabei keinem Ernährungsplan. Ihre Gewohnheiten entstanden über viele Jahre aus regionaler Küche, familiären Rezepten und persönlichem Genuss.

2. Bewegung fest in den Alltag einbauen

Ein Fitnessstudio besuchte Livia über weite Teile ihres Lebens nicht. Bewegung gehörte dennoch zu jedem Tag. Sie läuft zum Einkaufen, besucht Nachbarn zu Fuß und steigt vier Stockwerke über die Treppe. Erst im höheren Alter begann sie, mit einem Trainer gezielt ihre Muskeln zu kräftigen. Die Grundlage ihrer Fitness stammt jedoch aus acht Jahrzehnten regelmäßiger Alltagsbewegung.

Körperliche Aktivität kann laut Aronica die Aktivität von mehr als 800 Genen in der Muskulatur verändern. Damit verbindet sie Prozesse wie Zellreparatur und einen widerstandsfähigeren Stoffwechsel. Auch das Gehtempo spielt eine Rolle. Menschen, die zügiger laufen, weisen demnach häufiger Merkmale einer langsameren biologischen Alterung auf. Livias Bewegung besteht allerdings nicht aus Leistungszielen. Sie ergibt sich aus Wegen, Besuchen und alltäglichen Aufgaben.

3. Verlässlich für Familie und Freunde da sein

In Süditalien gehören soziale Kontakte zum täglichen Leben. Livia unternimmt jeden Tag eine „passeggiata“, einen Spaziergang mit einer Nachbarin. Mit ihrer Schwester telefoniert sie seit Jahrzehnten zu einem festen Termin. Ihre Enkel kommen zu ihr in die Küche und lernen Gerichte, die bereits Livias Mutter zubereitet hatte. Dazu zählen neapolitanische Kartoffelkroketten mit Mozzarella, die dort „crocchè“ heißen.

Aronica verbindet solche Beziehungen mit messbaren Vorgängen im Körper. Soziale Isolation kann Entzündungsprozesse fördern, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, geistigem Abbau und beschleunigter Alterung zusammenhängen. Enge Beziehungen können diesen Belastungen entgegenwirken. Livia beschreibt Gemeinschaft dabei nicht als Gesundheitsmaßnahme. Man esse zusammen, streite miteinander und versöhne sich später bei einem Kaffee.

Dr. Lucia Aronica gibt praktische Tipps zu Ernährung und gesundem Leben – von genussvollem Essen bis zu Gewohnheiten, die sich langfristig durchhalten lassen. © Lucia Aronica via YouTube

4. Jeden Morgen einen Grund zum Aufstehen haben

Mehr als 30 Jahre arbeitete Livia als Beamtin. Mit 58 Jahren ging sie in Rente, zog sich aber nicht aus ihrem Umfeld zurück. Stattdessen übernahm sie neue Aufgaben in der Familie. Sie wurde zur Geschichtenerzählerin, brachte ihren Enkeln das Pastamachen bei und bewahrte Rezepte sowie Erinnerungen für die nächste Generation.

Ein fester Lebenssinn kann sich auch auf das biologische Alter auswirken. Menschen mit einem ausgeprägten Gefühl von Sinn und Aufgabe waren in einer von Aronica angeführten Untersuchung epigenetisch im Durchschnitt 2,4 Jahre jünger als Menschen ohne eine solche Orientierung. Livia formuliert daraus keine Theorie. Sie hat schlicht einen Grund, morgens aufzustehen und sich anzuziehen.

5. Freude als eine der Regeln für ein langes Leben

Aronica nennt die Lebensfreude ihrer Mutter den „Funken“. Früher hielt sie ihn für typisch italienisches Temperament. Heute sieht sie darin einen Teil gesunden Alterns. Positive Gefühle, enge Beziehungen und angenehme Erlebnisse können nach ihrer Einschätzung biologische Prozesse unterstützen, die mit Belastbarkeit und gesundem Altern verbunden sind. „Vergnügen ist nicht das Gegenteil von Gesundheit“, schreibt sie.

Livia trinkt ihren Espresso langsam und zieht sich für den Supermarkt so sorgfältig an wie andere für eine Hochzeit. Die Blume im Haar passt zur Handtasche, zu den Schuhen und zum Kleid. Sie lacht mit Nachbarn, kocht für ihre Familie und beobachtet morgens das Licht über dem Meer. Dann verschickt sie das Foto mit einem „Buongiorno“ an die Menschen, die ihr wichtig sind.

Kurz zusammengefasst:

  • Die Stanford-Forscherin Lucia Aronica leitet aus dem Alltag ihrer 85-jährigen Mutter fünf Regeln für ein langes Leben ab.
  • Dazu gehören langsames, genussvolles Essen, natürliche Bewegung, enge Beziehungen, eine sinnvolle Aufgabe und tägliche Freude.
  • Ihre Mutter folgt keinem Biohacking-Programm, sondern lebt diese Gewohnheiten seit Jahrzehnten selbstverständlich im Alltag.

Übrigens: Auch der 97-jährige Krebsforscher Silvio Garattini setzt auf einfache Regeln für ein langes Leben – er hört mit dem Essen auf, bevor er satt ist, und geht täglich fünf Kilometer. Warum kleinere Portionen und regelmäßige Bewegung für ihn wichtiger sind als komplizierte Anti-Aging-Programme, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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