Hautkrebsscreening soll Leben retten – doch neue Studie weckt ernste Zweifel
Deutschlands Hautkrebsscreening gilt weltweit als Sonderweg. Neue Daten stellen jetzt den Nutzen bei schwarzem Hautkrebs infrage.
Das Hautkrebsscreening richtet sich in Deutschland an Menschen ab 35 Jahren. Laut Studie nimmt aber nur rund ein Drittel der Berechtigten regelmäßig teil. © Magnific
Ab 35 Jahren zahlt die gesetzliche Krankenkasse alle zwei Jahre eine Vorsorgeuntersuchung der Haut. Der Hautcheck soll schwarzen Hautkrebs früher entdecken und Leben retten. Doch eine neue Auswertung stellt den Nutzen infrage: Deutschland schneidet bei der Melanomsterblichkeit nicht besser ab als Nachbarländer ohne flächendeckendes Hautkrebsscreening.
Die OFFIS-Analyse umfasst Sterbedaten aus Deutschland und neun angrenzenden Staaten von 2009 bis 2022. Die Zahlen bedeuten nicht, dass der Hautcheck unnötig ist. Sie zeigen aber, dass sich der erhoffte Vorteil in den Sterbedaten bislang nicht nachweisen lässt.
Hautkrebsscreening zeigt keinen klaren Vorteil bei Sterblichkeit
Deutschland führte das bevölkerungsweite Hautkrebsscreening im Jahr 2008 ein – als bislang weltweit einziges Beispiel für ein solches Programm. Anspruch darauf haben Frauen und Männer ab 35 Jahren. Die Untersuchung erfolgt alle zwei Jahre und richtet sich nicht nach dem individuellen Risiko.
Die Studienautoren gingen von einer einfachen Überlegung aus. Würde das Programm viele Leben retten, müsste sich die Sterblichkeit durch schwarzem Hautkrebs günstiger entwickeln als in vergleichbaren Ländern ohne flächendeckende Vorsorge, doch dieser Effekt ließ sich nicht erkennen.
Zwischen 2009 und 2022 sank die altersstandardisierte Melanomsterblichkeit zwar in allen untersuchten Regionen. Deutschland schnitt dabei jedoch nicht besser ab. Der durchschnittliche jährliche Rückgang lag bei 1,8 Prozent. In den neun Nachbarländern betrug er 2,2 Prozent. Der Unterschied erwies sich statistisch als nicht signifikant.
Ländervergleich ersetzt unsichere Patientendaten
Frühere Untersuchungen verglichen häufig Menschen mit und ohne Screening. Dabei entstand jedoch ein praktisches Problem: In den verfügbaren Abrechnungsdaten ließ sich oft nicht sicher unterscheiden, ob jemand zur regulären Vorsorge kam oder wegen einer bereits verdächtigen Hautveränderung untersucht wurde.
Die aktuelle Untersuchung wählte deshalb einen anderen Ansatz. Statt einzelne Personen zu vergleichen, stellten die Wissenschaftler Deutschland neun Nachbarländern ohne bevölkerungsweites Hautkrebsscreening gegenüber. Privatdozent Dr. Dr. Joachim Hübner sagt dennoch: „Bereits frühere Untersuchungen konnten keinen eindeutigen Nutzen des Screenings zeigen. Allerdings sind die methodischen Herausforderungen eines solchen Nachweises nicht zu unterschätzen.“
Die Teilnahme bleibt überraschend niedrig
Obwohl Millionen Menschen Anspruch auf die Untersuchung haben, liegt die geschätzte Teilnahmequote innerhalb von zwei Jahren lediglich bei rund 32 Prozent.
Für die Analyse betrachteten die Wissenschaftler Daten von durchschnittlich 79,1 Millionen Menschen in Deutschland sowie 164,8 Millionen Einwohnern der Vergleichsländer. Schleswig-Holstein blieb außen vor. Dort hatte bereits 2003 und 2004 ein Pilotprojekt stattgefunden, das die Ergebnisse langfristig beeinflusst haben könnte.
Hübner zieht deshalb eine nüchterne Bilanz. „Das Ergebnis ist enttäuschend“, sagt der Leiter der Klinischen Landesauswertungsstelle Niedersachsen.
Mehrere Ursachen kommen infrage
Warum Deutschland trotz seines besonderen Vorsorgeangebots keinen messbaren Vorsprung erreicht, lässt sich aus den Daten nicht sicher ableiten. Die Autoren nennen jedoch mehrere mögliche Erklärungen. Dazu gehören:
- Die Qualität der Untersuchung könnte im Praxisalltag unterschiedlich ausfallen.
- Menschen mit besonders hohem Risiko nehmen das Angebot womöglich seltener wahr.
- Verbesserte Medikamente gegen fortgeschrittenen schwarzen Hautkrebs könnten die Sterblichkeit in vielen Ländern gleichzeitig gesenkt haben.
Prof. Dr. Alexander Katalinic von der Universität zu Lübeck hält einen weiteren Punkt für wichtig:
Möglicherweise erreicht das Screeningangebot auch nicht die Menschen, die davon am meisten profitieren könnten.
Wenn überwiegend Personen mit niedrigem Risiko teilnehmen, bleibe der Erfolg zwangsläufig begrenzt.
Warum die Forscher dennoch vorsichtig bleiben
Die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass ihre Untersuchung Grenzen besitzt. Länder unterscheiden sich bei der medizinischen Versorgung und beim Einsatz neuer Therapien. Hübner sagt deshalb: „Natürlich ist auch unsere Studie nicht frei von möglichen Fehlerquellen.“
Nach Angaben der Wissenschaftler wurden zusätzliche Analysen durchgeführt, um den Einfluss neuer Medikamente gegen metastasierten schwarzen Hautkrebs zumindest teilweise zu berücksichtigen. Trotzdem bleibt offen, warum Deutschland trotz seines Programms keine günstigere Entwicklung zeigt.
Vorsorge kann auch unerwünschte Folgen haben
Die Studie erhält zusätzliche Aktualität durch das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Darin ist vorgesehen, das bestehende Hautkrebsscreening zu überprüfen und auch ein stärker risikobasiertes Vorgehen zu berücksichtigen.
Dr. Julia Beckhaus vom Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen verweist auf einen weiteren Aspekt: „Es geht darum, die begrenzten Ressourcen im Gesundheitssystem optimal einzusetzen.“ Zeit für Vorsorgeuntersuchungen stehe nicht für andere Behandlungen zur Verfügung.
Außerdem könne Früherkennung ebenso Nachteile mit sich bringen. „Auch wird manchmal vergessen, dass Screening auch Schäden verursacht, zum Beispiel Verunsicherung durch falsch positive Untersuchungsergebnisse“, sagt Beckhaus. Hinzu kommen Überdiagnosen. Dabei entdecken Ärzte Veränderungen, die ohne das Screening niemals Beschwerden verursacht hätten. Trotzdem folgen häufig weitere Untersuchungen oder Behandlungen.
Nach Einschätzung des Forschungsteams könnte ein gezielteres Hautkrebsscreening für Menschen mit erhöhtem Risiko künftig einen größeren Nutzen bringen und gleichzeitig unnötige Belastungen vermeiden.
Kurz zusammengefasst:
- Das deutsche Hautkrebsscreening konnte in einer großen Vergleichsstudie keinen klaren Vorteil bei der Senkung der Sterblichkeit durch schwarzen Hautkrebs gegenüber neun Nachbarländern ohne flächendeckendes Programm zeigen.
- Zwischen 2009 und 2022 ging die Melanomsterblichkeit zwar in allen untersuchten Ländern zurück, der Rückgang fiel in Deutschland mit durchschnittlich 1,8 Prozent pro Jahr jedoch nicht stärker aus als in den Vergleichsländern.
- Die Forscher halten ein gezielteres Vorgehen beim Hautkrebsscreening für denkbar, weil eine bessere Ausrichtung auf Menschen mit hohem Risiko den Nutzen erhöhen und gleichzeitig unnötige Untersuchungen sowie mögliche Überdiagnosen verringern könnte.
Übrigens: Während über den Nutzen des Hautkrebsscreenings diskutiert wird, arbeiten Forscher bereits an einer völlig neuen Methode zur Früherkennung. Ein intelligentes Tattoo soll kleinste Melanome über Wärmeunterschiede erkennen. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Magnific
