Klamotten aus Pilzen: Dieses lebende Kleid reinigt und repariert sich selbst
Ein lebendes Kleid aus Pilzmyzel weist Schmutz ab, lässt sich reparieren und baut sich im Boden nahezu vollständig ab.
Lebende Pilzfäden bilden den Stoff dieses Kleides: Sie färben das Material, lassen Schmutzwasser abperlen und können beschädigte Stellen wieder schließen. © Li et al., Science Advances (2026)
Das dunkle Kleid wirkt wie ein aufwendig gefertigtes Designerstück. Nur: Sein Stoff stammt weder vom Baumwollfeld noch aus einer Kunststofffabrik. Er besteht aus lebenden Pilzfäden, die Wissenschaftler zu biegsamen Flächen verbunden und anschließend vernäht haben.
Noch ist das Kleid ein Prototyp. Einige Flächen lassen Schmutzwasser abperlen, andere können mit frischem Pilzmaterial repariert werden. Das Team vom Shenzhen Institute of Advanced Technology veröffentlichte seinen Versuch im Fachjournal Science Advances.
Kleidung aus Pilzen wächst aus kleinen Myzelkugeln
Als Grundmaterial dient der Pilz Cordyceps militaris, auch Puppen-Kernkeule genannt. In einer Nährlösung bildet er kleine Kugeln aus dicht verschlungenen Pilzfäden. Diese sogenannten Myzelpellets bleiben lebendig und lassen sich sammeln, pressen und in unterschiedliche Formen bringen. Bei 45 Grad Celsius trockneten die Forscher die Kugeln sechs Stunden lang in Formen. Die Pilzfäden verbanden sich dabei zu geschlossenen Flächen.
Zunächst waren diese Platten allerdings spröde. Glycerin machte sie beweglicher und verhinderte größere Risse. Eine Mischung mit zehn Prozent Glycerin erhöhte die Dehnbarkeit um rund 50 Prozent. Das Material ließ sich danach falten, verdrehen, schneiden und vernähen. Vier nur einen Millimeter breite Streifen trugen als zusammengedrehte Schnur ein Gewicht von einem Kilogramm.
Gentechnisch veränderte Hefe färbt den Pilzstoff kräftig
Für die Farben nutzte das Team gentechnisch veränderte Backhefen. Spezielle Eiweißstrukturen auf ihrer Oberfläche sorgten dafür, dass sie fest an den Pilzfäden hafteten. Je nach eingesetzter Hefe entstanden Hellblau, Rot, Orange oder Dunkelviolett. Durch Mischungen ließen sich weitere Farbtöne erzeugen. Die Färbung erfolgte direkt im Material und nicht erst in einem späteren chemischen Färbebad.
Die eingebetteten Hefezellen beeinträchtigten die mechanischen Eigenschaften kaum. Ein blauer Stoff blieb auch beim Falten und Anfassen stabil. Seine Farbintensität nahm innerhalb von 14 Tagen zwar etwas ab, die Sättigung blieb jedoch weitgehend erhalten. Für eine dauerhafte Verwendung müssten die Wissenschaftler die Farbstabilität dennoch weiter verbessern.
Neue Pilzfäden lassen Schmutzwasser rasch abperlen
Einzelne Bereiche des Materials erhielten zusätzliche Nährstoffe. Dort wuchsen neue, feine Pilzfäden aus der Oberfläche. Über gezielt platzierte Tropfen entstanden Logos, Blätter, Schneeflocken und andere Muster. Die raue Struktur dieser Luftmyzelien erzeugte einen Wasserkontaktwinkel von etwa 145 Grad. Flüssigkeit blieb deshalb nahezu kugelförmig und rollte schnell ab.
Selbst verschmutztes Wasser hinterließ auf diesen Flächen kaum Rückstände. Eine zusätzliche Beschichtung mit Fluorverbindungen oder anderen wasserabweisenden Chemikalien war nicht nötig. Abrieb schwächte den Effekt allerdings. Für Alltagskleidung wären deshalb weitere Tests zu Reibung, häufigem Tragen und Waschen erforderlich.

Frische Pilzkugeln schließen größere Risse erneut
Kleine Schnitte ließen sich mit wenigen Tropfen Wasser wieder verbinden. Nach zehn Reparaturdurchgängen behielt das Material noch rund 68 Prozent seiner ursprünglichen Steifigkeit. Bei größeren Schäden füllten die Wissenschaftler frische Myzelpellets in die Lücke. Feuchtigkeit und Nährstoffe regten anschließend neues Wachstum an. Nach zehn solcher Reparaturen erreichte das Material noch etwa 89 Prozent seines ursprünglichen Elastizitätsmoduls.
Eine zweite Pilzart ergänzte den UV-Schutz. Dafür sprühte das Team Sporen von Aspergillus niger auf die Oberfläche. Seine dunklen, melaninreichen Pilzfäden absorbierten einen großen Teil der UV-Strahlung und steigerten zugleich die antioxidative Wirkung. Aus verschieden gefärbten und behandelten Modulen entstand schließlich das Kleid: blaue Flächen am Körper, gemusterte Teile am Kragen und wasserabweisende Pilzfäden am Saum.
Der Pilzstoff zerfällt im Boden nach wenigen Wochen
Ein kleines Behältnis aus demselben Material war nach 41 Tagen im Boden nahezu vollständig abgebaut. Für kurzlebige Produkte könnte dieser schnelle Zerfall ein Vorteil sein. Die Experten nennen biologisch abbaubare Verpackungen, Textilien und temporäre Ausstellungsstücke als mögliche Einsatzfelder.
Für häufig getragene Kleidung fehlen noch wichtige Eigenschaften. Waschbarkeit, Luftdurchlässigkeit, Hautgefühl, Abriebfestigkeit und langfristige Stabilität wurden bislang nicht ausreichend geprüft. Auch die Herstellung benötigt Nährmedien, Wasser und Glycerin. Besonders die Rohstoffe verursachten mehr als 95 Prozent der ermittelten Produktionskosten.
„Indem wir die Strukturbildung mit einer anhaltenden Stoffwechselaktivität verbinden, schaffen wir biologisch hergestellte Systeme, die programmierbar, umweltreaktiv und von Grund auf nachhaltig sind“, schreiben die Autoren. Bis daraus Kleidung für den Alltag entsteht, müssen die lebenden Pilzflächen jedoch robuster, günstiger und leichter zu pflegen werden.
Kurz zusammengefasst:
- Forscher haben lebendes Pilzmyzel zu flexiblen Textilflächen verarbeitet und daraus einen Kleid-Prototyp genäht.
- Das Material kann sich biologisch färben, Wasser und Schmutz abweisen, UV-Strahlung abschirmen und beschädigte Stellen teilweise reparieren.
- Für Alltagskleidung fehlen noch Tests zu Waschbarkeit, Abrieb und Haltbarkeit; im Boden zerfällt der Pilzstoff jedoch innerhalb von 41 Tagen nahezu vollständig.
Übrigens: Pilzmyzel kann nicht nur zu lebenden Stoffen werden, sondern auch Plastik ersetzen und sogar ausgediente Kleidung in neue Rohstoffe zerlegen. Wie daraus Verpackungen, Dämmstoffe und Textilkreisläufe entstehen, mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Li et al., Science Advances (2026)
