Die meisten halten ihre Mitmenschen für deutlich egoistischer, als sie tatsächlich sind
Die Hilfsbereitschaft ist weltweit höher als erwartet. Besonders in Deutschland unterschätzen viele ihre Mitmenschen.
Die Studie zeigt: Viele Menschen unterschätzen die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen deutlich. © Magnific
Viele Menschen rechnen damit, dass andere zuerst an sich selbst denken. Diese Erwartung prägt den Alltag. Sie entscheidet mit darüber, wie sehr Menschen einander vertrauen, helfen oder sich für gemeinsame Ziele einsetzen. Eine große internationale Untersuchung kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Die Hilfsbereitschaft ist deutlich höher, als viele vermuten. Besonders groß ist die Lücke zwischen Erwartung und Wirklichkeit in Deutschland. Dort halten viele ihre Mitmenschen für egoistischer, als diese tatsächlich handeln.
Verfasst wurde die Studie von Armin Falk und Teodora Boneva von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Peter Andre von der Goethe-Universität Frankfurt sowie Felix Chopra von der Frankfurt School of Finance. Mehr als 101.000 Menschen aus 125 Ländern nahmen teil. Die Daten repräsentieren nach Angaben des Forschungsteams rund 92 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung.
Geldtest misst echte Hilfsbereitschaft
Nach Angaben der Autoren handelt es sich um die erste weltweit repräsentative Untersuchung zur Hilfsbereitschaft von Menschen gegenüber Fremden. Damit liefert die Studie Antworten auf eine Frage, die Gesellschaften seit Langem beschäftigt: Wie bereit sind Menschen, für ein gemeinsames Ziel auf einen persönlichen Vorteil zu verzichten?
Für die Untersuchung trafen die Teilnehmer eine Entscheidung mit finanziellen Folgen. Sie wurden jeweils einer unbekannten Person aus dem eigenen Land zugeordnet. Zur Wahl standen zwei Möglichkeiten:
- Eine persönliche Auszahlung von 100 Dollar.
- Eine geringere Auszahlung von 70 Dollar zugunsten eines gemeinsamen Ziels.
Entschieden sich beide Personen für Kooperation, gingen zusätzlich 400 Dollar an Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels.
69 Prozent entscheiden sich für Zusammenarbeit
Das Ergebnis fiel erstaunlich eindeutig aus. Weltweit wählten 69 Prozent die kooperative Variante. Die Teilnehmer glaubten jedoch im Durchschnitt, dass nur 47 Prozent der anderen genauso handeln würden. Die Autoren fassen die wichtigste Erkenntnis der Arbeit in einem Satz zusammen: „Wir sind als Spezies kooperativer, als wir selbst glauben.“
Die Zahlen zeigen damit nicht nur eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit, sie offenbaren auch einen weit verbreiteten Irrtum: Viele Menschen rechnen mit deutlich mehr Egoismus ihres Gegenübers.
Diese pessimistische Fehleinschätzung fand sich in 124 der 125 untersuchten Länder. Sie scheint also kein regionales Phänomen zu sein, sondern ein nahezu weltweites Muster.
In Deutschland ist die Fehleinschätzung besonders groß
Die deutschen Daten stechen aus der internationalen Untersuchung hervor. Hierzulande entschieden sich 86 Prozent der Teilnehmer für Kooperation. Gleichzeitig erwarteten sie, dass nur 47,6 Prozent ihrer Mitbürger ebenfalls kooperieren würden. Der Unterschied beträgt fast 40 Prozentpunkte. Kaum ein anderer Befund verdeutlicht die Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit so deutlich.
Viele Menschen halten ihre Mitmenschen für deutlich egoistischer. Die tatsächliche Hilfsbereitschaft fällt wesentlich höher aus als die Erwartungen.
Erwartungen beeinflussen das eigene Verhalten stark
Menschen orientieren sich stark daran, was sie von anderen erwarten. Wer davon ausgeht, dass andere ebenfalls einen Beitrag leisten, handelt selbst häufiger gemeinschaftlich. Wer mit Egoismus rechnet, entscheidet sich dagegen öfter für den eigenen Vorteil.
Die Erwartungen über das Verhalten anderer zählen weltweit zu den wichtigsten Einflussfaktoren für Kooperation. Hinzu kommen weitere Eigenschaften, die mit Hilfsbereitschaft zusammenhängen:
- Altruismus
- Geduld
- Risikobereitschaft
- Zustimmung zu sozialen Normen
Auch Bildung spielte eine Rolle. Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen entschieden sich häufiger für Kooperation. Dagegen fanden die Forscher im weltweiten Durchschnitt keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Auch das Alter hatte keinen messbaren Einfluss.
Kultur prägt Zusammenarbeit unterschiedlich
Obwohl die Grundlagen menschlicher Zusammenarbeit weltweit ähnlich erscheinen, unterscheiden sich Länder teilweise deutlich. Besonders die Wirkung von Erwartungen fällt regional verschieden aus. In einigen Ländern beeinflusst die Einschätzung anderer Menschen das eigene Verhalten sehr stark. In anderen Ländern fällt dieser Zusammenhang deutlich schwächer aus.
Als Beispiele nennen die Wissenschaftler Finnland und Ägypten. In Finnland hing die eigene Entscheidung besonders stark davon ab, wie kooperativ die Teilnehmer ihre Mitmenschen einschätzten. Wer dort mehr Vertrauen in andere hatte, entschied sich deutlich häufiger für Kooperation. In Ägypten fiel dieser Zusammenhang schwächer aus. Dort wirkten Erwartungen über das Verhalten anderer weniger stark auf die eigene Entscheidung.
Nach Ansicht des Forschungsteams prägen historische und kulturelle Entwicklungen diese Unterschiede. Kooperation entsteht demnach nicht allein aus persönlichen Eigenschaften. Auch gesellschaftliche Erfahrungen beeinflussen das Verhalten.
Schon einfache Informationen verändern die Sicht auf andere
Die Untersuchung liefert noch eine weitere interessante Erkenntnis. Ein Teil der Teilnehmer erhielt zusätzliche Informationen. Sie erfuhren, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung den Klimawandel als ernstes Problem betrachtet.
Diese kurze Information hatte Folgen. Die Teilnehmer schätzten andere Menschen anschließend kooperativer ein. Gleichzeitig stieg ihre eigene Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Die Ergebnisse machen deutlich: Viele Menschen schätzen ihre Mitmenschen zu pessimistisch ein. Solche Fehlannahmen können die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bremsen. Die Studie liefert aber auch einen positiven Hinweis. Schon einfache Informationen können Erwartungen verändern und Menschen eher dazu bewegen, gemeinsam zu handeln.
Kurz zusammengefasst:
- Eine globale Studie mit mehr als 101.000 Menschen aus 125 Ländern zeigt, dass 69 Prozent kooperieren, obwohl viele ihre Mitmenschen für deutlich weniger hilfsbereit halten.
- Die Hilfsbereitschaft ist in Deutschland besonders hoch: 86 Prozent handeln kooperativ, erwarten dieses Verhalten aber nur von 47,6 Prozent der anderen.
- Erwartungen beeinflussen das eigene Verhalten stark. Wer andere für kooperativ hält, handelt selbst häufiger gemeinschaftlich. Schon einfache Informationen können diese Einschätzung verbessern.
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