Unordnung durch Totholz im Wald lockt plötzlich mehr Tiere an
Totholz und kleine Lücken im Blätterdach schaffen Lebensräume für Vögel und Fledermäuse – und erhöhen die Artenvielfalt.
Abgestorbene Stämme wirken oft wie Waldschäden. Für viele Arten bieten sie jedoch Nahrung, Schutz und Brutplätze. © Magnific
Totholz und kleine Lücken im Blätterdach bringen Unordnung in den Wald – und helfen der Artenvielfalt. Vögel und Fledermäuse profitieren davon, allerdings auf unterschiedliche Weise. Das zeigt eine Untersuchung aus dem Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.
Viele Wälder in Europa wurden über lange Zeit auf Holzproduktion ausgerichtet. Alte, morsche Bäume verschwanden oft aus den Beständen, natürliche Lichtungen wurden seltener. Dadurch entstanden vielerorts gleichförmige Wälder mit weniger Nistplätzen, Jagdräumen und Rückzugsorten.
Die Würzburger Forscher haben gemeinsam mit Partnern untersucht, welche Strukturen Tiere in solchen Wäldern brauchen. Ihre Daten zeigen: Mehr Abwechslung im Bestand kann zusätzliche Arten anlocken – von Spechten bis zu seltenen Fledermäusen.
Warum mehr Struktur im Wald mehr Leben ermöglicht
Schon kleinere Unterschiede verändern einen Wald. Liegende Stämme, abgestorbene Bäume und offene Stellen zwischen den Kronen wirken sich auf Licht, Temperatur und Nahrungsvorkommen aus. Dadurch entstehen Nischen, die in gleichförmigen Beständen fehlen.
Die Wissenschaftler untersuchten 234 Waldflächen mit einer Größe von jeweils 50 mal 50 Metern. Die Flächen lagen in elf Waldlandschaften und verteilten sich auf sechs Regionen Deutschlands. Mithilfe automatischer Tonaufnahmen identifizierte das Team insgesamt 17 Fledermausarten und 72 Vogelarten.
Vögel bleiben im Revier, Fledermäuse wechseln den Jagdplatz
Die beiden Tiergruppen nutzen Wälder sehr unterschiedlich. Vögel besetzen feste Reviere. Sie brauchen dort Nahrung, Nistplätze und Schutz möglichst nah beieinander. Schon einzelne strukturreiche Bereiche können ihnen deshalb helfen.
Fledermäuse bewegen sich weiträumiger. In einer Nacht legen sie größere Strecken zurück und nutzen verschiedene Bereiche einer Waldlandschaft. Mal jagen sie in dichten Beständen, mal fliegen sie durch hellere Abschnitte. Deshalb profitieren sie besonders, wenn die Landschaft insgesamt abwechslungsreicher wird.
Die Auswertung ergab, dass in strukturreicheren Wäldern bei den Fledermäusen im Durchschnitt etwa zwei zusätzliche Arten vorkamen. Doktorandin und Erstautorin Clara Wild ordnet das Ergebnis so ein: „Das klingt wenig, ist aber dennoch viel, weil es in Deutschland insgesamt nur 25 Fledermausarten gibt.“
Seltene Arten finden wieder passende Lebensräume
Von den Veränderungen profitierten unter anderem die Nordfledermaus und die Zweifarbfledermaus. Beide bevorzugen eher offenes Gelände und treten in gleichförmigen Wäldern seltener auf. Mehr Abwechslung in der Waldlandschaft erweitert für sie die nutzbaren Jagdräume.
Auch verschiedene Vogelarten reagierten positiv. Vor allem Spechte und andere Arten, die abgestorbenes Holz nutzen, fanden bessere Bedingungen. Sie benötigen morsche Stämme zum Brüten oder zur Nahrungssuche. Besonders stark nahm die sogenannte funktionelle Vielfalt zu. Das heißt: Es kamen Arten mit unterschiedlichen Lebensweisen hinzu.
Die Tierstimmen wurden über mehrere Monate automatisch erfasst. Rekorder zeichneten Rufe und Gesänge auf, ohne die Tiere zu stören. So entstand ein breiter Überblick darüber, welche Arten die einzelnen Waldstücke nutzen.
Schon kleine Eingriffe schaffen neue Nischen
Nach Einschätzung der Forscher braucht es keine großflächigen Umbauten. Bereits einzelne Maßnahmen können die Strukturvielfalt erhöhen. Dazu gehört, abgestorbene Stämme im Bestand zu belassen, kleinere Öffnungen im Kronendach zuzulassen und verschiedene Formen von Totholz zu erhalten.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir auch in monotonen artenarmen Wäldern die Artenvielfalt fördern können. Durch kleine Eingriffe, die die Strukturvielfalt erhöhen, können wir wertvolle Nischen schaffen. Das macht den Wald vielfältiger und zieht Schädlingsbekämpfer wie Vögel und Fledermäuse gleichermaßen an“, erklärt Wild.
Professor Jörg Müller sieht darin auch eine Orientierung für die Forstwirtschaft. „Ein strukturreicher Wald ist durch seine Vielfalt viel widerstandsfähiger gegen den Klimawandel“, sagt der Waldökologe. Totholz im Wald zu lassen, kostet kurzfristig zwar etwas Holzertrag, kann aber langfristig die Stabilität des Ökosystems stärken.
Kurz zusammengefasst:
- Totholz und kleine Lichtungen erhöhen die Artenvielfalt im Wald, weil sie zusätzliche Lebensräume und Nahrungsquellen für viele Tiere schaffen.
- Vögel und Fledermäuse profitieren unterschiedlich: Vögel brauchen strukturreiche Bereiche in ihrem Revier, Fledermäuse nutzen dagegen verschiedene Waldabschnitte als Jagd- und Rückzugsorte.
- Schon kleine Maßnahmen wie das Liegenlassen von Totholz oder das Schaffen von Waldlücken können seltene Arten fördern und die Widerstandsfähigkeit des Waldes stärken.
Übrigens: Selbst die Farbe einer Straßenlaterne kann darüber entscheiden, ob Fledermäuse einen Lebensraum weiter nutzen oder meiden. Eine dänische Stadt setzt deshalb auf rotes Licht statt Weiß. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Magnific
