Millionen schlucken Vitamin D – doch ihre Knochen profitieren kaum

Vitamin D gilt als Schutz für die Knochen. Eine BMJ-Analyse mit fast 154.000 Erwachsenen findet jedoch kaum Nutzen gegen Brüche.

Frau nimmt Vitamin D

Die Einnahme von Vitamin D soll die Knochen stärken. Eine große BMJ-Analyse findet jedoch kaum Hinweise auf weniger Brüche oder Stürze. © Magnific

Seit Jahren gelten Vitamin D und Calcium als einfaches Mittel für stabile Knochen im Alter. Doch eine große Auswertung mit fast 154.000 Erwachsenen dämpft diese Hoffnung deutlich: Für die meisten älteren Menschen schützen Vitamin D, Calcium oder die Kombination aus beiden kaum sinnvoll vor Knochenbrüchen und Stürzen.

Im Fachjournal The BMJ kommt das Team um den klinischen Pharmazeuten Olivier Massé zu einem ernüchternden Ergebnis. Die Forscher werteten 69 randomisierte Studien aus. Beteiligt waren unter anderem die Université de Montréal, das CIUSSS du Nord-de-l’Île-de-Montréal und das McGill University Health Centre.

Warum Vitamin D die Knochen kaum schützt

Bei Vitamin D allein war das Ergebnis besonders klar. In 36 Studien mit mehr als 92.000 Teilnehmern lag das relative Risiko für irgendeinen Knochenbruch bei 1,00. Praktisch bedeutet das: Zwischen der Vitamin-D-Gruppe und der Vergleichsgruppe gab es keinen messbaren Unterschied. Auch bei Hüftbrüchen, Wirbelbrüchen, anderen Knochenbrüchen und Stürzen fanden die Forscher wenig bis keinen Nutzen.

Das ist relevant, weil gerade Hüftbrüche im Alter schwere Folgen haben können. Sie bedeuten oft Schmerzen, Operationen, Reha und den Verlust von Selbstständigkeit. Fast jeder dritte Mensch ab 65 Jahren stürzt laut der Arbeit mindestens einmal pro Jahr. Viele Stürze bleiben folgenlos. Manche verändern jedoch das ganze Leben.

Stürze enden oft mit schweren Brüchen

Auch Calcium allein überzeugte nicht. In 11 Studien mit 9067 Teilnehmern lag das relative Risiko für irgendeinen Knochenbruch bei 0,91. Die Forscher bewerten die Sicherheit dieser Aussage als moderat. Für Hüftbrüche blieb die Datenlage deutlich unsicherer. Dort reichten die Ergebnisse nicht aus, um einen belastbaren Nutzen zu erkennen.

Etwas komplizierter wird es bei der Kombination aus Calcium und Vitamin D. Hier fanden die Forscher zwar statistisch auffällige Effekte, doch die absoluten Unterschiede waren klein. Die Kombination ging mit 1 Prozent weniger Knochenbrüchen insgesamt einher. Bei Hüftbrüchen lag der Unterschied bei 0,3 Prozentpunkten. Bei nicht-wirbelbezogenen Brüchen waren es 1,6 Prozentpunkte.

Calcium und Vitamin D bringen nur kleine Effekte

Die absoluten Unterschiede blieben klein. Bei Knochenbrüchen insgesamt lag der Vorteil der Kombination wie gesagt bei einem Prozentpunkt. Rechnerisch müssten also 100 Menschen Calcium und Vitamin D einnehmen, um einen Knochenbruch zu verhindern. Bei Hüftbrüchen fiel der Abstand noch geringer aus: Dort lag der Vorteil bei 0,3 Prozentpunkten, also bei einem verhinderten Bruch auf 333 Menschen. Deshalb bewerten die Autoren den Nutzen als statistisch sichtbar, aber klinisch kaum bedeutsam.

„Diese Ergebnisse sprechen nicht für eine routinemäßige Supplementierung mit Calcium oder Vitamin D oder einer Kombination aus beiden, um Knochenbrüche und Stürze zu verhindern“, heißt es in der Auswertung. Damit geraten auch allgemeine Empfehlungen zu Calcium und Vitamin D ins Wanken. Ärzte, Leitliniengremien und Aufsichtsbehörden sollten sie nach Ansicht der Autoren „im Licht der aktuellen Evidenz neu bewerten“.

Vitamin D schützt die Knochen nicht automatisch vor Brüchen

Die Auswertung gilt nicht automatisch für alle Menschen. Ausgenommen waren Teilnehmer, die Medikamente gegen Osteoporose erhielten. Auch Menschen mit bestimmten Knochenerkrankungen oder langfristiger Kortisontherapie lassen sich damit nicht einfach gleichsetzen. In solchen Fällen kann eine ärztlich begründete Gabe weiterhin sinnvoll sein.

Wichtig ist auch: Viele Studien untersuchten Menschen, die zu Hause lebten und nicht zu den stärksten Risikogruppen gehörten. Nur ein Teil der Arbeiten bezog Menschen mit besonders hohem Risiko ein. Dazu zählen etwa sehr alte Personen, Menschen in Pflegeeinrichtungen, Personen mit früheren Brüchen oder ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel.

Für Risikopatienten bleibt die Lage komplizierter

Alter, Geschlecht, frühere Stürze, frühere Brüche oder die Calciumaufnahme über die Ernährung änderten das Ergebnis kaum. Auch unterschiedliche Vitamin-D-Spiegel lieferten keinen belastbaren Hinweis darauf, dass die Präparate zuverlässig vor Brüchen oder Stürzen schützen.

Für ältere Menschen zählt deshalb vor allem, was im Alltag wirklich Stürze verhindert. In einem begleitenden Editorial nennen Experten Gleichgewichtstraining, Krafttraining und individuell angepasste Programme zur Sturzprävention. Solche Programme nehmen mehrere Risiken in den Blick: Stolperfallen in der Wohnung, Medikamente, Sehprobleme, Muskelschwäche und unsichere Bewegungsabläufe.

Bewegung schützt oft verlässlicher als Tabletten

Viele nehmen Vitamin D für die Knochen, weil es einfach ist. Eine Tablette braucht keine Zeit, keine Übung, keine Umstellung. Bewegung fordert mehr – bringt beim Schutz vor Stürzen aber oft den größeren Nutzen.

Besonders hilfreich sind Übungen, die Kraft und Gleichgewicht trainieren. Dazu zählen gezieltes Muskeltraining, Balanceübungen und Programme, die auf das persönliche Sturzrisiko abgestimmt sind. So entsteht Schutz dort, wo Stürze oft beginnen: bei unsicheren Schritten, schwacher Muskulatur und fehlender Stabilität.

Kurz zusammengefasst:

  • Vitamin D gilt vielen als einfacher Schutz für die Knochen, doch eine BMJ-Analyse mit fast 154.000 Erwachsenen fand kaum Nutzen gegen Brüche und Stürze.
  • Auch Calcium allein überzeugte nicht; die Kombination aus Calcium und Vitamin D brachte nur kleine Effekte, die für die meisten untersuchten Erwachsenen klinisch kaum bedeutsam waren.
  • Verlässlicher erscheint gezielte Bewegung: Kraft- und Gleichgewichtstraining können Stürze dort verhindern, wo sie oft beginnen – bei unsicheren Schritten und fehlender Stabilität.

Übrigens: Während eine neue BMJ-Analyse den Nutzen von Vitamin D gegen Knochenbrüche dämpft, sehen andere Forscher mögliche Effekte auf Alterung und Gesundheit. Entscheidend ist dabei offenbar nicht die bloße Einnahme, sondern Dosis, Regelmäßigkeit und der richtige Vitamin-D-Spiegel. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Magnific

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