Vorbild für Deutschland? Schweden setzt auf Mini-Atomkraftwerke von Rolls-Royce
Schweden plant drei Mini-Atomkraftwerke von Rolls-Royce. Sie sollen ab Mitte der 2030er-Jahre Strom für Industrie und Haushalte liefern.
So könnten die Mini-Atomkraftwerke von Rolls-Royce aussehen. Schweden plant drei solcher Reaktoren auf der Värö-Halbinsel. (Visualisierung) © Rolls-Royce
Deutschland diskutiert seit dem Atomausstieg über Strompreise, Versorgungssicherheit und den richtigen Weg zur Klimaneutralität. In Schweden fällt nun eine andere Antwort auf dieselben Fragen: An der Westküste des Landes soll ein Mini-Atomkraftwerk den Anfang machen, später sollen zwei weitere Reaktoren folgen. Sie sollen Strom liefern, wenn Windräder wenig Leistung bringen und Solaranlagen im Winter kaum Ertrag haben.
Hinter dem Vorhaben steht Videberg Kraft, eine von Vattenfall gegründete Projektgesellschaft für neue Atomkraft in Schweden. Sie hat dafür das Projekt Small Modular Reactors (SMR) von Rolls-Royce ausgewählt, wie das Unternehmen in einer Mitteilung bekanntgab. Geplant sind drei kleine modulare Reaktoren auf der Värö-Halbinsel. Zusammen sollen sie 1.500 Megawatt elektrische Leistung liefern. Laut Rolls-Royce entspräche das rund sechs Prozent des schwedischen Jahresstromverbrauchs. Für das Land wäre es der erste Neubau eines Atomkraftwerks seit mehr als 40 Jahren.
Mini-Atomkraftwerk soll Schwedens Süden verlässlich versorgen
Der neue Reaktorpark soll vor allem Industrie und Haushalte im Süden Schwedens stützen. Dort brauchen Betriebe viel Strom, etwa für Produktion, Kühlung, Digitalisierung und die Umstellung auf klimafreundlichere Verfahren. Für solche Verbraucher zählt nicht nur der Preis pro Kilowattstunde. Sie brauchen auch Strom, der rund um die Uhr verfügbar bleibt.
Schweden nutzt bereits heute mehrere Stromquellen. Dazu zählen Atomkraft, Wasserkraft, Windkraft, Solarenergie und Kraft-Wärme-Kopplung. Die neuen Reaktoren sollen diese Mischung ergänzen. Rolls-Royce spricht von sauberer Grundlast. Damit meint das Unternehmen Strom, der unabhängig von Wetter und Tageszeit bereitsteht. Die Anlagen sollen nach derzeitigem Plan mehr als 60 Jahre laufen.
Warum Rolls-Royce auf Mini-Atomkraftwerke im Serienbau setzt
Hinter dem Vorhaben steckt ein anderes Bauprinzip als bei vielen alten Großreaktoren. Rolls-Royce setzt auf standardisierte Anlagen. Viele Teile sollen in Fabriken entstehen und anschließend an den Standort kommen. Das soll Projekte planbarer machen, weil Bauzeiten und Kosten dadurch weniger aus dem Ruder laufen als bei großen Einzelanfertigungen.
Das Versprechen klingt für Staaten attraktiv, die neue Stromquellen suchen. Bewiesen ist es im europäischen Alltag aber noch nicht. Rolls-Royce befindet sich nach eigenen Angaben in den letzten Phasen des britischen Genehmigungsverfahrens. In Schweden soll die erste Anlage Mitte der 2030er-Jahre ans Netz gehen. Bis dahin müssen Genehmigungen, Finanzierung, Bau und Sicherheitsprüfungen funktionieren.
Der Zuschlag für das SMR-Projekt von Rolls-Royce kam nicht über Nacht. Laut Unternehmenschef Chris Cholerton startete die Auswahl bereits 2022. Videberg Kraft habe große Reaktoren und kleinere modulare Modelle geprüft.
Schweden schickt ein Signal an die europäische Energiepolitik
Die Entscheidung hat auch eine politische Seite. Großbritannien sieht in dem Auftrag einen Erfolg für seine Industrie. „Dies ist ein großer Vertrauensbeweis für britische Innovation und unsere Nuklearindustrie“, sagt Wirtschaftsminister Peter Kyle. Er spricht außerdem von „guten Arbeitsplätzen und sauberer Energiesicherheit“. Rolls-Royce hofft auf eine europäische Lieferkette und weitere Exportchancen.

Während Schweden neue Atomkraft plant, hat Deutschland seine letzten Reaktoren abgeschaltet. Schweden verfügt jedoch über eine andere Stromstruktur, andere politische Ziele und andere Standorte. Außerdem nennt Rolls Royce bislang keine konkreten Kosten für das Projekt. Offen bleibt auch, wie teuer der Strom aus den neuen Reaktoren später ausfällt.
Mini-Atomkraftwerk bleibt ein Versprechen mit offenen Fragen
Der schwedische Plan zeigt, warum kleine modulare Reaktoren in Europa wieder Aufmerksamkeit bekommen. Sie sollen klimafreundlichen Strom liefern, Industrie absichern und neue Jobs schaffen. Bei Rolls-Royce kommt noch ein wirtschaftlicher Gedanke hinzu. Wer ein erstes Projekt erfolgreich baut, kann ähnliche Anlagen später in andere Länder verkaufen.
Auf der Värö-Halbinsel entscheidet sich deshalb mehr als nur die Zukunft eines Kraftwerks. Schweden testet, ob neue Atomtechnik schneller und planbarer entstehen kann als frühere Großprojekte. Bis der erste Reaktor läuft, bleibt das Mini-Atomkraftwerk in Schweden aber noch ein großes Energieversprechen.
Kurz zusammengefasst:
- Schweden plant drei Mini-Atomkraftwerke von Rolls-Royce auf der Värö-Halbinsel und will damit erstmals seit mehr als 40 Jahren ein neues Atomkraftwerk bauen.
- Die Reaktoren sollen zusammen 1.500 Megawatt elektrische Leistung liefern und laut Rolls-Royce rund sechs Prozent des schwedischen Jahresstromverbrauchs abdecken.
- Die Technik soll Strom verlässlicher planbar machen, doch Kosten, Genehmigungen und der tatsächliche Start Mitte der 2030er-Jahre bleiben offen.
Übrigens: Schweden ist kein Einzelfall – auch Tschechien setzt bei neuen Mini-Atomkraftwerken auf Rolls-Royce und will damit seine Stromversorgung absichern. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Rolls-Royce
