Höherer BMI erhöht offenbar das Risiko für 19 Krebsarten
Eine große Analyse verbindet einen höheren BMI mit erhöhtem Krebsrisiko bei 19 Krebsarten. Die Daten zeigen Unterschiede nach Tumorart.
Ein höherer BMI hängt laut großer Analyse mit einem erhöhten Krebsrisiko bei 19 Krebsarten zusammen. © Pexels
Erst zwickt die Hose. Dann wird das Treppensteigen mühsamer. Und irgendwann steht beim Gesundheitscheck ein Wert im Raum, den viele zwar kennen, aber kaum einordnen können: der BMI. Nun bekommt diese Zahl eine neue Brisanz.
Ein höherer BMI hängt offenbar mit einem erhöhten Krebsrisiko bei 19 Krebsarten zusammen. Das berichten Forscher vom National Cancer Institute in den USA, vom Imperial College London und von der Johns Hopkins University im Fachjournal Nature Metabolism. Bisher nannten große Fachgremien 13 Krebsarten im Zusammenhang mit starkem Übergewicht.
Das Team wertete 226 wissenschaftliche Arbeiten aus. Insgesamt flossen Daten zu rund 1,5 Millionen neu aufgetretenen Krebsfällen aus 23 Ländern ein. Verglichen wurde jeweils, wie sich das Risiko verändert, wenn der BMI um 5 Punkte steigt.
Hier steigt das Krebsrisiko mit höherem BMI besonders deutlich
Bei einigen Tumoren fällt der Zusammenhang besonders stark aus. Pro 5 BMI-Punkte mehr steigt das relative Risiko je nach Krebsart deutlich:
- Gebärmutterkörperkrebs: plus 58 Prozent
- Adenokarzinom der Speiseröhre: plus 47 Prozent
- Nierenkrebs: plus 30 Prozent
- Gallenblasenkrebs: plus 27 Prozent
- Leberkrebs: plus 20 Prozent
Bei Speiseröhrenkrebs kann überschüssiges Gewicht Reflux begünstigen. Bei Leber-, Nieren-, Gallenblasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs kommen Stoffwechselprobleme, Entzündungen, Fettleber, Diabetes oder Gallensteine als mögliche Faktoren hinzu.
Diese Zahlen beschreiben keine Vorhersage für den einzelnen Menschen. Sie zeigen Unterschiede in großen Bevölkerungsgruppen. Alter, Gene, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Ernährung und Vorerkrankungen verändern das persönliche Risiko zusätzlich.
Bei Gebärmutterkörperkrebs und Brustkrebs nach den Wechseljahren kann außerdem Fettgewebe wichtig werden, weil es zur Bildung von Östrogenen beiträgt. Diese Hormone können bestimmte Tumoren begünstigen.

Vier Krebsarten kommen neu hinzu
Leukämie, Non-Hodgkin-Lymphom, Blasenkrebs und Gliom gehören zu den auffälligen Befunden der Analyse. Frühere große Fachbewertungen von WCRF und IARC führten diese Krebsarten noch nicht als eindeutig mit höherem BMI verbundene Tumoren.
„Der BMI ist mit dem Risiko für 19 Krebsarten positiv verbunden und mit drei Krebsarten invers verbunden“, schreiben die Autoren. Bei den meisten untersuchten Krebsarten nimmt das Risiko mit höherem BMI zu. Drei Befunde fallen aus dem Muster: Dort fanden die Autoren einen umgekehrten Zusammenhang.
Bei drei Krebsarten sinkt der Wert
Dazu gehören Brustkrebs vor den Wechseljahren, Lungenkrebs bei Menschen, die nie geraucht haben, und Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre bei Nichtrauchern. Diese Ergebnisse brauchen Vorsicht. Gerade bei Krebsarten mit engem Bezug zum Rauchen können andere Faktoren die Werte verzerren.
Bei Kopf-Hals-Tumoren, Lungenkrebs, Blasenkrebs und bestimmten Speiseröhrentumoren zählten deshalb nur Daten von lebenslangen Nichtrauchern. So verliert Rauchen als Störfaktor an Gewicht. Trotzdem bleiben diese Befunde schwieriger zu deuten als die starken Zusammenhänge bei Gebärmutterkörper-, Nieren- oder Leberkrebs.
Bei Darmkrebs trifft ein höherer BMI Männer stärker
Beim Darmkrebs steigt das relative Risiko bei Männern stärker als bei Frauen. Pro 5 BMI-Punkte mehr liegt es bei Männern um 17 Prozent höher. Bei Frauen sind es 6 Prozent. Bei Gallenblasenkrebs kehrt sich das Bild um: Frauen kommen auf 33 Prozent, Männer auf 13 Prozent.
Biologische Unterschiede können diese Lücke teilweise erklären. Männer lagern Fett häufiger im Bauchraum ein. Dieses viszerale Fett greift stärker in den Stoffwechsel ein. Bei Frauen können Hormone, Gallensteine und Veränderungen im Östrogenhaushalt stärker mitwirken.
In Ostasien fallen manche Werte höher aus
Bei Brustkrebs nach den Wechseljahren liegt der relative Risikoanstieg in ostasiatischen Kohorten bei 25 Prozent pro 5 BMI-Punkte. In Europa sind es 11 Prozent. Auch bei Eierstockkrebs und Schilddrüsenkrebs fallen die Werte in Ostasien höher aus als in Nordamerika oder Europa.
Bei Gallenblasenkrebs und Krebs am Mageneingang zeigt sich ein anderes Muster. Dort sind die Zusammenhänge in Ostasien schwächer oder nicht eindeutig positiv. Unterschiede bei Hormonersatztherapien, Östrogenspiegeln, Gallensteinen, Tumoruntertypen, Vorsorge und Lebensstil können dazu beitragen.
Der Bauchumfang ändert die Aussage kaum
Der BMI hat Grenzen. Er unterscheidet nicht zwischen Fettmasse und Muskelmasse. Auch die Fettverteilung bleibt offen. Ein kräftiger, muskulöser Mensch kann denselben BMI haben wie jemand mit hohem Fettanteil.
Trotzdem führen BMI und Taillenumfang in großen Bevölkerungsdaten meist zu ähnlichen Einschätzungen des Krebsrisikos. Für die einzelne Person reicht der BMI allein nicht aus. Stoffwechsel, Bauchfett, Muskelmasse und Vorerkrankungen können das Risiko stark verändern.
Große Teile der Welt fehlen noch
Die meisten Krebsfälle stammen aus Europa, Ostasien und Nordamerika. Aus Afrika, Süd- und Zentralamerika, Osteuropa, Süd- und Zentralasien, der Karibik und den Pazifikinseln fehlen passende Langzeitdaten zur Krebsentstehung.
Auch die genetischen Zusatzanalysen beruhen überwiegend auf Daten von Menschen europäischer Abstammung. Für viele Regionen bleibt deshalb offen, wie genau sich die Risikoangaben übertragen lassen.
Kurz zusammengefasst:
- Ein höherer BMI ist mehr als eine Zahl aus dem Gesundheitscheck: Eine große Analyse in Nature Metabolism verbindet ihn mit einem höheren Risiko für 19 Krebsarten.
- Besonders deutlich steigt das relative Risiko bei Gebärmutterkörperkrebs, Speiseröhren-Adenokarzinom, Nierenkrebs, Gallenblasenkrebs und Leberkrebs.
- Die Werte gelten für große Bevölkerungsgruppen, nicht als Vorhersage für einzelne Menschen; Tumorart, Geschlecht, Weltregion, Lebensstil und Vorerkrankungen verändern das persönliche Risiko.
Übrigens: Auch beim Alkohol beginnt das Krebsrisiko offenbar früher, als viele denken – laut großer Analyse schon bei sehr geringen Mengen. Warum selbst ein Glas am Tag für den Körper nicht harmlos ist, mehr dazu in unserem Artikel.
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