Schon ein Glas am Tag genügt: Wie Alkohol das Krebs-Risiko erhöht

Neue Analyse zeigt: Das Krebsrisiko steigt mit jedem Alkoholkonsum. Bereits sehr geringe Mengen sind schädlich.

Zwei Männer trinken Bier

Dieses harmlose Feierabend-Bier könnte Schaden anrichten: Selbst sehr geringe Mengen Alkohol am Tag sind schädlich, sagt eine neue Studie. © Pexels

Wein zum Essen, ein Bier nach der Arbeit oder ein paar Gläser Sekt bei Feiern wirken harmlos und gehören für viele Menschen dazu. Doch die medizinische Bewertung von Alkoholkonsum fällt anders aus. Eine neue große Studie, die in der Fachzeitschrift Nature Health veröffentlicht wurde, kommt zu einem klaren Ergebnis: Schon geringe Mengen Alkohol stehen mit einem höheren Risiko für Krebs in Verbindung.

Forscher der University of Washington und des Institute for Health Metrics and Evaluation haben dafür 843 Studien ausgewertet, erschienen zwischen den Jahren 1961 und 2023. Das Team untersuchte den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und den 20 wichtigen Gesundheitsfolgen. Dazu gehören zehn Krebsarten, vier Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sechs weitere Krankheiten.

Für 20 Krankheiten steigt das Risiko, für eine jedoch besonders

Die Analyse gehört zur „Global Burden of Diseases, Risk Factors, and Injuries Study“ 2023. Das Team nutzte dafür den sogenannten Burden-of-Proof-Ansatz. Dieses Verfahren bewertet, wie stark und wie verlässlich ein Zusammenhang zwischen einem Risikofaktor und einer Krankheit besteht.

Gesundheitsökonomin Emmanuela Gakidou von der Universität Washington sagt dazu: „Die Wissenschaft zu Alkohol und Gesundheit ist wirklich komplex.“ Bei Krebs falle die Bewertung jedoch relativ klar aus. „Für Krebs ist die Evidenz konsistent und eindeutig: Das Risiko steigt bei jeder Menge Alkohol.“ Damit gibt es nach aktuellem Wissensstand keine risikofreie Menge Alkohol.

Die Wissenschaftler nutzten ein einfaches Sterne-System mit null bis fünf Sternen, um die Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu bewerten. Dabei schauten sie nicht nur auf einzelne Studien. Entscheidend war auch, ob viele Untersuchungen unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen kamen.

Null Sterne hätten bedeutet, dass kein verlässlicher Zusammenhang zwischen Alkohol und einer Krankheit erkennbar ist. Fünf Sterne stehen dagegen für besonders starke und übereinstimmende Belege. Auffällig: Keine der 20 untersuchten Gesundheitsfolgen erhielt null Sterne. Für jede einzelne fanden sich also Hinweise auf einen Zusammenhang mit Alkoholkonsum.

Keine sichere Untergrenze

Die Forscher rechneten alle Angaben auf reinen Alkohol um. Ein Standardgetränk enthält dabei 10 Gramm Alkohol. Das entspricht grob einem kleinen Glas Wein, einem kleinen Bier oder einem einfachen Schnaps.

Beim Krebsrisiko fand die Auswertung keine wirklich sichere Untergrenze. Schon weniger als ein Getränk pro Tag hing mit einem höheren Risiko für mehrere Krebsarten zusammen. Bei einem Getränk pro Tag lag das Brustkrebsrisiko rechnerisch 13 Prozent höher als bei Menschen, die keinen Alkohol trinken. Bei Darmkrebs waren es 17 Prozent. Bei Speiseröhrenkrebs waren es 32 Prozent.

Am deutlichsten war der Zusammenhang bei Rachenkrebs. Dort vergaben die Forscher die höchste Belegstufe von fünf Sternen. Ein Standardgetränk pro Tag ging mit einem 16 Prozent höheren Risiko einher. Bei zwei Getränken pro Tag lag das Risiko bereits 56 Prozent höher.

Bei vier Getränken pro Tag war das Risiko rechnerisch fast dreimal so hoch wie bei Menschen ohne Alkoholkonsum. Wichtig ist dabei: Diese Zahlen beschreiben relative Unterschiede. Sie bedeuten nicht, dass 56 Prozent oder fast dreimal so viele Trinkende sicher an Krebs erkranken.

Wie Alkohol die Organe schädigt

Alkohol beeinträchtigt den Körper auf mehreren Wegen. Beim Abbau entsteht Acetaldehyd. Dieser Stoff kann Zellen und Erbgut schädigen. Alkohol beeinflusst zudem Hormone, Entzündungsprozesse und die Aufnahme bestimmter Nährstoffe. Diese Mechanismen erklären, warum Mediziner Alkohol seit Jahren nicht nur als Krebsrisikofaktor betrachten.

Denn die Forscher fanden auch klare Hinweise auf Schäden außerhalb der Krebsmedizin. Alkoholkonsum ging mit einem höheren Risiko für Bauchspeicheldrüsenentzündung, Leberzirrhose und andere chronische Lebererkrankungen einher. Die Leber baut Alkohol ab und trägt deshalb einen großen Teil der Belastung.

Bei regelmäßigem Konsum kann sich Fett in der Leber einlagern. Später drohen Entzündungen, Vernarbungen und im schlimmsten Fall eine Zirrhose. Auch die Bauchspeicheldrüse reagiert empfindlich auf Alkohol. Eine Entzündung dieses Organs kann sehr schmerzhaft verlaufen und im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden.

Herzkrankheiten, Diabetes und Demenz ergeben ein komplizierteres Bild

Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Demenz fiel die Bewertung der Analyse weniger eindeutig aus. Einige Auswertungen zeigten bei niedrigem bis moderatem Konsum sogar ein geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes, Alzheimer und bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Belege dafür waren aber schwächer und anfälliger für Verzerrungen.

Bei Typ-2-Diabetes zeigte die Kurve eine U-Form. Das Risiko war bei niedrigem Alkoholkonsum niedriger, stieg bei höheren Mengen aber wieder an. Die Forscher berechneten den niedrigsten Punkt bei 18 Gramm Alkohol pro Tag. Ab etwa 47 Gramm pro Tag verschwand der Vorteil gegenüber Menschen ohne Alkoholkonsum.

Bei Alzheimer und anderen Demenzformen ergab sich ebenfalls ein niedrigeres Risiko bei geringeren Mengen Alkohol. Ab höheren Trinkmengen kehrte sich dieser Zusammenhang um. In der Tabelle der Studie lag das relative Risiko bei sechs Standardgetränken pro Tag bereits leicht über dem Wert von Nichttrinkern. Bei zehn Getränken pro Tag stieg es auf den Wert von 1,40, also einem 40 Prozent höherem relativen Risiko für eine Erkrankung.

Gakidou warnt deshalb vor einer falschen Deutung und ergänzt die Bewertung: „Statt diese Ergebnisse als Empfehlung zum Trinken zu verstehen, zeichnen sie eine komplexe Karte, wo die Evidenz stark, schwach oder gemischt ist.“

Warum die Alkoholstudien schwer auszuwerten waren

Die Forscher nennen zudem klare Grenzen ihrer Arbeit. Die ausgewerteten Studien waren Beobachtungsstudien, das heißt, sie können Zusammenhänge zeigen, aber keine direkten Beweise für Ursache und Wirkung liefern.

Zudem beruhte der Alkoholkonsum der Testpersonen in den Studien meist auf Selbstauskünften. Solche Angaben können ungenau sein. Manche Menschen unterschätzen die Menge, andere erinnern sich nicht zuverlässig an ihr Trinkverhalten.

Dazu kommt, dass auch andere Faktoren wie Rauchen, Ernährung, Gewicht, Bewegung, Einkommen und Vorerkrankungen die Ergebnisse beeinflussen können. Die Forscher versuchten zwar, Verzerrungen statistisch zu berücksichtigen. Restunsicherheiten bleiben aber bestehen.

Ein weiterer Punkt betrifft das Trinkmuster. Die Studie konnte nicht ausreichend unterscheiden, ob jemand jeden Tag wenig trinkt oder an einzelnen Tagen viel. Auch die Art des Getränks ließ sich nicht verlässlich getrennt auswerten. Wein, Bier und Spirituosen wurden daher nicht separat bewertet.

Trotz klarem Ergebnis keine Konsumempfehlung

Trinkempfehlungen von offizieller Seite unterscheiden sich weltweit stark. Einige Länder nennen niedrigere Risikogrenzen, andere höhere. Solche Werte variieren je nach Land und Geschlecht zwischen 8 bis 52 Gramm Alkohol pro Tag.

Im Fachartikel schreiben die Autoren, ihre Ergebnisse sollten trotz der klaren Schlussfolgerungen nicht als Empfehlung zum Konsumverhalten verstanden werden. „Angesichts der erheblichen Unterschiede in der Belastung durch diese Krankheiten je nach Altersgruppe und Region lassen die derzeitigen Erkenntnisse keinen allgemein gültigen Grenzwert für den Alkoholkonsum zu, der die Gesundheit aller maximiert“, resümieren die Forscher in ihrer veröffentlichten Studie.

Vielmehr fordern sie eine verbesserte Gesundheitsaufklärung, die die mit Alkoholkonsum verbundenen Risiken ehrlicher darstellt, sowie eine Überprüfung der offiziell empfohlenen Trinkmengen. Wer wegen Vorerkrankungen, Medikamenten, familiärer Belastung oder Leberwerten unsicher ist, sollte ärztlichen Rat einholen.

Eine Botschaft fällt trotzdem klar aus: Alkohol erhöht bei einigen schweren Krankheiten das Risiko, besonders bei Krebs, bereits bei sehr niedrigen Mengen. Mögliche Vorteile bei einzelnen Herz- oder Stoffwechselerkrankungen beruhen auf schwächerer Evidenz und dürften die Krebsrisiken nicht verdecken.

Für viele Menschen kann deshalb schon eine Reduktion des Alkoholkonsums sinnvoll sein. Zudem war der von den Forschern gewählte Analyseansatz eher konservativ, sodass es durchaus möglich ist, dass trotz der alarmierenden Risikozahlen der Alkoholkonsum sogar schädlicher ist, als es diese Zahlen vermuten lassen.

Kurz zusammengefasst:

  • Alkohol ist kein harmloses Genussmittel: Schon geringe Mengen stehen laut Studie mit einem höheren Risiko für mehrere Krebsarten in Verbindung.
  • Besonders klar fällt der Zusammenhang bei einer Krebsart aus: Für Rachenkrebs steigt das relative Risiko schon bei zwei Standardgetränken pro Tag um 56 Prozent.
  • Mögliche Vorteile bei einzelnen Herz- oder Stoffwechselkrankheiten sind unsicher belegt und ändern nichts an der wichtigsten Botschaft: Weniger Alkohol senkt vermeidbare Gesundheitsrisiken.

Übrigens: Nicht nur Menschen trinken, obwohl Alkohol gesundheitsschädlich sein kann. Auch Tiere nehmen Alkohol durch ihre Nahrung auf, der durch natürliche Gärung entsteht. Manche davon sogar bis zu einem Glas täglich. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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