So wirkt Natur auf die Psyche: Warum Grün mehr kann als nur erholen

Die Wirkung der Natur auf die Psyche geht weit über Regeneration hinaus: Grün kann Konzentration, Stimmung und Wohlbefinden stärken.

Frau im Wald

Ein Blick in die Baumkronen tut gut: Natürliche Umgebungen heben die Stimmung und stärken das psychische Wohlbefinden. Das legt eine Auswertung verschiedener Studien nahe. © Pexels

Ein Aufenthalt in der Natur kann erschöpfte Köpfe reparieren, das weiß jeder, der mit dem Fahrrad von Arbeit, Studium oder Schule durchs Grüne nach Hause fährt. Vor allem das Waldbaden – im japanischen Ursprung „Shinrin-Yoku“ genannt – senkt mit Waldluft riechen und dem Blätterrauschen lauschen nachgewiesen das Stresslevel. Und das sogar noch Tage nach dem Aufenthalt im Wald.

Die Wirkung der Natur auf die Psyche wurde in der Vegangenheit vor allem bei gestressten Menschen untersucht. Bisherige Experimente erfassten unter anderem Blutdruck, Herzschlag, Cortisol und bestimmte Abwehrzellen. Einige fanden nach Waldaufenthalten günstigere Werte. Viele Untersuchungen waren jedoch zu klein, Ergebnisse lassen sich daher nur begrenzt verallgemeinern.

Die Natur kann aber auch schon helfen, bevor der Kopf müde oder die Stimmung gedrückt ist. Johanna Prugger und Simone Kühn vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung werteten dafür 54 Arbeiten mit 61 Experimenten aus. Ihre Übersichtsarbeit im Journal of Environmental Psychology mit dem Titel „Der blinde Fleck in der Forschung über die Vorzüge der Natur“ unterscheidet zwischen Erholung nach Belastung und einer möglichen Stärkung aus einem neutralen Zustand heraus. Aufmerksamkeit, Stimmung und Wohlbefinden profitieren demnach auch an einem gewöhnlichen Tag von Aufenthalten im Grünen – ganz ohne vorherigen Stress.

Das unerkannte Potenzial der Natur

Viele Experimente folgten in der Vergangenheit diesem Muster: Zuerst mussten die Teilnehmer schwierige Aufgaben lösen, belastende Bilder ansehen oder lange Tests absolvieren. Danach verbrachten sie Zeit im Grünen oder betrachteten Naturaufnahmen. Anschließend prüften die jeweiligen Forschungsteams, wie gut sich Aufmerksamkeit, Stimmung oder Stresswerte erholten. Von den einbezogenen Arbeiten untersuchten 45 die regenerativen Wirkungen. Nur acht Studien prüften eine mögliche Stärkung des Wohlbefindens ohne vorherige Belastung.

Aber gerade diese kleine Studienzahl lieferte auffällige Ergebnisse. Alle vier Experimente zur geistigen Leistung fanden Vorteile natürlicher gegenüber städtischen Umgebungen. Bei der Stimmung meldeten vier von sechs Untersuchungen positive Effekte. Eine brachte gemischte Resultate, eine keinen statistisch erkennbaren Unterschied. Drei Experimente erfassten das empfundene Erholungspotenzial. Alle drei fielen zugunsten der Natur aus. Jedoch erlaubt die geringe Zahl der bisher nach diesem Muster erfolgten Forschung keine belastbaren Alltagsempfehlungen. Auch könnten unveröffentlichte Nullbefunde das Bild verzerren.

Die Natur hat eine stärkende Wirkung

Die Autorinnen sprechen in ihrem Fachartikel von „instorativen“ Effekten. Der Begriff beschreibt eine Verbesserung von einem neutralen Ausgangspunkt aus, sozusagen eine „stärkende Wirkung“ auf den Grundzustand. In der Umweltpsychologie ist die Umschreibung bislang kaum etabliert. „Unsere Analyse legt nahe, dass wir dadurch möglicherweise einen grundlegenderen Wirkmechanismus übersehen haben – nämlich, dass Natur menschliche Funktionen auch verbessern kann, wenn gar keine vorherige Belastung vorliegt“, erklärt Prugger.

Die Naturkontakte in den ausgewerteten Arbeiten sahen sehr unterschiedlich aus. Manche Teilnehmer gingen spazieren oder saßen im Freien. Andere betrachteten Fotos, nutzten virtuelle Realität oder hörten Naturgeräusche. Die meisten Begegnungen dauerten zwischen eineinhalb und 90 Minuten. Im Durchschnitt waren es in den verglichenen Gruppen etwa 26 bis 28 Minuten. Daraus lässt sich allerdings noch keine ideale Dauer für einen „instorativen Aufenthalt“ in der Natur ableiten.

Warum sich Erholung und Stärkung schwer auseinanderhalten lassen

Die Messung der Ergebnisse vieler Studien stellte sich als problematich heraus. Besonders häufig kam die „Perceived Restorativeness Scale“ zum Einsatz. Sie soll erfassen, wie erholsam eine Umgebung wirkt. Viele Fragen zielten jedoch gar nicht auf die Erholung von Stress. Sie betrafen etwa Faszination oder das Gefühl, an einen Ort zu passen. Solche Eigenschaften können auch unbelastete Menschen positiv bewerten. Erholung und aktive Stärkung landen dadurch leicht im selben Messwert.

Hinzu kommen große Unterschiede zwischen dem Aufbau der Experimente. Die Aufgaben, Fragebögen und Vergleichsbedingungen ließen sich schwer direkt gegenüberstellen. Deshalb berechneten Prugger und Kühn keine gemeinsame Effektstärke. Auch eine formale Bewertung der Studienqualität und des Verzerrungsrisikos gehörte nicht zur Arbeit. Unklar blieb zudem, wie müde oder gestresst die Teilnehmer zu Beginn wirklich waren. Die auffällige Erfolgsquote der vier kognitiven Experimente muss deshalb vorsichtig bewertet werden.

Wie Grünflächen Resilienz schon im Alltag stärken könnten

Für Städte, Schulen und Unternehmen eröffnet der Ansatz der Neubewertung dennoch eine neue Perspektive. Parks und begrünte Höfe bekommen dadurch einen Nutzen für die Ausbildung von Resilienz und allgemeinem Wohlbefinden. Sie können psychische Stabilität und geistige Ressourcen bereits im normalen Alltag unterstützen. Ähnliches gilt für Bäume vor Klassenzimmern, naturnahe Pausenbereiche oder grüne Wege rund um Arbeitsplätze. Die Forschungsergebnisse belegen solche langfristigen Wirkungen noch nicht, sie erweitern aber die Kriterien, nach denen öffentliche Räume künftig geplant werden könnten.

„Wir stehen erst am Anfang des Verständnisses, wie Natur auf den Menschen wirkt“, resümiert Kühn. Künftige Untersuchungen sollen Naturkontakte über Wochen oder Monate betrachten. Regelmäßige Messungen sollen erfassen, ob Konzentration, Selbstregulation und Widerstandskraft dauerhaft profitieren. Dafür braucht es neutralere Ausgangsbedingungen, größere und vielfältigere Gruppen sowie Messverfahren, die Erholung klar von einer zusätzlichen Stärkung unterscheiden.

Kurz zusammengefasst:

  • Natur könnte Konzentration, Stimmung und Wohlbefinden auch ohne vorherigen Stress oder Erschöpfung verbessern.
  • Von 61 ausgewerteten Experimenten untersuchten nur acht diese stärkende Wirkung; alle vier Tests zur geistigen Leistung und vier von sechs zur Stimmung fanden Vorteile natürlicher Umgebungen.
  • Die Hinweise sind vielversprechend, reichen wegen kleiner, überwiegend junger Stichproben und kurzer Versuche aber noch nicht für feste Alltagsempfehlungen.

Übrigens: Für die positive Wirkung von Natur auf die Psyche reicht womöglich schon eine Minute mit vertrauten Waldgeräuschen – ganz ohne Spaziergang im Grünen. Warum heimische Vogelstimmen Stress besonders schnell lindern und die Konzentration fördern, erfahren Sie in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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