Schulrückkehrer-Syndrom: Wenn der Schulstart Kindern körperlich und psychisch zu schaffen macht

Das Schulrückkehrer-Syndrom ist keine Diagnose: Manche Kinder reagieren auf den Schulstart mit Angst und körperlichen Beschwerden.

Zurück in den Schulalltag: Nach langen Ferien müssen sich Kinder wieder an frühes Aufstehen, feste Abläufe und neue Anforderungen gewöhnen. © Pexels

Zurück in den Schulalltag: Nach langen Ferien müssen sich Kinder wieder an frühes Aufstehen, feste Abläufe und neue Anforderungen gewöhnen. © Pexels

Heute klingelt für rund 1,8 Millionen Schülerinnen und Schüler in Bayern wieder der Wecker früher. Sechs Wochen Sommerferien sind vorbei. Freunde wiedersehen, neue Lehrer, eine neue Klasse – für viele gehört die Aufregung dazu. Bei manchen Kindern schlägt der Schulstart jedoch auf den Körper: Der Bauch schmerzt, der Kopf tut weh, die Hände werden feucht oder nachts will der Schlaf nicht kommen.

Dafür taucht immer wieder der Begriff Schulrückkehrer-Syndrom auf. Er klingt nach einer Krankheit. Medizinisch ist er das aber nicht. Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne vom LMU Klinikum München ordnet die Beschwerden in einem aktuellen Radiobeitrag des Bayerischen Rundfunks als vorübergehende Reaktion auf den Wechsel vom Ferien- in den Schulalltag ein.

Schulrückkehrer-Syndrom ist keine medizinische Diagnose

„Diese häufig genannte Rückkehrer-Angst ist natürlich keine Diagnose im medizinischen Sinne“, sagt Schulte-Körne im BR. Nach langen Ferien hätten sich Kinder daran gewöhnt, länger zu schlafen, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und ihren Tag freier einzuteilen.

Dann ändert sich praktisch alles auf einmal. Morgens heißt es wieder früh aufstehen, Stundenplan und Hausaufgaben bestimmen den Tagesablauf. Dazu kommen Leistungsdruck und die Frage, wie man in einer neuen Klasse oder bei neuen Lehrern zurechtkommt.

Der Körper kann auf diese Anspannung deutlich reagieren. Zu den möglichen Beschwerden zählen:

  • Schlafstörungen
  • Herzrasen und kaltschweißige Hände
  • Unruhe
  • Bauch- oder Kopfschmerzen

Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind psychisch krank ist. Schulte-Körne, der am LMU Klinikum München unter anderem zu Schulangst und Schulabsentismus arbeitet, beschreibt den entscheidenden Unterschied so: Die gewöhnliche Angst vor der Rückkehr in die Schule verschwindet bei vielen Kindern nach kurzer Zeit wieder.

In den Ferien nehmen Angst und depressive Symptome bei Jugendlichen ab

Dass Schulzeit und Ferien mit unterschiedlich starken psychischen Beschwerden einhergehen können, passt zu einer 2025 im Fachjournal BJPsych Open veröffentlichten Untersuchung. Forscher der Central South University in China verglichen Angst- und Depressionssymptome von Jugendlichen während der Schulzeit mit denen in den Sommerferien.

An den Erhebungen nahmen jeweils mehr als 1.000 Jugendliche teil. Während der Ferien waren Angst- und Depressionssymptome signifikant geringer. Bei den Angstsymptomen spielten unter anderem Nervosität, schwer kontrollierbare Sorgen und Schwierigkeiten beim Entspannen eine wichtige Rolle.

Hinter der Angst kann mehr stecken als der Schulstart

Wichtig wird deshalb die Frage, wie lange die Beschwerden anhalten und wodurch sie ausgelöst werden. Nicht jede Angst, die morgens vor der Schule auftritt, entsteht tatsächlich durch den Wechsel aus den Ferien.

Deutlich ernster ist eine ausgeprägte schulbezogene Angst. Nach Angaben von Schulte-Körne sind davon etwa sechs bis acht Prozent der Schülerinnen und Schüler betroffen. Hinter der Schulvermeidung können verschiedene Ursachen stecken:

  • Mobbing oder Konflikte mit Mitschülern
  • Versagens- und Prüfungsängste
  • Trennungsangst und Schwierigkeiten, sich von den Eltern zu lösen

Deshalb sollten Eltern Bauchweh oder Kopfschmerzen vor dem Unterricht nicht vorschnell als Ausrede abtun.

Was Eltern beim Schulrückkehrer-Syndrom tun können

Der erste Schritt klingt einfach: zuhören. Eltern sollten versuchen herauszufinden, wovor das Kind konkret Angst hat. Ist es eine Klassenarbeit? Ein bestimmter Mitschüler? Die neue Klasse? Der frühe Tagesrhythmus? Oder liegt die Ursache vielleicht außerhalb der Schule?

Auch Schulen können den Übergang erleichtern. Schulte-Körne empfiehlt eine Atmosphäre, in der Kinder nach den Ferien zunächst wieder ankommen können und mit ihren Sorgen ernst genommen werden.

Bei leichter Anspannung kann außerdem ein möglichst geregelter Tagesablauf helfen. Gleiche Schlafenszeiten, morgendliche Routinen und feste Essenszeiten geben nach den vergleichsweise freien Ferien wieder Orientierung.

Entscheidend ist jedoch die Entwicklung in den folgenden Tagen. Wird das Kind wieder ruhiger und verschwinden die Beschwerden, spricht vieles für eine normale Anpassungsreaktion.

Bleibt die Angst dagegen jeden Tag bestehen, leidet das Kind deutlich darunter oder beginnt es, den Unterricht zu vermeiden, rät Schulte-Körne zu professioneller Unterstützung. Dann geht es möglicherweise nicht mehr um ein harmloses „Schulrückkehrer-Syndrom“, sondern um eine Angst, deren eigentliche Ursache gefunden werden sollte.

Kurz zusammengefasst:

  • Das Schulrückkehrer-Syndrom ist keine medizinische Diagnose, sondern beschreibt Beschwerden wie Angst, Unruhe, Schlafprobleme oder Bauchweh beim Wechsel von den Ferien zurück in den Schulalltag.
  • Solche Beschwerden klingen oft nach wenigen Tagen ab; bleiben sie bestehen, können auch Schulangst, Mobbing, Prüfungsdruck oder Trennungsangst dahinterstecken.
  • Eltern sollten die Beschwerden ernst nehmen, nach den konkreten Ursachen fragen und professionelle Hilfe suchen, wenn das Kind stark leidet oder beginnt, die Schule zu meiden.

Übrigens: Gerade zum Schulstart wird sichtbar, wie stark frühe Unterrichtszeiten den Schlaf von Jugendlichen belasten können. Eine Schweizer Studie fand bei späterem Schulbeginn mehr Schlaf und bessere Testergebnisse – mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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