Infusion gegen Eisenmangel: Dieses Mittel greift heimlich die Knochen an

Eiseninfusionen gleichen Mangel schnell aus. Das Präparat Eisencarboxymaltose kann jedoch das Risiko für Knochenbrüche mehr als verdoppeln.

Die Eiseninfusion mit einem bestimmten Präparat kann als Nebenwirkung das Risiko für Brüche erhöhen. © Unsplash

Die Eiseninfusion mit einem bestimmten Präparat kann als Nebenwirkung das Risiko für Brüche erhöhen. © Unsplash

Eisenmangel gehört zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt. In Europa betrifft er jede vierte Frau im gebärfähigen Alter. Ein Grund dafür ist der regelmäßige Blutverlust während der Menstruation, hinzu kommen ein erhöhter Bedarf in Schwangerschaft und Stillzeit. Wenn Tabletten nicht ausreichen oder schlecht vertragen werden, kommen oft Eiseninfusionen zum Einsatz. Sie gelten als schnell und wirksam.

Neue Daten der Medizinischen Universität Innsbruck legen nun nahe, dass eine bestimmte Nebenwirkung eines häufig verwendeten Präparats lange unterschätzt wurde: Sie kann den Knochen schwächen und das Risiko für Brüche deutlich erhöhen.

Die Untersuchung erschien im Fachjournal Blood. Sie vergleicht zwei gängige Infusionspräparate, die bei Eisenmangel häufig eingesetzt werden. Beide beheben den Mangel ähnlich effektiv. Beim Blick auf die Knochengesundheit zeigen sich jedoch klare Unterschiede.

Nebenwirkung von Eiseninfusion zeigt sich oft erst Monate später

In einer klinischen Auswertung wurden 357 Patientinnen und Patienten erfasst. Ein Teil erhielt Eisencarboxymaltose, der andere Eisenderisomaltose. Über mehrere Jahre hinweg traten in der ersten Gruppe häufiger Knochenprobleme auf, darunter Brüche und Osteomalazie, also eine Erweichung des Knochens.

Eine deutlich größere, internationale Beobachtungsstudie mit mehr als 20.000 Patientinnen und Patienten stützt dieses Bild: 17.137 erhielten Eisencarboxymaltose, 3.070 das Vergleichspräparat. Die Auswertung der Daten ergab: Das Risiko für Knochenbrüche war unter Eisencarboxymaltose mehr als doppelt so hoch.

Der Effekt zeigt sich früh. Bereits innerhalb der ersten sechs Monate nach der Infusion steigt das Risiko. Es bleibt auch danach erhöht. Besonders häufig betreffen die Brüche die Hüfte oder das Becken. Typisch sind dabei auch sogenannte Ermüdungsbrüche, die sich schleichend entwickeln. „Eisencarboxymaltose war mit einem höheren Risiko für Knochenbrüche verbunden“, resümieren die Autoren der Studie.

Bestimmtes Präparat erhöht Risiko für Brüche deutlich

Der Unterschied im Frakturrisiko bleibt bestehen, auch wenn Alter, Geschlecht oder Vorerkrankungen berücksichtigt werden. Patientinnen und Patienten mit Eisencarboxymaltose erleiden deutlich häufiger Knochenbrüche als jene mit dem Vergleichspräparat.

Viele Betroffene bemerken zunächst wenig. Beschwerden wirken unspezifisch. Es treten Müdigkeit, Muskelschwäche oder eine geringere Belastbarkeit auf. Diese Symptome passen auch zum Eisenmangel selbst. Dadurch bleibt die Ursache oft unklar. Symptome eines zu niedrigen Phosphatspiegels können sich ebenfalls als Schwäche, Erschöpfung oder verminderte Belastbarkeit äußern – und so lange unentdeckt bleiben.

Infusion-Nebenwirkung: Knochen wird im Inneren geschwächt

Laboruntersuchungen liefern genauere Hinweise auf die Ursache: Der Wirkstoff lagert sich stärker im Knochengewebe ein als andere Präparate. Dort greift er in wichtige Prozesse ein – so nimmt etwa die Bildung von Kollagen ab. Dabei ist das Strukturprotein der Hauptbestandteil der Knochenstruktur. Laut Studie führte „Eisencarboxymaltose zu einer geringeren Aktivität von Kollagen- und Knochenbildungsgenen.“

Zugleich verlangsamt sich die Neubildung von Knochengewebe. Zellen, die für Stabilität sorgen, sind weniger aktiv. In Tiermodellen wird das an einer entsprechend geringeren Knochendichte nach der Behandlung sichtbar. Das Forschungsteam um Sonja Wagner führt dies auf eine besonders starke Anreicherung des Wirkstoffs im Knochen zurück.

Signalwege im Knochen werden gestört

Neben der Struktur verändert sich auch die Kommunikation im Gewebe. „Eisencarboxymaltose hemmte die Bindung eines wichtigen Knochenproteins an seinen Rezeptor“, heißt es in der Studie. Diese Bindung ist aber wichtig für Wachstum und Reparaturprozesse.

Diese Störung hat Folgen. Die Signalweitergabe im Knochen gerät aus dem Gleichgewicht – und der Aufbau neuen Gewebes verlangsamt sich weiter.

Skelettszintigraphie einer betroffenen Patientin mit Osteomalazie in den Hüften (gelb) nach intravenöser Eisentherapie mit Eisencarboxymaltose. © Universitätsklinik für Nuklearmedizin Innsbruck
Skelettszintigraphie einer betroffenen Patientin mit Osteomalazie in den Hüften (gelb) nach intravenöser Eisentherapie mit Eisencarboxymaltose. © Universitätsklinik für Nuklearmedizin Innsbruck

Phosphatwert erklärt das Risiko nur teilweise

Ein niedriger Phosphatspiegel im Blut gilt seit längerem als bekannte Nebenwirkung solcher Infusionen. In klinischen Untersuchungen tritt er bei rund 54 Prozent der Behandelten auf. Phosphat trägt maßgeblich zur Stabilität des Knochens bei, und ein Mangel kann die Mineralisierung beeinträchtigen.

Die neuen Daten gehen jedoch darüber hinaus: Auch ohne ausgeprägten Phosphatmangel bleibt das Risiko für Brüche erhöht. „Wir schließen daraus, dass Eisencarboxymaltose die Knochenstruktur unabhängig vom Phosphatspiegel schwächt – ein niedriger Phosphatwert wäre damit nicht nur Ursache, sondern auch Ausdruck eines bereits laufenden Prozesses im Knochen“, erklärt Heinz Zoller. Der Wirkstoff greift also direkt in die Struktur des Gewebes ein. Der Blutwert allein bildet diese Veränderungen nicht vollständig ab.

Die Ergebnisse werden aller Voraussicht nach die Behandlungsschwerpunkte verschieben. Neben der schnellen Korrektur des Eisenmangels wird auch die langfristige Knochengesundheit wichtiger.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein häufig verwendetes Eiseninfusions-Präparat (Eisencarboxymaltose) erhöht das Risiko für Knochenbrüche deutlich – laut Studie mehr als doppelt so stark wie Alternativen.
  • Der Schaden entsteht direkt im Knochen, weil wichtige Aufbauprozesse gestört werden – nicht nur durch veränderte Blutwerte wie Phosphat.
  • Die Nebenwirkung tritt oft erst Wochen oder Monate nach der Behandlung auf und bleibt deshalb leicht unbemerkt.

Übrigens: Eine große Genstudie macht auf ein gegensätzliches Problem aufmerksam: In Teilen Irlands und Schottlands trägt etwa jeder 60. Mensch ein Risiko für Eisenüberladung – auch das bleibt oft lange unbemerkt. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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