Neue Satellitendaten alarmieren: Der Methan-Ausstoß vieler Städte wird unterschätzt

Satellitenmessungen zeigen: Viele Städte stoßen deutlich mehr Methan aus als offizielle Emissionsbilanzen bislang erfassen.

Satellitenmessungen zeigen, dass Berichte von Behörden und Wissenschaft den Anstieg der Methanemissionen in Städten oft unterschätzen. Dadurch könnten Klimaschutzmaßnahmen weniger wirksam sein als geplant. © Unsplash

Über vielen Städten erfassen offizielle Bilanzen den Methan-Ausstoß offenbar nicht vollständig. Die neuen Messdaten aus dem All stellen deshalb die Wirksamkeit bisheriger Klimapläne infrage. © Unsplash

Städte planen ihre Klimaziele auf Basis von Zahlen. Diese Werte entscheiden über Investitionen, Maßnahmen und politische Vorgaben. Neue Messungen aus dem All bringen diese Grundlage ins Wanken. Über vielen Metropolen liegt mehr Methan in der Luft als bisher angenommen. Die Abweichung ist deutlich. Offizielle Bilanzen unterschätzen den Ausstoß häufig. Das kann dazu führen, dass Maßnahmen weniger Wirkung zeigen als geplant.

Seit 2019 steigen die Werte in vielen Regionen. Zahlreiche Städte verweisen jedoch auf Fortschritte beim Klimaschutz. Doch hier klafft eine Lücke: Die Messungen aus der Atmosphäre stimmen oft nicht mit den offiziellen Bilanzen überein. Das Problem betrifft viele Städte weltweit.

Satelliten messen deutlich mehr als offizielle Bilanzen

Die Untersuchung basiert auf Daten eines Satelliten, der täglich die Atmosphäre scannt. Forschende der University of Michigan werteten diese Messungen für 92 große Metropolen aus. Für 72 davon lagen vollständige Zeitreihen bis 2023 vor.

Das Ergebnis fällt klar aus: Die Emissionen dieser Städte stiegen seit 2019 um rund sechs Prozent. Gegenüber 2020 lag der Zuwachs sogar bei etwa zehn Prozent. Offizielle Inventare kommen auf deutlich niedrigere Werte. Dort liegt der Anstieg meist nur zwischen 1,7 und 3,7 Prozent. Diese Differenz weist auf ein grundlegendes Problem hin. Viele Quellen tauchen in Statistiken nicht vollständig auf. Satelliten erfassen dagegen direkt, was sich tatsächlich in der Luft befindet.

Warum Methan in Städten schwer zu erfassen ist

Ein Teil der Emissionen entweicht unbemerkt. Typische Beispiele sind:

  • alte undichte Gasleitungen
  • Deponien mit stetigen Ausgasungen
  • Kläranlagen und Abwasser
  • diffuse Emissionen aus Industrie und Haushalten

Diese Quellen lassen sich schwer exakt berechnen. Deshalb fallen sie in klassischen Bilanzen oft zu niedrig aus. Messungen aus dem All erfassen diese Lücken deutlich besser. Methan wirkt dabei besonders stark. Über einen Zeitraum von 20 Jahren heizt es das Klima rund 80-mal stärker als CO₂ auf. Schon kleine zusätzliche Mengen haben daher große Auswirkungen.

Städte stoßen mehr Methan aus als gedacht

Die Größenordnung überrascht. Für das Jahr 2023 berechnen die Forschenden rund 31,2 Teragramm Methan pro Jahr für die untersuchten Städte. Das entspricht etwa zehn Prozent aller menschengemachten Methanemissionen weltweit. Noch deutlicher wird der Vergleich mit bekannten Großquellen. Die Emissionen der Städte liegen beim 3,75-Fachen der sogenannten Öl- und Gas „Ultra-Emitter“. Diese standen lange im Fokus der Klimadebatte. Nun zeigt sich, dass urbane Räume insgesamt eine noch größere Rolle spielen.

Regional ergibt sich ein gemischtes Bild. In Europa gingen die Werte vielerorts zurück. In anderen Regionen stiegen sie weiter an. Global überwiegt jedoch der Anstieg.

Klimavorreiter unterschätzen ihr Problem

Besonders brisant ist der Blick auf Städte mit ehrgeizigen Klimazielen. Dazu zählen viele Mitglieder des C40-Netzwerks. Diese Metropolen wollen ihre Emissionen bis 2030 deutlich senken. Die Messdaten zeigen jedoch einen anderen Verlauf. Nach einem leichten Rückgang im Jahr 2020 stiegen die Werte wieder an. Bis 2023 legten sie um etwa zehn Prozent zu. Damit entwickelt sich der Ausstoß ähnlich wie in Städten ohne solche Verpflichtungen.

Ein zusätzlicher Punkt verschärft die Lage. Die C40-Städte müssen laut Berechnungen künftig rund 2 Teragramm Methan pro Jahr zusätzlich berücksichtigen. Das entspricht etwa 30 Prozent ihrer geplanten Einsparungen. Die Ausgangslage hat sich damit deutlich verändert. Eric Kort von der University of Michigan beschreibt die Herausforderung so: „Um Treibhausgase zu senken und gute Klimapolitik zu machen, müssen Städte wissen, wie viel sie ausstoßen und aus welchen Quellen es stammt. Bei Methan gibt es dabei noch erhebliche Unsicherheit.“

Neue Technik liefert erstmals globales Gesamtbild

Die Messungen stammen vom Satelliteninstrument TROPOMI. Es ist seit 2017 im Einsatz und erfasst Luftverschmutzung weltweit. Es misst reflektiertes Sonnenlicht und kann daraus Gaskonzentrationen ableiten. Der Vorteil liegt in der direkten Beobachtung. Anders als Berechnungen zeigt diese Methode reale Werte. Aber es gibt eine Einschränkung: Die Auflösung reicht noch nicht aus, um einzelne Quellen in einer Stadt exakt zu lokalisieren.

Dennoch liefert die Technik erstmals ein globales Bild. „Städte haben die Motivation und die Möglichkeiten, Treibhausgasemissionen zu senken“, sagt Erica Whiting von der University of Michigan. „Bisher gab es jedoch keine Methode, um städtische Methanemissionen weltweit zuverlässig zu messen und Maßnahmen zu überprüfen.“

Das TROPOMI-Instrument an Bord des europäischen Satelliten Sentinel-5P umkreist die Erde und misst Methan in der Atmosphäre. Die Grafik zeigt beispielhafte Aufnahmen über Städten, in denen höhere Methanwerte durch warme Farben sichtbar werden – ein Hinweis darauf, dass Städte deutlich mehr Methan ausstoßen als bislang berechnet.
Das TROPOMI-Instrument an Bord des Satelliten Sentinel-5P misst Methan in der Atmosphäre. Die Grafik zeigt über Städten erhöhte Werte, die in warmen Farben markiert sind. © Erica Whiting, University of Michigan Engineering.

Städte müssen ihre Klimastrategien neu bewerten

Die neuen Zahlen verändern die Ausgangslage für viele Kommunen. Wer Emissionen senken will, braucht verlässliche Daten. Für Städte ergeben sich daraus konkrete Aufgaben:

  • Emissionsbilanzen überprüfen und korrigieren
  • versteckte Quellen gezielt suchen
  • Maßnahmen besser priorisieren
  • Fortschritte realistischer bewerten

Kurz zusammengefasst:

  • Satellitenmessungen zeigen, dass Städte deutlich mehr Methan ausstoßen als offizielle Berechnungen angeben – der Anstieg liegt bei etwa 10 Prozent seit 2020 statt nur 1,7–3,7 Prozent.
  • Ursache sind unvollständig erfasste Quellen wie undichte Gasleitungen, Deponien oder Abwasser – direkte Messungen aus dem All bilden die Realität genauer ab als bisherige Schätzungen.
  • Städte verursachen rund 10 Prozent der globalen Methanemissionen und müssen ihre Klimastrategien anpassen, weil aktuelle Ziele auf zu niedrigen Ausgangsdaten basieren.

Übrigens: Während Städte oft mehr Methan ausstoßen als gedacht, liegt ein großer Hebel für den Klimaschutz ganz woanders – beim Essen. Eine Studie zeigt, dass eine vegane Ernährung Emissionen um 35 Prozent senken und zugleich die Gesundheit verbessern kann. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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