Neue Studie zeigt, wie Städte Autoverkehr reduzieren können
Für weniger Autoverkehr in Städten zählt vor allem, wie nah Arbeitsplätze an Innenstädten sind. Das zeigen neue Daten aus sechs Metropolen.
Wohnungen in der Nähe von Arbeitsplätzen können Pendelwege deutlich verkürzen und damit den Autoverkehr sowie CO₂-Emissionen verringern. © Pexels
Staus in Städten sind längst lästiger Alltag für Pendler. Tausende Menschen legen jeden Morgen weite Wege zur Arbeit zurück. Die Folgen reichen von Zeitverlust über höhere Spritkosten bis hin zu steigenden CO₂-Emissionen. Deshalb suchen Kommunen seit Jahren nach Möglichkeiten, den Autoverkehr zu reduzieren. Neue Daten zeigen nun, dass viele Maßnahmen an der falschen Stelle ansetzen.
Nicht die Zahl der Straßen und auch nicht die allgemeine Bebauungsdichte haben den größten Einfluss auf den täglichen Pendelverkehr. Viel wichtiger ist offenbar die Frage, wie nah Menschen an Arbeitsplätzen und Stadtzentren wohnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), bei der Daten aus sechs Metropolregionen auf drei Kontinenten ausgewertet wurden.
Autoverkehr reduzieren: Die Nähe zum Arbeitsplatz zählt besonders
Für die Untersuchung flossen rund zehn Millionen Mobilitätsdatenpunkte aus Berlin, Boston, Los Angeles, der San Francisco Bay Area, Rio de Janeiro und Bogotá ein. Die Forscher verglichen, welche Merkmale von Stadtvierteln mit langen oder kurzen Arbeitswegen zusammenhängen.
Dabei zeigte sich, dass kurze Entfernungen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz häufig mit deutlich kürzeren Autofahrten einhergehen. Die allgemeine Verkehrsanbindung oder eine hohe Bevölkerungsdichte spielten dagegen eine kleinere Rolle als vielfach angenommen.
„Das Wichtigste ist die Entfernung zu Stadtzentrum und Jobs“, sagt Studienleiter Felix Wagner. Viele Debatten über Stadtentwicklung konzentrieren sich auf neue Verkehrswege oder eine dichtere Bebauung. Die Daten weisen jedoch in eine andere Richtung.
Wer Arbeitsplätze und Wohnungen näher zusammenbringt, kann den Pendelverkehr oft wirksamer beeinflussen als mit einzelnen Verkehrsprojekten.
Unterschiede zwischen Stadtvierteln fallen erstaunlich groß aus
Wie stark die Lage eines Wohngebiets wirkt, zeigt das Beispiel Berlin. Dort verkürzt die Stadtstruktur in besonders günstigen Lagen Autofahrten um bis zu 4,5 Kilometer pro Arbeitsweg.
Auch in anderen Metropolregionen fanden die Forscher deutliche Unterschiede:
- Bogotá: bis zu 3,5 Kilometer kürzere Fahrten
- San Francisco Bay Area: bis zu 3,2 Kilometer
- Rio de Janeiro: bis zu 2,8 Kilometer
- Boston: bis zu 2,6 Kilometer
- Los Angeles: bis zu 2,0 Kilometer
Die Unterschiede wirken sich direkt auf den Ausstoß von Treibhausgasen aus. In Berlin liegen einzelne Stadtviertel pro Autofahrt bis zu 2,9 Kilogramm CO₂ über dem städtischen Durchschnitt. Andere Quartiere unterschreiten ihn um 0,8 Kilogramm.
Die Wohnlage beeinflusst also nicht nur die Dauer eines Arbeitswegs. Sie verändert auch die Klimabilanz des täglichen Pendelns.
Ein Ring um die Innenstadt bietet besonders großes Potenzial
Ein bestimmtes Muster ließ sich in mehreren Städten erkennen. Die größten Chancen für neue Wohnungen liegen oft weder mitten in der Innenstadt noch weit außerhalb. Stattdessen fanden die Forscher Gebiete, die sich wie ein Ring um das Zentrum legen. Dort ist die Bebauung häufig lockerer. Arbeitsplätze und Innenstadt bleiben dennoch gut erreichbar.
In Boston erstreckt sich dieser Bereich etwa zehn bis 21 Kilometer vom Zentrum entfernt. In Rio de Janeiro reicht er sogar bis rund 40 Kilometer hinaus.
An solchen Standorten könnten zusätzliche Wohnungen viele Autofahrten verkürzen. Die Forscher sehen dort deshalb großes Potenzial für eine gezielte Nachverdichtung.
Warum pauschale Konzepte häufig nicht aufgehen
Viele Städte verfolgen ähnliche Strategien. Mehr Wohnungen, mehr Verdichtung und bessere Infrastruktur gelten oft als allgemeine Lösung. Die neuen Daten sprechen jedoch für einen deutlich feineren Blick auf einzelne Stadtviertel.
„Eine Maßnahme kann die Pendelwege in einem Stadtviertel stark verkürzen und zwei Kilometer weiter kaum wirken“, sagt Mitautor Felix Creutzig.
Die Wirkung hängt stark von den örtlichen Bedingungen ab. Lage, Arbeitsplätze und bestehende Strukturen beeinflussen das Ergebnis wesentlich stärker als Durchschnittswerte für eine gesamte Stadt. Deshalb können zwei Wohngebiete mit ähnlicher Einwohnerzahl völlig unterschiedliche Auswirkungen auf den Verkehr haben.
Autoverkehr zu reduzieren funktioniert nicht in jeder Stadt gleich
Die Untersuchung macht außerdem deutlich, dass sich Städte stark unterscheiden. Berlin oder Boston besitzen ein ausgeprägtes Zentrum. Viele Wege führen dort in dieselbe Richtung.
Anders sieht es in Los Angeles oder der San Francisco Bay Area aus. Dort verteilen sich Arbeitsplätze auf mehrere wichtige Standorte.
In solchen Regionen versprechen zusätzliche Jobs außerhalb des Hauptzentrums größere Effekte. Wenn Menschen näher an ihrem Arbeitsplatz wohnen oder arbeiten können, sinkt die Zahl langer Autofahrten.
Außenbezirke brauchen andere Maßnahmen
In weit entfernten Randlagen stoßen städtebauliche Eingriffe an Grenzen. Dort werden die Wege oft so lang, dass zusätzliche Wohnungen allein wenig verändern.
Für solche Gebiete nennt die Studie mehrere Ansätze:
- stärkere Orientierung am öffentlichen Nahverkehr
- Fahrgemeinschaften für Pendler
- Homeoffice-Regelungen
- weniger neue Siedlungen auf unbebauten Flächen
Dort reicht es also nicht, einfach neue Wohnungen zu bauen. Städte müssen verhindern, dass lange Autofahrten überhaupt entstehen. Dafür braucht es Arbeitsplätze, Nahverkehr und Alltagsangebote in erreichbarer Nähe. Sonst wächst am Stadtrand neuer Wohnraum, der den Pendelverkehr weiter verstärkt.
Kurz zusammengefasst:
- Die Entfernung zwischen Wohnort, Arbeitsplatz und Stadtzentrum beeinflusst den Autoverkehr stärker als Bevölkerungsdichte oder Straßenanbindung.
- Neue Wohnungen können Pendelwege deutlich verkürzen, wenn sie in gut erreichbaren Stadtvierteln nahe von Arbeitsplätzen entstehen.
- Die wirksamsten Maßnahmen unterscheiden sich von Stadt zu Stadt. Deshalb bringen gezielte Lösungen für einzelne Viertel oft mehr als pauschale Konzepte für die gesamte Stadt.
Übrigens: Viele Staus entstehen erst, nachdem das eigentliche Ziel erreicht ist. Forscher des MIT haben ein Navigationssystem entwickelt, das freie Parkplätze vorhersagen soll und damit unnötige Suchfahrten reduziert. Mehr dazu in unserem Artikel.
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