Koffein kann den Schlaf stören – selbst wenn Sie acht Stunden durchschlafen
Koffein kann langsame Hirnwellen im Tiefschlaf verringern – selbst wenn Schlafdauer und Einschlafen unauffällig bleiben.
Kaffee am Tag, unruhigere Hirnaktivität in der Nacht: Koffein kann den Schlaf verändern, ohne dass Betroffene es sofort bemerken. © Unsplash
Acht Stunden Schlaf klingen nach einer guten Nacht. Doch das Gehirn kann dabei trotzdem weniger Erholung bekommen als gedacht. Koffein verändert offenbar nicht nur, wie schnell wir einschlafen oder wie lange wir schlafen. Ein Review von 32 Humanstudien zeigt: Besonders jene langsamen Hirnwellen, die für tiefen NREM-Schlaf typisch sind, können schwächer ausfallen. Gleichzeitig verschiebt sich die elektrische Aktivität teilweise in Richtung eines wacheren Zustands. Deshalb kann eine Nacht völlig normal erscheinen, obwohl sich im EEG deutliche Unterschiede zeigen.
Forscher der Wroclaw Medical University und der Universität Szczecin werteten sehr unterschiedliche Situationen aus: Koffein am Abend, Konsum tagsüber, wiederholte Einnahme und Erholungsschlaf nach längerem Wachsein. Gerade diese Bandbreite macht den gemeinsamen Befund interessant: Besonders häufig veränderte sich die langsame elektrische Aktivität im NREM-Schlaf.
Koffein greift direkt in den Schlafdruck ein
Langsame Hirnwellen sind besonders typisch für den tiefen N3-Schlaf. Ihre Stärke hängt eng mit dem Schlafdruck zusammen, der im Laufe des Tages zunimmt. Dabei sammelt sich Adenosin im Gehirn an. Der Botenstoff macht müde und unterstützt den Übergang in den Schlaf.
Koffein setzt an genau diesem System an. Es blockiert vor allem die Adenosinrezeptoren A1 und A2A. Dadurch fühlen sich Menschen länger wach und weniger müde. Im Schlaf kann diese Wirkung noch messbar sein: In den ausgewerteten Untersuchungen sank vor allem die Slow-Wave-Aktivität. Auch die niedrigsten Delta-Frequenzen fielen schwächer aus.
Warum Koffein Schlaf unbemerkt verändern kann
Solche Veränderungen müssen sich nicht sofort in der Schlafdauer bemerkbar machen. Einschlafzeit, Gesamtschlafzeit oder die üblichen Schlafstadien können vergleichsweise unauffällig bleiben. Die elektrische Aktivität des Gehirns kann sich trotzdem verändern.
„EEG erlaubt uns nicht nur zu sehen, ob ein Mensch schläft, sondern auch, wie sein Gehirn schläft“, erklärt Prof. Donata Kurpas von der Wroclaw Medical University. Eine klassische Schlafanalyse erfasst vor allem Dauer und Schlafstadien. Quantitative EEG-Messungen können dagegen feinere Unterschiede erkennen, etwa eine abgeschwächte Slow-Wave-Aktivität.
Mehrere der einbezogenen Untersuchungen registrierten zusätzlich stärkere schnelle EEG-Signale, unter anderem im Sigma- und Beta-Bereich. Dadurch verschob sich das Muster insgesamt in Richtung eines leichteren und stärker aktivierten Schlafs.
Acht Stunden Schlaf können trotzdem anders aussehen
„Koffein kann den Schlaf verkürzen oder das Einschlafen erschweren. Doch selbst bei scheinbar normaler Schlafdauer kann es die Slow-Wave-Aktivität verringern und das EEG in Richtung eines stärker ‚wachen‘ Gehirns verschieben“, sagt Kurpas.
Betroffene müssen davon nachts nichts bemerken. „Das subjektive Gefühl, gut geschlafen zu haben, stimmt nicht immer mit dem überein, was wir in neurophysiologischen Aufzeichnungen sehen“, so die Wissenschaftlerin. Ein Mensch könne problemlos einschlafen und sich an keine Wachphase erinnern. Im EEG könnten dennoch weniger Merkmale tiefen Schlafs auftreten.
Wie stark Koffein den Schlaf verändert, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Der Review nennt mehrere Faktoren:
- die aufgenommene Koffeinmenge,
- den Zeitpunkt des Konsums,
- regelmäßigen Koffeinkonsum,
- Alter und individuellen Stoffwechsel,
- genetische Unterschiede im Adenosin-System.
Vor allem Varianten rund um den Adenosinrezeptor ADORA2A können mitbestimmen, wie empfindlich jemand auf Koffein reagiert.
Beim Koffein-Schlaf-Effekt zählt mehr als die Uhrzeit
Eine feste Grenze, ab wann Kaffee grundsätzlich den Schlaf stört, lässt sich deshalb nicht ableiten. Auch die gesamte Koffeinmenge eines Tages kann relevant sein. „Es geht nicht ausschließlich um Kaffee, der direkt vor dem Schlafengehen getrunken wird“, sagt Kurpas. Bei manchen Menschen sei entscheidend, wie viel Koffein sie insgesamt aufnehmen und wie schnell ihr Körper es bis zur Nacht abbaut.
Besonders deutlich fielen die Veränderungen zu Beginn des NREM-Schlafs sowie nach Schlafentzug aus. Normalerweise steigt die langsame EEG-Aktivität nach langem Wachsein deutlich an. Koffein schwächte diesen Effekt in mehreren Untersuchungen ab.
„Koffein ist weder ‚gut‘ noch ‚schlecht‘“, sagt Kurpas. Entscheidend seien Dosis, Tageszeit, Alter, Lebensstil, Schlafqualität, Stress und persönliche Empfindlichkeit. Deshalb kann dieselbe Menge Koffein bei zwei Menschen sehr unterschiedliche Folgen für die nächtliche Hirnaktivität haben.
Kurz zusammengefasst:
- Koffein kann die langsame Hirnaktivität im tiefen NREM-Schlaf verringern, auch wenn Einschlafzeit und Schlafdauer unauffällig bleiben.
- Wie stark der Effekt ausfällt, hängt unter anderem von Dosis, Zeitpunkt, Alter, Gewöhnung und individuellen Unterschieden im Adenosin-System ab.
- Deshalb sagt die Zahl der geschlafenen Stunden allein wenig darüber aus, wie erholsam eine Nacht für das Gehirn war.
Übrigens: Schon 2025 zeigte eine Studie, dass Koffein das schlafende Gehirn messbar aktiver halten kann – besonders bei jungen Erwachsenen. Wie sich das auf nächtliche Erholung und Hirnwellen auswirkt, mehr dazu in unserem Artikel.
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