Batman stammt aus Europa – 65 Millionen Jahre altes Fledermaus-Rätsel gelöst

Eine Nature-Studie verortet den Ursprung der Fledermäuse vor rund 65 Millionen Jahren sehr wahrscheinlich in Europa.

Palaeochiropteryx tupaiodon lebte vor rund 47 bis 48 Millionen Jahren. Das Fossil aus der Grube Messel zeigt eine der frühen bekannten Linien der Fledermäuse.

Palaeochiropteryx tupaiodon lebte vor rund 47 bis 48 Millionen Jahren. Das Fossil aus der Grube Messel zeigt eine der frühen bekannten Linien der Fledermäuse. © Matthew F. Jones

Batman hätte seinen Stammsitz wohl doch nicht in Gotham City, sondern in Europa. Dort liegt sehr wahrscheinlich der Ursprung der Fledermäuse, wie eine neue Rekonstruktion ihrer Evolutionsgeschichte ergibt. Die Vorfahren der heute rund 1.500 Arten entstanden demnach bereits vor rund 65 Millionen Jahren auf dem europäischen Kontinent. Später breiteten sie sich über Afrika in andere Teile der Welt aus.

Hinter dem Ergebnis steht die bislang umfassendste Untersuchung zur Evolution der Fledermäuse. Ein internationales Team kombinierte hochwertige Genome von 103 heute lebenden Arten mit Daten von 44 ausgestorbenen Arten. Beteiligt waren 137 Wissenschaftler aus 64 Ländern. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung war an der internationalen Studie beteiligt.

Der Ursprung der Fledermäuse führt überraschend nach Europa

Lange war unklar, auf welchem Kontinent die ersten Fledermäuse lebten. Frühere Rekonstruktionen deuteten unter anderem auf Afrika, Asien oder Nordamerika. Die neue Auswertung verschiebt den Ausgangspunkt dagegen nach Europa. Anschließend gelangten frühe Fledermauslinien vermutlich nach Afrika. Von dort und aus Europa heraus erschlossen sie später Asien, Nord- und Südamerika sowie Australien.

Möglich wurde die neue Rekonstruktion durch eine ungewöhnlich breite Datenbasis. Das Bat1K-Konsortium erfasste mindestens eine Art aus jeder der 21 heute bekannten Fledermausfamilien. Für 42 Fledermausarten entstanden neue hochwertige Referenzgenome. Hinzu kamen Hunderte anatomische Merkmale fossiler Arten. So ließen sich genetische Verwandtschaft und Fossilien erstmals in dieser Breite gemeinsam auswerten.

Genome zeichnen den Fledermaus-Stammbaum neu

Die ältesten bekannten Fledermausfossilien stammen aus dem frühen Eozän und sind etwa 56 bis 52 Millionen Jahre alt. Sie wurden in verschiedenen Weltregionen gefunden. Damit ließen sich die ersten Millionen Jahre ihrer Entwicklung bislang nur schwer rekonstruieren. Der Fossilbericht ist gerade für diese frühe Phase lückenhaft.

Die neue Einordnung liefert zugleich Hinweise auf zwei Eigenschaften, die Fledermäuse unter den Säugetieren außergewöhnlich machen:

  • Sie beherrschen als einzige Säugetiere den aktiven Flug.
  • Viele Arten orientieren sich mithilfe von Echoortung.
  • Beide Fähigkeiten könnten bereits sehr früh in ihrer Evolutionsgeschichte vorhanden gewesen sein.

Echoortung entstand offenbar schon sehr früh

Besonders wichtig ist dabei die Position der fossilen Fledermaus Vielasia. Das Tier gehört der neuen Rekonstruktion zufolge wahrscheinlich zu einem sehr frühen Zweig des Fledermaus-Stammbaums. Frühere Untersuchungen sprechen dafür, dass Vielasia bereits Laute aus dem Kehlkopf zur Echoortung nutzte. Damit könnte diese Fähigkeit älter sein als die Aufspaltung der modernen Fledermausgruppen.

„Unsere Einordnung der fossilen Fledermaus Vielasia in den ältesten Zweig des Fledermaus-Stammbaums deutet darauf hin, dass die Echoortung bereits vor der Diversifizierung der modernen Fledermäuse existierte“, sagt Erstautorin Ariadna E. Morales. Auch der aktive Flug dürfte bereits sehr nahe am Ursprung der Gruppe entstanden sein.

Die Madagassische Haftscheibenfledermaus hält sich mit saugnapfähnlichen Polstern an Hand- und Fußgelenken selbst an glatten Flächen fest. © Manuel Ruedi
© Manuel Ruedi Die Madagassische Haftscheibenfledermaus hält sich mit saugnapfähnlichen Polstern an Hand- und Fußgelenken selbst an glatten Flächen fest. © Manuel Ruedi

Fledermäuse leben ungewöhnlich lange

Die neue Genom-Sammlung soll künftig auch helfen, andere Besonderheiten der Tiere genauer zu untersuchen. Manche Fledermausarten erreichen für ihre geringe Körpergröße ein außergewöhnlich hohes Alter. Sie können acht- bis zehnmal länger leben, als es bei ähnlich großen Säugetieren zu erwarten wäre. Einige Arten tragen zudem verschiedene Viren, ohne selbst deutliche Krankheitssymptome zu entwickeln. „Viele Fledermausarten sind bemerkenswert widerstandsfähig gegenüber Krankheiten und erreichen für ihre Körpergröße ein außergewöhnlich hohes Lebensalter“, sagt Senckenberg-Wissenschaftler Michael Hiller.

Diese Fähigkeiten erklärt die aktuelle Arbeit allerdings noch nicht. Die neuen Genome und der überarbeitete Stammbaum schaffen vielmehr eine Grundlage dafür, genetische Veränderungen künftig präziser einzuordnen.

Für die Forscher beginnt damit die nächste Suche. Sie können nun vergleichen, wann bestimmte Gene in der Fledermaus-Evolution entstanden oder verändert wurden und welche Veränderungen mit Langlebigkeit, Immunabwehr oder Krankheitsresistenz zusammenhängen.

Kurz zusammengefasst:

  • Fledermäuse entstanden der neuen Nature-Analyse zufolge sehr wahrscheinlich vor rund 65 Millionen Jahren in Europa.
  • Für die Rekonstruktion kombinierten die Forscher Genome von 103 heute lebenden Arten mit Daten von 44 fossilen Arten.
  • Flug und Echoortung entwickelten sich offenbar sehr früh; die Echoortung könnte bereits vor der Aufspaltung der modernen Fledermäuse vorhanden gewesen sein.

Übrigens: Fledermäuse haben sich über Millionen Jahre an die Dunkelheit angepasst – künstliches Straßenlicht kann ihre Jagdgebiete deshalb stark verändern. Warum rotes Licht die Tiere deutlich weniger stört, mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Matthew F. Jones

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