Essens-Jetlag: Wer am Wochenende anders isst, hat als Mann ein höheres Herzrisiko

Wer am Wochenende deutlich früher oder später isst als unter der Woche, könnte seinem Herzen schaden. Vor allem Männer sind betroffen.

Nicht nur was wir essen, scheint eine Rolle zu spielen, sondern auch wann: Bei Männern waren stark wechselnde Essenszeiten zwischen Woche und Wochenende mit einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. © Pexels

Nicht nur was wir essen, scheint eine Rolle zu spielen, sondern auch wann: Bei Männern waren stark wechselnde Essenszeiten zwischen Woche und Wochenende mit einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. © Pexels

Unser Körper kennt kein Wochenende. Herz, Leber und Stoffwechsel arbeiten auch am Samstag nach einem inneren Zeitplan – selbst wenn wir ausschlafen, erst spät frühstücken und das Abendessen nach hinten schieben.

Eine große französische Langzeitstudie, über die auch das Forschungsinstitut Inserm berichtet, mit mehr als 100.000 Menschen fand: Mit jeder zusätzlichen Stunde, um die sich die Essenszeiten zwischen Werktagen und Wochenende unterschieden, lag das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Männern um 14 Prozent höher. Bei koronaren Herzkrankheiten wie Herzinfarkt oder Angina pectoris waren es sogar 21 Prozent. Bei Frauen fanden die Forscher dagegen keinen statistisch belastbaren Zusammenhang.

Die Wissenschaftler sprechen von „Eating Jetlag“ – einer Art Jetlag ohne Flugreise. Entscheidend ist dabei nicht eine bestimmte Mahlzeit, sondern wie stark sich der gesamte Essensrhythmus zwischen Werktagen und Wochenende verschiebt.

So wird der Essens-Jetlag berechnet

Um diese Verschiebung messbar zu machen, bestimmten die Forscher den Mittelpunkt zwischen der ersten und der letzten Kalorienaufnahme eines Tages. Isst jemand unter der Woche beispielsweise erstmals um 7 Uhr und zuletzt um 19 Uhr, liegt dieser Mittelpunkt bei 13 Uhr. Verschiebt sich das Essensfenster am Wochenende auf 9 bis 21 Uhr, wandert er auf 15 Uhr. Der Essens-Jetlag beträgt damit zwei Stunden.

Für die Untersuchung wertete das Team Daten von 104.806 Erwachsenen aus der französischen NutriNet-Santé-Kohorte aus. Die Teilnehmer hielten wiederholt über jeweils 24 Stunden fest, was sie aßen und tranken und zu welcher Uhrzeit. Im Durchschnitt lagen knapp sechs solcher Ernährungsprotokolle pro Person vor.

Mehr als 2300 Herz-Kreislauf-Erkrankungen erfasst

Die Teilnehmer wurden im Median 8,1 Jahre beobachtet. In dieser Zeit traten 2368 neue Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf:

  • 1270 Fälle von koronarer Herzkrankheit,
  • 1098 Schlaganfälle oder andere zerebrovaskuläre Erkrankungen,
  • insgesamt kamen mehr als 814.000 Personenjahre Beobachtungszeit zusammen.

Für Schlaganfälle und andere zerebrovaskuläre Erkrankungen fanden die Forscher keinen Zusammenhang mit dem Essens-Jetlag. Anders sah es bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße aus.

Auch früheres Essen am Wochenende war mit höherem Risiko verbunden

Nicht nur ein spätes Frühstück oder Abendessen fiel in der Auswertung auf. Die Forscher verglichen auch Menschen, deren Essensmittelpunkt am Wochenende mehr als eine Stunde früher lag, mit Teilnehmern, deren Zeiten weitgehend gleich blieben.

Bei Männern mit vorverlegten Essenszeiten lag das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung 44 Prozent höher. Bei koronaren Herzkrankheiten betrug der Unterschied 68 Prozent.

Männer, deren Essenszeiten sich am Wochenende um mehr als eine Stunde nach hinten verschoben, hatten ein um 36 Prozent höheres Risiko für koronare Herzkrankheiten als Männer mit weitgehend konstantem Rhythmus.

Damit war nicht eine bestimmte Richtung ausschlaggebend. Sowohl deutlich frühere als auch deutlich spätere Essenszeiten gingen in der Studie mit höheren Risiken einher.

Ab etwa 1,5 Stunden flachte die Kurve ab

Je größer der Essens-Jetlag, desto höher lag zunächst auch das beobachtete Risiko. Ab einer Verschiebung von ungefähr anderthalb Stunden flachte diese Entwicklung jedoch ab.

Eine medizinische Grenze lässt sich daraus nicht ableiten. In der Kohorte hatten vergleichsweise wenige Teilnehmer sehr große Unterschiede zwischen ihren Essenszeiten unter der Woche und am Wochenende. Dadurch lässt sich bei stärkeren Verschiebungen weniger zuverlässig bestimmen, wie sich das Risiko weiterentwickelt.

Auffällig war außerdem, dass der Zusammenhang vor allem bei Teilnehmern mit einer generell späteren ersten Mahlzeit zu erkennen war. Als Trennwert verwendeten die Forscher den Median der Kohorte: 8.02 Uhr.

Essen stellt auch die inneren Uhren des Körpers

Warum Essenszeiten überhaupt mit dem Herzen zusammenhängen könnten, führt zum zirkadianen Rhythmus. Zahlreiche Prozesse im Körper folgen einem etwa 24-stündigen Takt.

Licht stellt vor allem die zentrale innere Uhr im Gehirn. Nahrung wirkt dagegen auch auf sogenannte periphere Uhren in Organen und Geweben. Wann wir essen, liefert dem Körper damit ebenfalls zeitliche Informationen.

Ändert sich dieses Signal regelmäßig zwischen Arbeitswoche und Wochenende, können Essensrhythmus und körpereigene Abläufe zeitweise auseinanderfallen. Betroffen sein könnten unter anderem Glukosestoffwechsel, mitochondriale Funktionen und Vorgänge im Herz-Kreislauf-System.

„Auch die Regelmäßigkeit der Essensrhythmen zwischen Wochentagen und Wochenende scheint wichtig zu sein“, sagt Studienautor Bernard Srour, Forschungsdirektor bei INRAE, laut Inserm. Welcher Mechanismus für die beobachteten Unterschiede verantwortlich ist, lässt sich aus den Daten allerdings nicht bestimmen.

Warum der Zusammenhang nur bei Männern auftauchte, ist unklar

Bei Frauen fanden die Forscher keinen statistisch belastbaren Zusammenhang zwischen Essens-Jetlag und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als mögliche Erklärungen nennen die Autoren Unterschiede beim allgemeinen Herz-Kreislauf-Risiko, beim Stoffwechsel, bei hormonellen Rhythmen und bei alltäglichen Verhaltensmustern.

Hinzu kommt die Zusammensetzung der untersuchten Gruppe: 79 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Die Zahl der untersuchten Männer war entsprechend deutlich kleiner.

Auch die statistische Wechselwirkung zwischen Geschlecht und Essens-Jetlag war nicht signifikant. Ob Männer tatsächlich stärker auf wechselnde Essenszeiten reagieren als Frauen, ist damit noch nicht geklärt.

Unregelmäßiges Essen ist damit nicht als Ursache bewiesen

Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang, aber keinen Nachweis dafür, dass wechselnde Essenszeiten Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen.

Die Forscher berücksichtigten zahlreiche Faktoren, darunter Alter, Körpergewicht, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Ernährungsqualität sowie Schlafdauer und Schlafenszeit. Der Zusammenhang bei Männern blieb auch nach diesen Anpassungen bestehen. Nicht gemessene Einflüsse wie Arbeitsstress, nächtliche Lichtexposition oder der Zeitpunkt von Bewegung und Medikamenteneinnahme könnten dennoch eine Rolle spielen.

Eine weitere Einschränkung betrifft die Einteilung der Woche. Die tatsächlichen Arbeitstage der Teilnehmer wurden nicht erfasst. Montag bis Freitag galten deshalb pauschal als Arbeitstage, Samstag und Sonntag als freie Tage. Für Schichtarbeiter, Menschen mit Wochenendarbeit oder anderen Arbeitsmodellen trifft diese Annahme nicht immer zu.

Zudem ist die NutriNet-Santé-Kohorte nicht repräsentativ für die französische Bevölkerung. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt stärker gesundheitsbewusst und hatten einen höheren sozioökonomischen Status.

Ob dauerhaft gleichmäßigere Essenszeiten tatsächlich das Herz-Kreislauf-Risiko senken können, muss deshalb erst in weiteren Studien geklärt werden. „Wir setzen unsere Arbeiten fort, um dieses Phänomen besser zu verstehen“, sagt Srour.

Kurz zusammengefasst:

  • Ein Essens-Jetlag entsteht, wenn sich die Essenszeiten zwischen Werktagen und Wochenende deutlich verschieben: Bei Männern war jede zusätzliche Stunde in der Studie mit einem um 14 Prozent höheren Herz-Kreislauf-Risiko verbunden.
  • Dabei ging es nicht nur um spätes Essen: Auch deutlich frühere Essenszeiten am Wochenende waren bei Männern mit höheren Risiken verbunden – entscheidend scheint also der wechselnde Rhythmus zu sein.
  • Essens-Jetlag ist damit noch keine bewiesene Ursache für Herzkrankheiten: Die Studie zeigt einen Zusammenhang, liefert aber einen wichtigen Hinweis darauf, dass regelmäßige Essenszeiten für die Herzgesundheit relevant sein könnten.

Übrigens: Nicht nur wechselnde Essenszeiten zwischen Werktagen und Wochenende können den Körper aus dem Rhythmus bringen – auch ein spätes Abendessen könnte Herz und Stoffwechsel belasten. Was passiert, wenn die letzte Mahlzeit mindestens drei Stunden vor dem Schlafengehen liegt, erfahren Sie in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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