Wer chronische Schmerzen hat, raucht viel häufiger – und tut sich mit den Aufhören schwerer
Betroffene von chronischen Schmerzen rauchen deutlich häufiger. Nikotin kann kurze Linderung bringen, die Beschwerden langfristig jedoch verstärken.
Menschen mit chronischen Schmerzen rauchen deutlich häufiger als andere. Das kann die Beschwerden langfristig verschlimmern und den Ausstieg erschweren. © Unsplash
Wer ständig mit Beschwerden lebt, sucht oft nach etwas, das wenigstens kurz entlastet. Eine Zigarette wird dann für manche Betroffene zur vermeintlichen Hilfe – mit Folgen, die das Problem noch verschärfen können.
Darauf weist eine Studie der University of Kansas hin. Sie zeigt, dass Menschen mit chronischen Schmerzen deutlich häufiger rauchen oder E-Zigaretten nutzen. Zudem gelingt ihnen der Ausstieg seltener so schnell wie anderen.
Bei chronischen Schmerzen nimmt Rauchen zu
Die Analyse basiert auf Daten von mehr als 195.000 Erwachsenen aus den USA. Erfasst wurden die Jahre 2014 bis 2023. Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal American Journal of Preventive Medicine. Das Ergebnis: Menschen mit chronischen Schmerzen greifen deutlich häufiger zu Tabakprodukten. 2023 rauchten 13,1 Prozent in dieser Gruppe. Ohne Schmerzen lag der Anteil bei 7,5 Prozent. Auch E-Zigaretten werden häufiger genutzt.
Über die Jahre zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Zwar sinkt die Raucherquote insgesamt. Doch bei Betroffenen verläuft dieser Rückgang langsamer. Der Abstand zur übrigen Bevölkerung bleibt bestehen. Laut den Forschern greifen Menschen mit chronischen Schmerzen etwa doppelt so häufig zu Tabakprodukten.
Mit zunehmender Belastung steigt das Risiko weiter. Häufige oder stark einschränkende Schmerzen gehen mit höherem Konsum einher. Wer im Alltag stärker eingeschränkt ist, greift eher zu Zigaretten. Das betrifft besonders Menschen, deren Beschwerden viele Lebensbereiche beeinflussen.
Rauchen wirkt kurzfristig – verschärft aber langfristig die Beschwerden
Der Griff zur Zigarette kommt oft nicht zufällig. Nikotin kann Schmerzen für kurze Zeit dämpfen. Der Körper reagiert mit einer leichten Entlastung. Dieser Effekt hält jedoch nur kurz an. Danach kehren die Beschwerden zurück. Häufig sogar intensiver.
„Menschen geraten in einen regelrechten Teufelskreis: Schmerzen führen zum Rauchen, Rauchen verschlimmert die Schmerzen – und genau das macht es so schwer aufzuhören“, sagt die Psychologin Jessica Powers, die an der Studie mitwirkte. Sie erklärt auch, warum viele Betroffene dennoch zur Zigarette greifen: „Tabak kann kurzfristig Schmerzen lindern, aber langfristig hat er negative Effekte.“ Dieses kurze Nachlassen der Beschwerden kann dazu führen, dass Rauchen als Hilfe erlebt wird und sich das Muster weiter verfestigt.
Schmerz, Stimmung und Sucht greifen ineinander
Neben körperlichen Effekten spielt die Stimmung eine wichtige Rolle. Chronische Beschwerden schränken den Alltag ein. Aktivitäten fallen weg, soziale Kontakte nehmen ab. Das belastet viele Betroffene stark.
Powers warnt jedoch: „Rauchen verschlimmert alles.“ Gemeint sind Schmerzen, psychische Belastung und die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen. Viele nutzen Zigaretten als schnelle Strategie, um mit Frust, Einschränkungen und schlechter Stimmung umzugehen. Der Teufelskreis beginnt:
- Schmerzen erhöhen Stress und Anspannung
- Nikotin sorgt kurzfristig für Entlastung
- Die Wirkung lässt schnell nach
- Beschwerden nehmen wieder zu
- Die Stimmung verschlechtert sich
- Der Griff zur nächsten Zigarette wird wahrscheinlicher
Dieses Zusammenspiel macht den Ausstieg besonders schwierig. Viele Betroffene erleben wiederholte Rückfälle.
E-Zigaretten sind für Betroffene keine klare Alternative
Viele greifen inzwischen zu E-Zigaretten. Sie gelten als weniger schädlich als klassische Produkte. Doch für Menschen mit chronischen Schmerzen bleibt die Lage kompliziert. Die Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg. Der Anteil der E-Zigaretten-Nutzer mit Schmerzen stieg von 1,4 Prozent im Jahr 2014 auf 5,6 Prozent im Jahr 2023. Ohne Beschwerden lag der Wert zuletzt bei 4,5 Prozent.
Powers ordnet das vorsichtig ein: „Eine E-Zigarette enthält weniger Schadstoffe als eine normale Zigarette. Aber wir haben Hinweise, dass Nikotin selbst Schmerzen verstärken kann.“ Wie stark dieser Effekt ist, lässt sich derzeit noch nicht genau abschätzen.
Warum viele beim Rauchstopp scheitern
Programme zur Rauchentwöhnung setzen oft bei der Sucht an. Für Menschen mit chronischen Schmerzen reicht das häufig nicht aus. Der körperliche und emotionale Druck bleibt bestehen. Powers kennt diese Situation aus der Praxis: „In der Behandlung kommt Schmerz sehr häufig zur Sprache.“ Viele Betroffene greifen gerade in belastenden Phasen wieder zur Zigarette. Als Lösungsansätze schlägt die Psychologin vor:
- Schmerztherapie und Rauchstopp müssen kombiniert werden
- die psychische Belastung muss stärker berücksichtigt werden
- Betroffene brauchen Strategien für den Alltag
Powers formuliert es so: „Wir haben gute Behandlungen für Schmerzen und gute Programme zum Rauchstopp. Aber wir müssen beides zusammenbringen.“
Kurz zusammengefasst:
- Chronische Schmerzen bringen Betroffene deutlich häufiger zum Rauchen und das Aufhören fällt schwerer – 2023 lag die Quote bei 13,1 Prozent gegenüber 7,5 Prozent bei Menschen ohne Schmerzen.
- Nikotin kann Beschwerden kurzfristig lindern, verstärkt sie aber langfristig und hält viele in einem Kreislauf aus Schmerz, Stress und erneutem Rauchen.
- Wirksame Hilfe gelingt nur, wenn Schmerztherapie und Rauchstopp zusammen gedacht werden, da klassische Entwöhnungsprogramme allein oft nicht ausreichen.
Übrigens: Nach einem Herzinfarkt entscheidet der Rauchstopp darüber, wie gut sich das Herz erholt und ob das Risiko für neue Komplikationen drastisch sinkt. Studien zeigen deutliche Unterschiede schon nach wenigen Monaten. Mehr dazu in unserem Artikel.
Bild: © Unsplash
