Nicht die einfache Krankmeldung per Telefon ist das Problem von Fehlzeiten – sondern der Job selbst

Fehlzeiten entstehen oft nicht durch einfache Krankmeldungen, sondern durch Stress, Burnout und belastende Bedingungen am Arbeitsplatz.

Nicht der Weg zur Krankmeldung erklärt Fehlzeiten am besten. Die Studie sieht den größeren Einfluss bei den Arbeitsbedingungen im Betrieb. © Pexels

Nicht der Weg zur Krankmeldung erklärt Fehlzeiten am besten. Die Studie sieht den größeren Einfluss bei den Arbeitsbedingungen im Betrieb. © Pexels

Ob jemand zu Hause bleibt oder trotz Beschwerden arbeitet, entscheidet sich oft nicht am Attest, sondern am Arbeitsplatz. Neue Zahlen zu Fehlzeiten machen deutlich, wie stark Arbeitsbedingungen diese Entscheidung beeinflussen. Ausschlaggebend sind dabei weniger Regeln zur Krankschreibung als Druck, Konflikte und Belastung im Arbeitsalltag.

Eine große Befragung mit 1964 Beschäftigten in Deutschland liefert dazu klare Zahlen. Die Untersuchung stammt von einem Team der Universitätsmedizin Mannheim. Sie wurde am Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg durchgeführt.

Befunde stellen gängige Annahmen infrage

Eine Besonderheit ist die Methode der Studie. Sie erfasst sensible Angaben so, dass Befragte ehrlicher antworten (indirekte Methode). Das Ergebnis fällt deutlich aus: Viele Beschäftigte gehen krank zur Arbeit. Ob sich Beschäftigte trotz Arbeitsfähigkeit krankmelden, hängt stärker mit dem Arbeitsumfeld zusammen als mit der Art der Krankschreibung.

Zwei Werte stechen besonders hervor. Sie widersprechen der verbreiteten Annahme, dass einfache Krankmeldungen Fehlzeiten erhöhen:

  • 67,2 Prozent der Befragten gingen im vergangenen Jahr krank zur Arbeit
  • 34,6 Prozent gaben indirekt an, sich mindestens einmal krankgemeldet zu haben, obwohl sie arbeitsfähig waren
  • bei direkter Befragung lag dieser Wert nur bei 18,6 Prozent

Die indirekte Methode nimmt sozialen Druck aus der Situation. Die Befragten antworten dabei nicht direkt mit Ja oder Nein auf ihr eigenes Verhalten, sondern in einer geschützten Form über zwei kombinierte Aussagen. Dadurch bleibt die einzelne Antwort weniger eindeutig zuordenbar. Befragte geben deshalb eher zu, wenn sie sich trotz Gesundheit krankmelden.

Die Studie macht noch auf ein anderes Problem aufmerksam. Viel mehr Menschen arbeiten krank, als dass sie sich grundlos krankmelden. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Fokus auf falsche Krankmeldungen zu kurz greift“, sagt Professor Dr. Falko Sniehotta von der Universitätsmedizin Mannheim. Er fand heraus:

Viel häufiger ist das Gegenteil der Fall: Menschen gehen krank zur Arbeit.

Belastung im Job beeinflusst Fehlzeiten stärker als die Krankschreibung

Nicht der Zugang zur Krankschreibung entscheidet, sondern die Situation am Arbeitsplatz. Mehrere Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte sich trotz Gesundheit krankmelden:

  • hohe Belastung und Stress
  • Konflikte im Job
  • geringe Bindung an die eigene Arbeit
  • soziale Normen im Team

Besonders auffällig ist der Einfluss von Burnout und Rollenkonflikten. Gemeint sind widersprüchliche Erwartungen oder unklare Aufgaben. Wer sich dagegen stärker mit seiner Arbeit identifiziert, fehlt seltener ohne gesundheitlichen Grund. Die Studienautoren formulieren es so: „Freiwillige Fehlzeiten lassen sich besser über Arbeitsbedingungen und das Wohlbefinden der Beschäftigten erklären als über den Zugang zur Krankschreibung.“

Telefonische Krankschreibung verliert an Bedeutung

Der Zugang zur telefonischen Krankschreibung zeigt keinen klaren Einfluss auf Fehlzeiten. Zwischen Beschäftigten mit und ohne Zugang gab es keinen statistisch relevanten Unterschied. Die Studie hält fest: „Das Ausbleiben eines statistisch signifikanten Unterschieds stützt nicht die Annahme, dass der Zugang den Missbrauch erhöht.“

Wer gar nicht wusste, ob eine telefonische Krankschreibung möglich ist, meldete sich seltener grundlos krank als Personen mit Zugang. Das passt nicht zu der verbreiteten Annahme, einfache Verfahren würden automatisch zu mehr Fehlzeiten führen.

Hoher Druck hält viele trotz Krankheit im Arbeitsalltag

Die Daten zeigen noch eine zweite Seite. Viele Beschäftigte bleiben nicht aus Bequemlichkeit zu Hause. Sie gehen trotz Krankheit zur Arbeit. Dahinter stehen oft klare Gründe:

  • Druck durch Vorgesetzte oder Kollegen
  • Angst vor zusätzlicher Belastung im Team
  • Sorge um den eigenen Arbeitsplatz
  • hohe Arbeitsdichte

Diese Faktoren wirken stärker als formale Regeln. Sie beeinflussen Entscheidungen direkt. Fehlzeiten entstehen so oft als Reaktion auf belastende Situationen im Job. „Eine Fehleinschätzung der Ursachen für falsche Krankmeldungen kann dazu führen, dass politische Maßnahmen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen“, warnen die Hauptautorinnen Stephanie Zintel und Raenhha Dhami.

Was sich für Unternehmen und Politik ableiten lässt

Wer Fehlzeiten senken will, muss an den Arbeitsbedingungen ansetzen. Das Forschungsteam nennt konkrete Verbesserungen:

  • weniger Stress im Arbeitsalltag
  • klarere Rollen und Aufgaben
  • bessere Führung und Kommunikation
  • mehr Unterstützung im Team

Regeln zur Krankschreibung greifen hier zu kurz. Sie setzen nicht bei den Ursachen an, die im Arbeitsalltag selbst entstehen.

Kurz zusammengefasst:

  • Viele Beschäftigte arbeiten krank statt sich grundlos krankzumelden: 67,2 Prozent gehen trotz Krankheit zur Arbeit, während nur ein Teil angibt, sich unberechtigt krankgemeldet zu haben.
  • Arbeitsbedingungen sind der entscheidende Faktor für Fehlzeiten: Stress, Konflikte, Burnout und geringe Motivation beeinflussen das Verhalten stärker als der Zugang zur Krankschreibung.
  • Telefonische Krankschreibung treibt Fehlzeiten nicht nachweisbar an: Zwischen Beschäftigten mit und ohne Zugang besteht kein signifikanter Unterschied, daher greifen politische Maßnahmen an dieser Stelle oft zu kurz.

Übrigens: Eine Krankheit kann den Lebenslauf auch finanziell aus der Bahn werfen. Eine große Analyse zeigt, dass das Einkommen nach einer Diagnose oft über Jahre sinkt – besonders bei psychischen Erkrankungen und bei jungen Erwachsenen. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Pexels

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