4 gängige Medikamente erhöhen das Demenzrisiko – 6 andere könnten das Gehirn schützen
Vier gängige Medikamente stehen im Verdacht, das Demenzrisiko zu erhöhen – gleichzeitig könnten sechs andere Wirkstoffe das Gehirn schützen. Neue Studien zeigen, worauf es ankommt.
Wer bestimmte Allergie- oder Schlafmittel über Jahre täglich einnimmt, trägt laut Studien ein deutlich höheres Demenzrisiko – in einigen Fällen steigt es um bis zu 50 Prozent. © Freepik
Viele Menschen schlucken jahrelang Tabletten, ohne an ihr Gehirn zu denken. Doch einige gängige Medikamente gegen Allergien, Schlafprobleme oder Sodbrennen stehen im Verdacht, das Demenzrisiko zu erhöhen – während Impfungen, Blutdrucksenker und andere Medikamente das Gehirn womöglich schützen.
Mehrere Studien und Analysen, über die auch die New York Times berichtet, liefern dafür konkrete Hinweise. Entscheidend ist dabei nicht nur der Wirkstoff selbst, sondern auch Dauer und Häufigkeit der Einnahme.
Bestimmte Allergie- und Schlafmittel können das Demenzrisiko erhöhen
Zu den am besten untersuchten Risikofaktoren gehören anticholinerge Medikamente. Sie blockieren Acetylcholin, einen Botenstoff, der für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis wichtig ist. Wenn diese Signalwege gedämpft werden, kann das Gehirn Informationen schlechter verarbeiten.
Diese Wirkstoffe stecken häufig in älteren Antihistaminika oder frei verkäuflichen Schlafmitteln. Kurzfristig verursachen sie Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Bei älteren Menschen können sie auch Verwirrtheit auslösen und das Sturzrisiko erhöhen. Langfristig zeigen Studien ein deutlich erhöhtes Risiko für Demenz.
Bei Menschen, die solche Präparate über Jahre täglich einnahmen, lag das Risiko in einigen Untersuchungen um rund 50 Prozent höher. „Eine gelegentliche Einnahme von Benadryl erhöht das Demenzrisiko wahrscheinlich nicht“, sagt die Pharmazeutin Shelly Gray laut New York Times. Kritisch bleibt vor allem die dauerhafte Nutzung.
Medikamente gegen schwere psychische Erkrankungen können Gedächtnis und Denken beeinträchtigen
Medikamente gegen schwere psychische Erkrankungen, sogenannte Antipsychotika, kommen etwa bei Psychosen oder Schizophrenie zum Einsatz. Sie können Wahnvorstellungen, starke Unruhe oder Halluzinationen dämpfen. Für viele Patienten sind sie deshalb wichtig und dürfen nicht pauschal als vermeidbar gelten.
Trotzdem zeigen Studien einen Zusammenhang mit kognitiven Einschränkungen. Die Bewertung bleibt schwierig, weil schwere psychische Erkrankungen selbst mit einem höheren Demenzrisiko verbunden sein können. Auch Depressionen oder psychotische Symptome können frühe Hinweise auf eine beginnende Demenz sein.
Besonders kritisch sehen Experten den Einsatz bei Menschen, die bereits an Demenz erkrankt sind. Antipsychotika sollen dort oft Unruhe, Aggression oder Schlafprobleme bremsen. Laut New York Times gebe es jedoch einen starken Trend, solche Verordnungen zur Verhaltenskontrolle bei Demenzpatienten zu reduzieren. Unter dieser Medikation steigt bei bereits erkrankten Menschen zudem das Risiko für Komplikationen.
Beruhigungs- und Schlafmittel liefern widersprüchliche Ergebnisse
Benzodiazepine wirken beruhigend und werden häufig bei Angst oder Schlafproblemen eingesetzt. Bei älteren Menschen erhöhen sie das Risiko für Verwirrtheit und Stürze.
Ein direkter Zusammenhang mit Demenz lässt sich jedoch nicht eindeutig belegen. Eine Analyse mit Patienten, die diese Mittel wegen Rückenschmerzen erhielten, fand keinen Zusammenhang mit späteren Diagnosen. Der Gesundheitsökonom Geoffrey Joyce sagte in der New York Times, er sehe diesen Zusammenhang nicht; es brauche weitere Forschung.
Damit bleibt offen, ob die Medikamente selbst oder die zugrunde liegenden Beschwerden eine Rolle spielen.
Mittel gegen Sodbrennen zeigen widersprüchliche Ergebnisse
Protonenpumpenhemmer gehören zu den am häufigsten eingesetzten Mitteln gegen Sodbrennen und Reflux. Sie bremsen die Bildung von Magensäure und können Beschwerden deutlich lindern. Einige Studien bringen diese Medikamente jedoch mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung, wie die Zeitung berichtet.
Andere Untersuchungen widersprechen dem. Eine klinische Studie mit dem Wirkstoff Pantoprazol zeigte über drei Jahre keinen Anstieg des Risikos. Das ist wichtig, weil klinische Studien Zusammenhänge oft sauberer prüfen können als reine Beobachtungsdaten.
Als mögliche Erklärung diskutieren Forscher einen Vitamin-B12-Mangel, der durch eine langfristig verringerte Magensäure begünstigt werden kann. Vitamin B12 ist wichtig für Nerven und Blutbildung; ein Mangel kann auch kognitive Beschwerden auslösen. Eine klare Bewertung stehe der Times zufolge jedoch aus.
Was dagegen hilft – Grippeimpfung könnte das Demenzrisiko senken
Neben möglichen Risiken zeigen sich auch schützende Effekte. Besonders auffällig ist die Grippeimpfung. Mehrere Studien zeigen, dass geimpfte ältere Menschen seltener an Demenz erkranken, heißt es in einem anderen Bericht der New York Times.
In einer Untersuchung lag das Risiko um bis zu 40 Prozent niedriger. Eine neuere Analyse deutet darauf hin, dass hochdosierte Impfstoffe für Menschen ab 65 Jahren noch stärker schützen könnten. Sie enthalten mehr Antigen und sollen das Immunsystem stärker anregen. Das ist wichtig, weil die Immunabwehr im Alter oft schwächer reagiert.
Eine mögliche Erklärung finden die zitierten Experten im Immunsystem: Impfungen verhindern Infektionen oder schwächen ihren Verlauf ab. Dadurch könnten auch Entzündungsreaktionen geringer ausfallen. Chronische Entzündungen gelten als ein Faktor, der Demenz begünstigen kann. Ob dieser Mechanismus den beobachteten Schutz-Effekt tatsächlich erklärt, ist aber noch nicht abschließend belegt.
Gürtelrose-Impfung zeigt klare Schutz-Effekte
Die Impfung gegen Gürtelrose liefert besonders überzeugende Ergebnisse. Studien aus mehreren Ländern zeigen ein um etwa 15 bis 20 Prozent geringeres Demenzrisiko.
Der Epidemiologe Pascal Geldsetzer bewertet die Daten deutlich: „Ich halte die Beweislage für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung für sehr stark.“
Ein möglicher Grund liegt in der Wirkung auf Entzündungen. Das Virus befällt Nervenzellen und kann Entzündungen im Gehirn auslösen.
Blutdrucksenker stabilisieren die Versorgung des Gehirns
Medikamente gegen Bluthochdruck gehören zu den wichtigsten möglichen Schutzfaktoren. Studien verbinden sie mit einem um etwa 10 bis 15 Prozent geringeren Demenzrisiko.
Der Zusammenhang ist medizinisch plausibel: Dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt kleine Gefäße, auch im Gehirn. Dadurch können unbemerkte Durchblutungsstörungen entstehen, die Gedächtnis und Denkfähigkeit über Jahre belasten. Ein gut eingestellter Blutdruck kann diese Gefäße schützen und die Versorgung des Gehirns stabilisieren.
Eine Studie aus China zeigte, dass behandelte Patienten nach vier Jahren seltener an Demenz erkrankten. Trotzdem gilt auch hier: Der Nutzen ist vor allem für Menschen belegt, die tatsächlich Bluthochdruck haben.
Cholesterinsenker könnten das Demenzrisiko verringern
Statine senken den Cholesterinspiegel und schützen damit Herz und Gefäße. Auch das Gehirn könnte davon profitieren, weil gesunde Gefäße für eine stabile Durchblutung wichtig sind.
Studien verbinden die Einnahme mit einem um etwa 10 bis 15 Prozent geringeren Demenzrisiko. Der Effekt gilt jedoch nicht als gesichert. Ein Grund: Menschen, die Statine regelmäßig nehmen, werden oft enger ärztlich betreut und achten möglicherweise stärker auf ihre Gesundheit.
Eine ältere klinische Untersuchung fand keinen klaren Schutz vor kognitivem Abbau. Deshalb eignen sich Statine nicht als reine Demenz-Vorsorge, sondern vor allem dann, wenn sie aus Herz-Kreislauf-Gründen medizinisch sinnvoll sind.
Diabetes-Medikamente beeinflussen den Stoffwechsel im Gehirn
Bei Menschen mit Diabetes zeigen bestimmte Medikamente einen möglichen Schutz-Effekt. Dazu gehören Metformin und SGLT2-Hemmer.
Der mögliche Nutzen hängt vor allem mit dem Blutzucker zusammen. Dauerhaft hohe Werte belasten Blutgefäße und Nervenzellen. Sie können Entzündungen fördern und die Energieversorgung des Gehirns stören. Medikamente, die den Blutzucker stabilisieren, könnten deshalb auch das Gehirn entlasten.
Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass diese Wirkstoffe Entzündungen reduzieren und Ablagerungen im Gehirn beeinflussen. Der Effekt gilt aber vor allem für Menschen mit Diabetes; als allgemeine Demenz-Vorsorge sind diese Medikamente nicht belegt.
Entzündungshemmer bleiben als Schutzfaktor unsicher
Entzündungen im Gehirn gelten als ein Faktor, der Alzheimer begünstigen kann. Deshalb prüfen Forscher, ob entzündungshemmende Medikamente auch vor Demenz schützen könnten. Eine große Übersichtsarbeit zählt diese Wirkstoffgruppe zu den möglichen Kandidaten.
Der Epidemiologe David Llewellyn hält diesen Ansatz laut New York Times wissenschaftlich für plausibel. Die Studienlage bleibt aber widersprüchlich. Einige Untersuchungen fanden bei Ibuprofen ein niedrigeres Demenzrisiko, andere keinen Zusammenhang oder sogar ein höheres Risiko. Eine Cochrane-Analyse kam 2020 zu dem Schluss, dass es keine Belege dafür gebe, Aspirin oder andere nichtsteroidale Entzündungshemmer zur Demenzvorbeugung einzusetzen.
Kurz zusammengefasst:
- Einige anticholinerge Medikamente, Antipsychotika, Benzodiazepine und Protonenpumpenhemmer stehen mit einem höheren Demenzrisiko in Verbindung – die Beweislage ist je nach Wirkstoff unterschiedlich stark.
- Impfungen gegen Grippe und Gürtelrose sowie Blutdrucksenker, Statine und bestimmte Diabetesmedikamente könnten das Gehirn schützen, vor allem über Gefäße, Stoffwechsel und Entzündungen.
- Medikamente sollten nie eigenmächtig abgesetzt werden; wichtig ist vor allem eine regelmäßige ärztliche Prüfung bei dauerhafter Einnahme.
Übrigens: Nicht nur bestimmte Medikamente stehen mit dem Demenzrisiko in Verbindung – auch feine Herzschäden können Jahrzehnte später Spuren im Gehirn hinterlassen. Ein Blutwert könnte schon in der Lebensmitte warnen. Mehr dazu in unserem Artikel.
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