Studie zeigt, warum Abnehmen nicht jeden vor Diabetes schützt
Gewichtsverlust schützt viele Menschen vor Diabetes. Bei einer Risikogruppe stiegen die Blutzuckerwerte trotzdem weiter an.
Selbst nach Jahren mit stabilem Gewichtsverlust entwickeln einige Menschen häufiger Diabetes als andere. © Freepik
Ein gesundes Körpergewicht gilt als wichtiger Faktor zur Senkung des Diabetes-Risikos. Neue Daten aus Tübingen zeigen jedoch, dass bestimmte Stoffwechselmerkmale den Effekt von langfristigem Gewichtsverlust begrenzen.
Für die Prävention hat das direkte Folgen. Programme setzen bisher vor allem auf weniger Gewicht. Diese Strategie greift häufig, bei manchen Menschen reicht sie jedoch nicht aus. Eine Langzeituntersuchung liefert dazu nun wichtige Hinweise.
Gewichtsverlust wirkt bei Diabetes unterschiedlich
Die Daten stammen aus dem Tübinger Lebensstilprogramm TULIP. Beteiligt waren das Deutsches Zentrum für Diabetesforschung, das Universitätsklinikum Tübingen und das Helmholtz Zentrum München. Die Auswertung umfasst 190 Personen. Zu Beginn waren sie im Schnitt 49 Jahre alt. Die Nachbeobachtung dauerte durchschnittlich 8,7 Jahre.
60 Teilnehmer der Studie hielten ihr reduziertes Gewicht über viele Jahre. Im Schnitt verloren sie rund acht Prozent ihres Körpergewichts. Trotz dieses Erfolgs zeigen sich klare Unterschiede zwischen den Probanden.
Eine Hochrisikogruppe entwickelt trotz Abnehmen häufiger Diabetes
Die Studie teilt Menschen mit erhöhtem Diabetes-Risiko in sechs Stoffwechsel-Typen (Cluster) ein. Diese basieren auf Faktoren wie Insulinwirkung, Insulinproduktion, Körperfett und Blutzucker.
- Cluster 1: niedriges Risiko, gesunder Stoffwechsel
- Cluster 2: leicht erhöhtes Risiko, noch stabile Werte
- Cluster 3: schwache Insulinproduktion (Beta-Zellen arbeiten schlechter)
- Cluster 4: eher übergewichtig, aber Stoffwechsel noch vergleichsweise stabil
- Cluster 5: stark erhöhtes Risiko, ausgeprägte Insulinresistenz und oft viel Leberfett
- Cluster 6: erhöhtes Risiko, vor allem durch Fettverteilung und beginnende Stoffwechselstörungen
Besonders auffällig ist das sogenannte Risikocluster 5. Diese Gruppe gilt als stark gefährdet. Die Betroffenen nahmen ähnlich viel ab wie andere. Trotzdem verschlechterten sich wichtige Werte:
- Der Nüchternblutzucker stieg von 5,9 auf 6,4 mmol/L
- Die Insulinproduktion ging deutlich zurück
- 41 Prozent entwickelten Typ-2-Diabetes
Studienleiter Norbert Stefan beschreibt das Ergebnis so: „Wir waren sehr überrascht festzustellen, dass trotz eines großen und anhaltenden Gewichtsverlusts von 8 Prozent nach neun Jahren die Blutzuckerwerte stiegen, die Insulinsekretion sank und ein hohes Risiko für Typ-2-Diabetes bestand.“ Andere Gruppen schneiden deutlich besser ab. Dort verbessern sich Blutzuckerwerte oft spürbar.
Fettleber erhöht das Risiko offenbar weiter
Menschen im Risikocluster 5 haben besonders viel Leberfett. Zu Beginn lag der Anteil bei über 13 Prozent. Auch nach Jahren blieb er erhöht. Dieses Fett beeinflusst den Stoffwechsel direkt. Die Zellen reagieren schlechter auf Insulin. Der Körper muss mehr Insulin produzieren. Auf Dauer ermüden die insulinbildenden Zellen. Die Produktion sinkt, der Blutzucker steigt.
Die Forscher sehen darin eine zentrale Erklärung. Eine ausgeprägte Fettleber kann die Insulinresistenz verstärken. Zudem kann sie die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse beeinträchtigen.

Warum das Gewicht allein nicht ausreicht
Die Zahl auf der Waage reicht nicht aus, um das Risiko zu beurteilen. Entscheidend ist, wie der Stoffwechsel arbeitet und wo sich Fett im Körper ansammelt. Menschen aus dem Risikocluster 5 profitieren deutlich weniger von klassischen Lebensstilmaßnahmen, selbst bei stabilem Gewichtsverlust.
Deshalb kann es sinnvoller sein, gezielt den Fettgehalt in der Leber zu senken, statt nur das Körpergewicht zu reduzieren. Um das persönliche Risiko besser einzuschätzen, sollte man nicht nur auf das Gewicht achten, sondern weitere Werte in den Blick nehmen:
- regelmäßige Blutzuckerkontrollen
- Hinweise auf Insulinresistenz
- Untersuchung der Fettverteilung
- Abklärung einer möglichen Fettleber
Kurz zusammengefasst:
- Gewichtsverlust senkt oft das Risiko für Diabetes, doch bei manchen Menschen steigen Blutzuckerwerte trotzdem weiter.
- Besonders gefährdete Gruppen entwickeln trotz langfristigem Gewichtsverlust häufiger Diabetes, weil die Insulinproduktion sinkt und die Insulinresistenz bestehen bleibt.
- Entscheidend ist nicht nur das Gewicht, sondern vor allem Faktoren wie Leberfett und Stoffwechsel – Prävention muss deshalb individueller erfolgen.
Übrigens: Eine Fettleber, die das Diabetes-Risiko trotz Gewichtsverlust erhöht, betrifft rund jeden dritten Erwachsenen. Neue Wirkstoffe aus Cannabis könnten hier erstmals gezielt ansetzen. In Laborversuchen verbesserten sie zentrale Prozesse im Stoffwechsel deutlich – mehr dazu in unserem Artikel.
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