Ursache von Adipositas: Warum viele zunehmen – auch ohne ständig mehr zu essen
Adipositas entsteht nicht nur durch zu viele Kalorien. Die Ursache steckt oft im Stoffwechsel und versagenden Sättigungssignalen.
Abnehmspritzen gelten als wirksame Therapie gegen Adipositas, ersetzen aber keine gesunde Lebensweise. © Freepik
Die Zahl auf der Waage steigt, obwohl man weder deutlich mehr isst oder der Alltag sich stark verändert hat. Die verbreitete Erklärung, Übergewicht sei vor allem eine Frage der Disziplin, greift dabei zu kurz. Die Ursache von Adipositas liegt oft nicht im Verhalten, sondern in biologischen Mechanismen, die den menschlichen Körper auf Energiemangel ausrichten und mit dauerhaftem Überfluss schlecht umgehen lassen.
Wie groß das Problem inzwischen ist, wird besonders bei Kindern sichtbar. Ein Bericht von UNICEF aus dem Jahr 2025 demonstriert das mit erschreckenden Zahlen: Erstmals gibt es weltweit mehr fettleibige als untergewichtige Kinder. Innerhalb von 25 Jahren hat sich die Zahl übergewichtiger junger Menschen verdoppelt. Besonders betroffen sind Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen, doch auch wohlhabende Gesellschaften bilden davon keine Ausnahme.
Adipositas verstehen: Welche Ursache hinter den Zahlen steckt
In Deutschland sind laut Daten der Bundeszentrale für politische Bildung mehr als die Hälfte der Erwachsenen übergewichtig. Besonders häufig betrifft das Männer: rund 60 Prozent bringen zu viel auf die Waage, bei Frauen sind es knapp 47 Prozent. Etwa 19 Prozent der Erwachsenen leben mit Adipositas. Die Folgen können die Gesundheit schwer belasten: Übergewicht erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und bestimmte Krebsarten. Adipositas zählt damit auch hierzulande zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen der Gegenwart.
Warum reagiert der Körper nicht einfach mit weniger Appetit, wenn die Energiespeicher voll sind? Antworten darauf liefern Forschende der Universität Zürich. Der Veterinärphysiologe Thomas Lutz beschäftigt sich dort seit Jahren mit Hormonen, die Hunger und Sättigung steuern. Seine Erkenntnis: Der menschliche Stoffwechsel ist auf Mangel programmiert, nicht auf ständigen Überfluss.
Warum das Sättigungshormon Leptin versagt
Ein zentrales Hormon in diesem System ist Leptin. Sinkt der Fettanteil im Körper, fällt der Leptinspiegel, Hunger entsteht. Steigt der Fettanteil, bleibt die Gegenreaktion schwach. „Das Hormon ist ein wunderbarer biologischer Sensor, der uns davor schützt, zu verhungern“, erklärt Lutz. Für Zeiten, in denen Nahrung jederzeit verfügbar ist, taugt dieser Mechanismus jedoch kaum.
Hinzu kommt die heutige Ernährung. Viele Kalorien gelangen in hochkonzentrierter Form in den Körper. Flüssige Lebensmittel spielen dabei eine große Rolle. Fruchtsäfte oder Shakes liefern schnell Energie, aber kaum Ballaststoffe. Der Blutzucker steigt rasch, das Sättigungsgefühl hält kurz. Der Adipositas-Spezialist Philipp Gerber warnt deshalb: „Hinter alles, was man nicht natürlicherweise flüssig zu sich nimmt, sollte man ein Fragezeichen setzen.“
Hochverarbeitete Nahrung überfordert den Stoffwechsel
Gerber sieht das Problem vor allem im Grad der Verarbeitung. „Mit dem Food-Processing sind wir zu Nahrungsmitteln gekommen, die nicht mehr dem entsprechen, wofür wir biologisch konstruiert sind“, sagt er. Zucker und raffinierte Kohlenhydrate lassen sich leicht aufnehmen. Die natürliche Bremse greift zu spät. Vollkornprodukte wirken anders, weil sie langsamer verdaut werden und länger sättigen.
Bei Menschen mit Adipositas gerät dieses Gleichgewicht besonders stark aus der Spur. Das Sättigungsgefühl setzt verzögert ein, selbst bei gefüllten Energiespeichern. Genetische Unterschiede spielen dabei eine Rolle. Einige Menschen gleichen Kalorienüberschüsse unbewusst aus, andere können das nicht. „Das Sättigungsgefühl können wir willentlich nicht beeinflussen“, so Gerber.
Adipositas gilt als chronische Erkrankung
Diese Sicht teilt auch die Weltgesundheitsorganisation. Sie stuft Adipositas als chronische Erkrankung ein. Das verändert den Blick auf Betroffene. „Menschen sind nicht allein schuld daran, adipös zu sein“, sagt Gerber. Dennoch halten sich Vorurteile in der Gesellschaft hartnäckig.
In der Behandlung rückt deshalb die Physiologie stärker in den Vordergrund. Neben Ernährungsberatung und psychologischer Unterstützung kommen zunehmend Medikamente zum Einsatz. Lutz’ Grundlagenforschung zum Hormon Amylin lieferte die Basis für neue Wirkstoffe, die das Sättigungsgefühl verstärken und den Appetit dämpfen.
Gewichtsverlust durch Spritzen hat Grenzen
Eine Abnehmspritze auf Amylin-Basis steht kurz vor der Zulassung. Andere Präparate sind bereits erhältlich. In der Praxis lassen sich damit deutliche Effekte erzielen. Gerber berichtet von durchschnittlichen Gewichtsreduktionen von bis zu 20 Prozent. Lutz sieht Vorteile gegenüber älteren Wirkstoffen. „Amylin-basierte Präparate haben nach aktuellem Kenntnisstand mildere Nebenwirkungen“, sagt er. Übelkeit trete seltener auf.
Doch Medikamente wirken nur, solange sie angewendet werden. Nach dem Absetzen kehrt das Gewicht häufig zurück. Hinzu kommt die Kostenfrage. In der Schweiz übernehmen Krankenkassen die Therapie derzeit für drei Jahre. Danach müssen Betroffene selbst zahlen. Gerber hält das für kurzsichtig, weil Folgeerkrankungen teuer sind.
Fasten wirkt – doch nicht für jeden Alltag
Neben Medikamenten untersuchte Gerber in einer eigenen Studie verschiedene Formen des intermittierenden Fastens. Besonders wirksam erwies sich das sogenannte Alternate-Day-Fasting, bei dem sich Fastentage und normale Esstage abwechseln. Körpergewicht und Fettmasse nahmen stärker ab als bei anderen Modellen. Alltagstauglich ist diese Methode jedoch nicht für alle. „Diäten müssen nicht nur wirkungsvoll, sondern auch lebbar sein“, sagt Gerber.
Künftig könnten technische Hilfsmittel die Therapie ergänzen. Ein tragbares Atemmessgerät misst, wann der Körper Fett verbrennt. Essenszeiten lassen sich so individueller anpassen. Parallel wächst der politische Druck. UNICEF fordert schon längst strengere Regeln für hochverarbeitete Lebensmittel, klare Kennzeichnungen und Werbebeschränkungen.
Kurz zusammengefasst:
- Die Ursache von Adipositas liegt oft nicht im Essverhalten, sondern in einem Körper, der auf Mangel programmiert ist und mit dauerhaftem Überfluss schlecht umgehen kann. Hormone wie Leptin schützen vor Hunger, bremsen Überernährung jedoch kaum, besonders bei hochverarbeiteten und flüssigen Kalorien.
- Hochverarbeitete Lebensmittel und genetische Unterschiede stören das natürliche Sättigungsgefühl. Deshalb nehmen manche Menschen zu, obwohl sie nicht deutlich mehr essen, und können Kalorienüberschüsse kaum ausgleichen.
- Die Therapie orientiert sich heute stärker an der Biologie. Medikamente, bestimmte Fastenformen und technische Hilfsmittel können helfen, müssen aber langfristig tragbar sein, da Adipositas als chronische Erkrankung gilt.
Übrigens: Intervallfasten gilt vielen als einfacher Weg zu besserem Stoffwechsel – doch neue Daten zeigen, dass verschobene Essenszeiten allein kaum etwas verändern, wenn die Kalorienmenge gleich bleibt. Warum am Ende nicht das Zeitfenster entscheidet, sondern die Energiebilanz, steht in unserem Artikel.
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