Mehrwertsteuererhöhung würde Familien und Ärmere besonders hart treffen

Eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung könnte den Alltag verteuern. Besonders Familien und Geringverdiener wären stärker belastet.

Schon ein Prozentpunkt mehr kann spürbare Folgen haben: Laut Berechnungen träfe eine höhere Mehrwertsteuer Haushalte mit knappen Budgets besonders stark. © Unsplash

Schon ein Prozentpunkt mehr kann spürbare Folgen haben: Laut Berechnungen träfe eine höhere Mehrwertsteuer Haushalte mit knappen Budgets besonders stark. © Unsplash

Eine Mehrwertsteuererhöhung klingt zunächst nach einem schnellen Mittel, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Im Alltag bedeutet sie vor allem höhere Preise. Sie wirkt bei jedem Einkauf und trifft damit viele Haushalte direkt. Gerade Familien und Menschen mit geringem Einkommen spüren diese Veränderungen besonders deutlich.

Die Idee wird derzeit politisch diskutiert. Eine Kurzstudie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung legt dazu nun konkrete Berechnungen vor. Die Autoren Sebastian Dullien und Silke Tober warnen vor den Folgen für Verteilung, Preise und Konjunktur.

Mehrwertsteuererhöhung belastet Haushalte unterschiedlich stark

Ein Prozentpunkt mehr beim regulären Steuersatz wirkt zunächst gering, über das Jahr hinweg kommt jedoch einiges zusammen: Eine Familie mit zwei Kindern und rund 3.800 Euro brutto zahlt laut Berechnungen rund 11 Euro mehr im Monat. Das entspricht rund 0,3 Prozent des Einkommens.

Bei Alleinlebenden mit ähnlichem Einkommen fällt die Belastung mit 0,2 Prozent geringer aus. Wer sehr viel verdient, spürt die Erhöhung deutlich weniger. Dort sinkt der Anteil auf rund 0,1 Prozent.

Der Unterschied entsteht vor allem beim Konsum. Haushalte mit wenig Geld geben einen großen Teil ihres Einkommens direkt aus, und genau dieser Teil wird besteuert. „Die Mehrwertsteuer belastet ärmere Haushalte stärker als Haushalte mit hohen Einkommen“, schreiben Dullien und Tober.

Familien zahlen im Alltag sichtbar mehr

Familien sind zusätzlich belastet. Ihre Ausgaben für den täglichen Bedarf sind höher – dadurch wirken Preissteigerungen umso stärker.

Ein häufig diskutierter Vorschlag soll diese Schieflage abmildern: Der reguläre Satz soll steigen, während der ermäßigte Satz sinkt. Lebensmittel oder Tickets könnten dadurch günstiger werden.

Aus den Berechnungen ergeben sich drei Varianten:

  • Plus 1 Prozentpunkt beim regulären Satz, minus 2 Punkte beim ermäßigten Satz: Für viele Haushalte ändert sich unter dem Strich nur wenig. Die Entlastung bei günstiger besteuerten Waren federt einen Teil der Mehrkosten ab.
  • Nur der reguläre Satz steigt: Dann wächst der finanzielle Effekt für den Staat deutlich stärker, weil die Entlastung bei Lebensmitteln oder Tickets wegfällt. Die zusätzliche Steuer greift dann breiter im Alltag.
  • Der reguläre Satz steigt deutlich stärker: Dann wachsen die Einnahmen weiter, die Belastung wird aber auch für alle Haushalte spürbar. Familien und Menschen mit wenig Einkommen bleiben dabei relativ stärker betroffen.

Staat muss zwischen Einnahmen und Entlastung abwägen

Hebt der Staat nur den regulären Mehrwertsteuersatz an, kommen für den Bund mehr als acht Milliarden Euro zusätzlich zusammen. Wird gleichzeitig der ermäßigte Satz gesenkt, schrumpft dieser Effekt deutlich. Am Ende bleiben rund 4,6 Milliarden Euro übrig.

Mehr Geld kommt erst bei einer deutlich stärkeren Erhöhung. Drei Prozentpunkte mehr beim regulären Satz bringen etwa 21 Milliarden Euro ein. In diesem Fall steigen jedoch die Belastungen für alle Haushalte. Die Autoren schreiben, dass eine solche Kombination „alle Haushalte netto belasten“ würde.

Mehrwertsteuererhöhung kann Inflation deutlich erhöhen

Die mögliche Änderung würde sich auch auf die Preise auswirken. In einem Szenario steigt die Inflationsrate um fast einen Prozentpunkt.

Diese Berechnung bildet jedoch nur einen Teil der Realität ab. Unternehmen könnten Preissteigerungen stärker weitergeben. Zudem bleibt offen, ob niedrigere Steuersätze vollständig bei den Verbrauchern ankommen.

Das sind die wichtigsten Effekte auf einen Blick:

  • Preise steigen schneller als erwartet
  • Entlastungen erreichen Verbraucher oft nur teilweise
  • Kaufkraft sinkt spürbar

Konsum und Bau reagieren besonders empfindlich

Höhere Preise bleiben selten ohne Folgen. Viele Haushalte halten sich bei größeren Anschaffungen zurück oder verschieben sie auf später. Das bremst die Nachfrage – gerade in einer Phase, in der sich die Wirtschaft ohnehin nur langsam erholt.

Im Wohnungsbau wird das besonders deutlich. Bauleistungen werden mit dem regulären Steuersatz berechnet. Steigt dieser, verteuern sich Projekte direkt. Für viele Vorhaben rechnet sich das dann nicht mehr, sie werden verschoben oder ganz gestrichen.

Dullien und Tober warnen deshalb davor, dass eine Mehrwertsteuererhöhung Konsum und Wohnungsbau gefährden könnte.

Zinsen könnten zusätzlich steigen

Steigende Preise setzen auch die Europäische Zentralbank unter Zugzwang. Wenn die Inflation anzieht, werden höhere Zinsen wahrscheinlicher. Kredite werden teurer und viele Investitionen geraten ins Stocken.

Das bekommt nicht nur die Bauwirtschaft zu spüren, sondern auch Teile der Industrie. In einer ohnehin schwierigen Lage verstärkt sich der Druck weiter.

Entlastung erreicht viele Haushalte nur teilweise

Ein Ausgleich über Einkommensteuer oder Sozialabgaben wird oft vorgeschlagen. In der Praxis profitieren viele Haushalte davon kaum. Geringverdiener zahlen oft wenig oder gar keine Einkommensteuer. Entlastungen fallen dort deshalb gering aus. Bei den Sozialabgaben kommt hinzu, dass ein Teil des Effekts auch bei den Unternehmen landet. Nach Einschätzung der Autoren ließe sich die Zusatzbelastung durch eine höhere Mehrwertsteuer selbst mit Entlastungen bei Einkommensteuer oder Sozialabgaben nicht vollständig ausgleichen.

Damit bleibt die Debatte heikel. Eine höhere Mehrwertsteuer könnte zwar zusätzliche Einnahmen für den Staat bringen, würde nach den Berechnungen aber ausgerechnet jene stärker treffen, die im Alltag ohnehin wenig Spielraum haben.

Kurz zusammengefasst:

  • Eine Mehrwertsteuererhöhung würde Haushalte ungleich belasten: Familien und Geringverdiener zahlen relativ mehr, weil sie einen größeren Teil ihres Einkommens ausgeben.
  • Modelle mit Ausgleich senken zwar die Belastung, bringen dem Staat aber deutlich weniger Einnahmen – höhere Einnahmen gibt es erst bei stärkeren Erhöhungen, die alle treffen.
  • Steigende Preise schwächen Konsum und Bau, heizen die Inflation an und können über höhere Zinsen die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich bremsen.

Übrigens: Während in Deutschland über eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung diskutiert wird, zeigt eine Analyse, dass höhere Steuern auf Fleisch sogar Emissionen senken könnten – bei nur rund 26 Euro Mehrkosten im Jahr. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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