Anders als nach Beginn des Ukraine-Kriegs: Iran-Preiswelle trifft vor allem Familien

Steigende Öl- und Spritpreise treiben die Inflation auf 2,9 Prozent. Familien spüren die Belastung derzeit besonders stark.

Mann tankt ein Auto

Familien spüren die neue Inflation besonders stark, weil steigende Spritpreise ihren Alltag verteuern. © Unsplash

Die Inflation ist wieder dort zu spüren, wo viele Haushalte kaum ausweichen können: an der Zapfsäule, beim Heizen, auf dem Weg zur Arbeit. Seit Beginn des Iran-Kriegs sind Öl und Kraftstoffe deutlich teurer geworden. Anders als nach Beginn des Ukrainekriegs trifft die aktuelle Preiswelle Familien bislang stärker über Benzin, Diesel und Heizöl als über Lebensmittel. Der aktuelle Inflationsmonitor der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Nicht der Wocheneinkauf ist derzeit der größte Preistreiber, sondern Energie und Mobilität.

Wie stark das einzelne Haushalte belastet, hängt weniger vom Durchschnitt ab als vom Alltag: Wer auf das Auto angewiesen ist, spürt den Preissprung schneller. Besonders Familien geraten dadurch stärker unter Druck als viele Alleinlebende.

Warum Familien derzeit die höchste Inflation spüren

Die allgemeine Inflationsrate stieg im April auf 2,9 Prozent. Das waren 0,2 Prozentpunkte mehr als im März. Besonders stark verteuerten sich Kraftstoffe und Heizöl. Kraftstoffpreise lagen laut Inflationsmonitor 26,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Seit Dezember 2025 verteuerte sich Super E10 um 41 Cent pro Liter. Diesel legte sogar um 64 Cent zu.

Familien trifft dieser Anstieg besonders hart. Paarhaushalte mit mittlerem Einkommen kamen im April auf eine Inflationsrate von 3,0 Prozent. Familien mit geringerem Einkommen lagen bei 2,9 Prozent. Alleinerziehende mit mittlerem Einkommen erreichten 2,8 Prozent. Alleinlebende mit wenig Einkommen kamen dagegen nur auf 2,1 Prozent Inflation.

Der Unterschied hängt stark mit dem Alltag zusammen. Singles mit geringem Einkommen besitzen oft kein Auto. Familien dagegen geben einen deutlich größeren Teil ihres Budgets für Kraftstoff aus. Allein Benzin und Diesel trugen bei Familien 1,3 Prozentpunkte zur Inflation bei.

Ölpreise treffen Familien schneller im Alltag

Vor vier Jahren, nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, lag die Inflation bei Familien mit niedrigem Einkommen bei 7,5 Prozent. Familien mit mittlerem Einkommen kamen damals auf 7,3 Prozent. Selbst Alleinlebende mit wenig Einkommen mussten 6,5 Prozent Preissteigerung verkraften.

Diesmal bleiben Lebensmittel bisher vergleichsweise stabil. Nahrungsmittel verteuerten sich seit Dezember 2025 um 1,6 Prozent. Nach Beginn des Ukrainekriegs lag der Anstieg im gleichen Zeitraum bereits bei 7,3 Prozent.

Der Grund liegt laut IMK-Inflationsexpertin Dr. Silke Tober auch in der Art des Konflikts. Die Ukraine zählt zu den wichtigen Exporteuren von Getreide und Pflanzenölen. Der Krieg ließ damals Agrarrohstoffe weltweit schnell teurer werden. Der Konflikt mit dem Iran wirkt bislang indirekter über Energie-, Transport- und Düngemittelpreise.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch Entwarnung. Höhere Ölpreise wirken oft zeitverzögert. Transporte werden teurer. Unternehmen zahlen mehr für Energie. Später steigen häufig auch Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen.

Warum Spritpreise Familien derzeit besonders belasten

Der neue Öl-Preisschock verteilt sich sehr ungleich über die Gesellschaft. Besonders deutlich wird das beim Blick auf typische Ausgaben. Familien zahlen derzeit vor allem mehr für:

  • Kraftstoff
  • Heizöl
  • Fahrten zur Arbeit
  • Freizeitwege mit dem Auto

Singles mit geringem Einkommen trifft dagegen eher:

  • Miete
  • Lebensmittel
  • Alltagskosten ohne Auto

Nicht automatisch die ärmsten Haushalte tragen derzeit die höchste Belastung. Entscheidend bleibt, wie stark ein Haushalt vom Auto abhängt.

Hinzu kommt ein weiterer Unterschied zur Lage 2022. Erdgas belastet viele Verbraucher bislang deutlich weniger. Viele Haushalte besitzen langfristige Verträge. Deshalb schlagen steigende Großhandelspreise noch nicht voll auf private Rechnungen durch. Laut Inflationsmonitor lagen die Gaspreise für private Haushalte im April sogar leicht unter dem Vorjahresniveau.

Experten warnen vor einer zweiten Preiswelle

Die Entwicklung im Nahen Osten bleibt für die Preise entscheidend. Sollte der Konflikt länger andauern, könnten sich die Folgen deutlich ausweiten. Besonders die Blockade der Straße von Hormus gilt als Risiko für den weltweiten Energiehandel.

„Noch bleibt ein bis zum Sommer begrenzter Höhenflug der Rohöl- und Erdgaspreise ein realistisches Szenario“, so Tober. Gleichzeitig warnt die Ökonomin: „Wie der Ukrainekrieg könnte jedoch auch der Iran-Krieg einen größeren und breiter angelegten Angebotsschock bewirken mit schwerwiegenderen negativen Auswirkungen auf die Inflation und die wirtschaftliche Aktivität.“

Die Untersuchung nennt mehrere Risiken:

  • teurere Transporte
  • höhere Produktionskosten
  • steigende Düngerpreise
  • belastete Lieferketten

Vor allem Lebensmittelpreise reagieren oft später. Nach Beginn des Ukrainekriegs 2022 erreichte die stärkste Nahrungsmittel-Teuerung erst rund ein Jahr später ihren Höhepunkt.

Politik diskutiert neue Entlastungen

Mit den steigenden Preisen wächst die Debatte über staatliche Hilfen. Der Inflationsmonitor hält einen zeitweisen Tankrabatt weiterhin für sinnvoll. Laut Tober entlaste er private Haushalte und Unternehmen zugleich und senke zusätzlich die gemessene Inflation. Außerdem stehen weitere Maßnahmen im Raum:

  • neue steuerfreie Inflationsausgleichszahlungen
  • niedrigere Strompreise
  • Energiepreisbremsen
  • Übergewinnsteuern
  • ein Tempolimit auf Autobahnen
  • mehr Homeoffice

Auch die Europäische Zentralbank spielte in der Analyse eine wichtige Rolle. Die EZB habe „umsichtig agiert“, als sie im April auf eine Zinserhöhung verzichtete, so Tober. Hohe Energiepreise belasteten bereits jetzt die Wirtschaft und besonders die angeschlagene Industrie. Zusätzliche Zinserhöhungen könnten Unternehmen und Verbraucher weiter unter Druck setzen.

Kurz zusammengefasst:

  • Die neue Inflation trifft Familien stärker als viele andere Haushalte, weil steigende Sprit- und Heizölpreise ihren Alltag direkt verteuern.
  • Anders als nach Beginn des Ukrainekriegs bleiben Lebensmittelpreise bisher noch vergleichsweise stabil, doch Experten warnen vor einer späteren zweiten Preiswelle.
  • Entscheidend für die persönliche Belastung ist derzeit weniger das Einkommen allein, sondern vor allem die Frage, wie stark ein Haushalt vom Auto und von Energiepreisen abhängt.

Übrigens: Während viele Familien bereits unter steigenden Sprit- und Heizkosten leiden, könnte auch Gasheizen in den kommenden Jahren deutlich teurer werden. Eine neue Analyse warnt vor Mehrkosten von rund 350 Euro pro Jahr durch Wasserstoff, Biomethan und steigende CO₂-Preise. Mehr dazu in unserem Artikel.

Bild: © Unsplash

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